„Die Ereignisse kommen so unvorhersehbar auf uns zu, so ungerecht. Das menschliche Glück scheint im Schöpfungsplan nicht enthalten zu sein. Nur wir allein können mit unserer Fähigkeit zu lieben dem gleichgültigen Universum eine Bedeutung geben.“

»[…] Verliebtheit ist demnach kein höherer Geisteszustand, nicht einmal ein Gefühl, sondern ein archaischer Trieb
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Ein Abhängiger ist in Kokain verliebt und jemand Verliebtes abhängig von seiner oder seinem Angebeteten. Die physiologische Ähnlichkeit bleibt auch, wenn das Objekt der Begierde außer Reichweite rückt. Ob Drogenentzug oder Liebeskummer, der zerebrale Leidenszustand ist der gleiche.
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Aber Begierde ist eben nicht gleich Liebe. Man kann begehren, ohne zu lieben, und lieben, ohne zu begehren.
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Das ist die Liebe, sagt Aristophanes, die Sehnsucht nach der verlorenen Vollständigkeit.
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Die große Liebe hat keinen Plural.
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„Ich habe das Gefühl, in der Liebe zu Anna (oder Bruno) zu mir selbst gefunden zu haben.“
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Die Liebe gibt ihnen den Ort in der Welt, an den sie gehören – eine feste Basis, von der aus sie nicht nur nehmen, sondern ebenso geben können: Auch die Menschen, mit denen die Liebe sie verbindet, können darin das Gleiche finden. „Liebe ist die Entrückung, die wir für Menschen und Dinge verspüren, die in uns die Hoffnung auf ein sicheres Fundament für unser Leben wecken“
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Kein Wunder […], dass Liebe heute schwererfällt als früher, wenn Menschen gleichzeitig Freiheit und Beständigkeit wollen; wenn sie die Liebe für ein Gefühl halten und sich gleichzeitig wünschen, dass sie für immer bleibt; wenn sie die Eine oder den Einen suchen und sich dabei in der Menge der Möglichkeiten verlieren; wenn sie sich nach Nähe sehnen und nicht einmal wissen können, was der andere von ihnen will und erwartet.
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Die Bühne der Zwei entsteht, so Badiou, wenn „der andere, mit seinem Sein bewaffnet, in mein Leben getreten ist und es damit zerbrochen und neu zusammengesetzt hat“.
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Wer liebt, verändert seine Identität. Neue Dinge werden ihm wichtig. Aufgeben muss er seine Identität deshalb nicht.
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Ein liebender Mensch verleugnet nicht sein Wesen. Aber er ändert sein Leben.
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Es ist nicht so, dass man einen Menschen liebt, weil er ganz oben auf einer Rangliste steht. Sondern umgekehrt: Er steht ganz oben, weil man ihn liebt.
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Liebe braucht eine gewisse Sturheit.
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„Es gab Dramen, Zerfleischungen und Ungewissheiten, aber ich habe niemals mehr eine Liebe verlassen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diejenigen, die ich geliebt habe, auf ewig geliebt habe und noch liebe.“
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Es genügt nicht, sich der Liebe einfach hinzugeben, man muss sich auf sie einlassen und sie bewusst pflegen.
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Liebe fällt also nicht vom Himmel. Sie lässt sich mit einfachen Mitteln gezielt erzeugen – oder zumindest begünstigen.
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Wichtiger ist, dass die Liebe selbst ein Grund ist, Dinge zu tun. Man stelle sich zum Beispiel eine Frau vor – nennen wir sie Anna –, die am Wochenende dringend einen Gefallen von ihrer Partnerin Britta braucht. Anna zögert jedoch, Britta darum zu bitten, weil sie damit Brittas Pläne fürs Wochenende durchkreuzen würde. Es ist Anna peinlich, die Gutmütigkeit ihrer Partnerin auszunutzen. Tatsächlich aber tut Britta ihr diesen Gefallen gern. Sie will es Anna sogar einfacher machen, danach zu fragen. Warum tut Britta ihr diesen Gefallen gern? Nicht weil sie sich für sich selbst etwas davon verspricht. Auch nicht, weil sie ein grundsätzlich hilfsbereiter Mensch ist. Sondern weil es wichtig für Anna ist – und damit auch wichtig für Britta. Sondern einfach weil Britta Anna liebt. Mehr an Gründen braucht es nicht.
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Die Gründe, aus denen sie entsteht, mögen Zufälligkeiten sein. Die Gründe, die sie schafft, sind es nicht. Liebe schafft Verbindlichkeit.
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Ein liebender Mensch verspürt die Anziehung, die der geliebte Mensch auf ihn ausübt, und pflegt sie wie einen Garten.
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Gut zu lieben ist eine Fähigkeit, die Talent, Willen und Lernbereitschaft voraussetzt. Zwei einander Liebende müssen laufend ihre Wünsche, Bedürfnisse und Interessen in Einklang bringen. Die Praxis der Liebe ist ein gemeinsamer Marathonlauf auf einem Drahtseil.
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„Ständige Kompromisse.“«

Tobias Hürter | DIE ZEIT
| 29.01.2017 | Liebe – Beziehungen | http://www.zeit.de/zeit-wissen/2017/01/beziehungen-liebe-philosophie-platon-dating-apps-erotik/komplettansicht

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