Michael betrieb in dritter Generation …

… einen Späti in seinem Kiez in Berlin. Opa Hans eröffnete den Laden in den 1920er Jahren als Budike. Es war ein „schnieker“ Laden, der alles zum täglichen Leben hatte und in dem sich Anwohner und Laufkundschaft auf eine Zigarette und ein Feierabendbier regelmäßig trafen. Opa Hans liebte die (zu) junge, blonde Nachbarin Martha, die immer „Eckstein No. 5“ für ihren Vater kaufte, und – ein einziges Mal – verlustierten sie sich heimlich in der Besenkammer hinten links im Laden. Sieben Monate später heirateten sie und wiederum zwei Monate später kam sein Vater Günter zur Welt. Als Opa Hans nicht mehr konnte und Papa Günter arbeitslos wurde, übernahm Günter die Budike und führte sie als Kramladen fort. Günter starb viel zu früh; Lungenkrebs. Schon lange spielte Michael mit dem Gedanken aus seinem gutbürgerlichen Leben ausszusteigen und übernahm nach Papas Tod dessen Laden, in dem er die schönste Zeit seiner Kindheit verbracht hatte, und machte einen Späti daraus. Bis zu jenem 29. Februar als die Schutzgelderpresser ihm mit einem Hammer die Kniescheibe zertrümmerten. Dieser Angst war er nicht gewachsen.

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/05/28/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-22-17-wortspende-von-gerdakazakou/

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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6 Antworten zu Michael betrieb in dritter Generation …

  1. gingerpoetry schreibt:

    eine Geschichte über 3 Generationen in 10 Sätzen – und was für ein tragisches Ende. Gerade die vordergründig „lapidare“ Erzählsprache unterstreicht das Tragische, finde ich. Vermutich ist das Ende mitten aus dem Leben, leider.
    Liebe Grüße
    Carmen

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  2. Mrs Postman schreibt:

    Wow, sehr intensiv. Klasse!

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  3. Christiane schreibt:

    Drei Leben in 10 Sätzen und ein beklemmend realistischer Schluss. Ach, ach, ach.
    Schön, dass du deiner Phantasie wieder Auslauf gegeben hast!
    Liebe Grüße zum Sonntag
    Christiane

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