Sie dachte daran zurück, wie sie damals …

gesenkten Hauptes und tränenüberströmt, stundenlang durch diese Straßenschluchten ihrer haßgeliebten Stadt Frankfurt schlurfte, nachdem die Vorahnungen, die sie verdrängte, sich plötzlich bewahrheiteten, sie jedoch wie einen Schock trafen und in eine tiefe Trauer stürzten: er hatte seine Koffer gepackt, war gegangen und hatte sie, gesundheitlich angeschlagen, und ihre beiden zwei- und dreijährigen Kinder verlassen.

Sie hatte alles versucht, mit ihm noch einmal ins Gespräch zu kommen, ihn angefleht, sie und die Kinder doch nicht im Stich zu lassen; sie hatte ihn angeschrien, dass sie keine Vorstellung davon habe, wie es mit ihr und den Kinder weitergehen solle …

Lange hatte sie die Trennung vor ihrer Familie und Freunden verschwiegen und allen gesagt, wie gut es ihr gehe.

Als die Wut kam, zerdepperte sie sämtliches, gemeinsam ausgesuchtes Geschirr.

Tagelang lag sie apathisch im Bett und dachte daran, wie sie sich und die Kinder am schmerzlosesten umbringen konnte. –

Immer wieder klingelte es an ihrer Tür, die sie nicht öffnen mochte – doch angesichts der Kinder, die sich die Nasen an der Fensterscheibe neben dem Hauseingang plattdrückten, blieb der Besucher hartnäckig und klingelte immer weiter.

Als sie die Tür endlich öffnete, stand dort Michael, ihr Kollege aus der Firma; er hatte Gerüchte von der Trennung gehört und wollte es genauer wissen.

Erst nahm er sie in den Arm, dann an die Hand, eröffnete ihr verschiedene Perspektiven, die sich ihr nun boten, half ihr bei der Wohnungssuche, der Renovierung und dem Umzug.

Er wich ihr nicht mehr von der Seite und sie genoss den für sie einzigartigen Halt, den er ihr bot, die für sie einzigartige Ruhe, die er ausströmte; er stand wie ein Fels in der Brandung des wogenden Lebens – ihres Lebens.

Diese Achterbahn der Gefühle hinter sich lassend, lief sie also heute wieder durch dieselben Straßenschluchten ihrer haßgeliebten Stadt Frankfurt: jetzt hüpfend und den Blick gen Himmel gerichtet, der sich ihr in seinem strahlendsten Blau darbot.

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/07/02/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-27-17-wortspende-von-wortbehagen-de/

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7 Gedanken zu “Sie dachte daran zurück, wie sie damals …

  1. Wie schön, dass es auch mal gut geht, so etwas. Ich wünsche ihm (und ihr) unbedingt, dass er sich nicht nur als ein „Übergangsmann“ herausstellt und ihre Liebe nicht primär Dankbarkeit war. Das weiß man (als Frau) am Anfang oft nicht.
    Liebe Grüße, danke dir
    Christiane

    Gefällt 1 Person

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