„… die Gewalt ist ja nicht eingeführt worden von denen, die den Gegenangriff gemacht haben …“

Gewalt ist die wirtschaftliche und militärische Nutzung der Kernspaltung.

Gewalt ist Hunger („Hunger ist kein Naturgesetz, sondern politisch gewollt.“ -Jean Ziegler): alle fünf Sekunden stirbt ein Kind an Hunger.

Gewalt ist die Ausbeutung des Planeten Erde: Ein durchschnittlicher US-Amerikaner verbraucht 32 Mal so viele Ressourcen wie ein durchschnittlicher Kenianer.

Gewalt ist Fluchtursachen (Krieg, Ausbeutung, unfaire Welthandelsordnung) zu schaffen oder sie nicht zu beseitigen.


[…]
Gero von Boehm [GvB]:
Viele folgen Ihnen, haben Angst und beginnen zu handeln, zum Beispiel in der Friedensbewegung.

Günther Anders [GA]:
Ja, aber ich würde sagen, die Menschheit wird von den SDI-vorbereitenden und trotz Tschernobyl Kraftwerke-Weiterbauenden, von den Schnelle-Brüter-Herstellenden Männern wirklich angegriffen. Ich glaube, die Menschheit ist einer Notwehrsituation und hat sich als angegriffen aufzufassen. Ich bin sehr vorsichtig, weil ich weiß, dass ich mir hier auf einer dünnen Eisdecke befinde, die zusammenbrechen kann – aber ich kann es negativ ausdrücken: Gegen eine Gefährdung mit Vernichtung kann man nicht mit gewaltlosen Mitteln ankämpfen. Die lieben es sehr, diejenigen, die an der atomaren Weiterrüstung arbeiten, dass es die Pazifisten gibt, weil sich diese Pazifisten eben darauf beschränken, Händchen zu halten oder der Polizei Nelken zu überreichen.

GvB:
Aber Herr Anders, sagen Sie mir, welche Art der Gewalt könnte gegen diese Gewalt, die Sie jetzt beschrieben haben, anwendbar sein?

GA:
Ich werde Ihnen hier jetzt nicht eine Theorie des Anarchismus oder des Terrorismus entwickeln. Ich weiß, dieses Problem ist das moralisch schwierigste Problem und verantwortungsvollste Problem, das es gibt. Aber ich glauben, dass allein schon die Verbreitung der Einsicht, dass man der Gewalt, die gegen uns mobilisiert worden ist, nicht mit freundlichen Happenings begegnet.

GvB:
Das gilt aber beispielsweise für die Aktionen der sogenannten Autonomen in Wackersdorf ganz sicher nicht. Das war und ist Gewalt, damit fängt die Spirale der Gewalt an, und damit werden Mittel der Politik über Bord geworfen.

GA:
Dieses Mittel der Politik – die Gewalt ist ja nicht eingeführt worden von denen, die den Gegenangriff gemacht haben. Der Angriff kommt ja von der atomaren Rüstung.
[…]

Quelle: Begegnungen. Menschenbilder aus drei Jahrzehnten. Collection Rolf Heyne, München 2012, ISBN 978-3-89910-443-1


Helmut Schmidt [HS] auf die Giovanni di Lorenzos [GdL] Frage, dass der Preis inzwischen zu hoch ist für Weltwirtschaftsgipfel, die hinter Mauern, Stacheldraht und Sperrzäunen stattfinden:

[…]
HS:
„Ja, das hängt damit zusammen, dass die Regierungen zu viel Aufwand betreiben. Wenn man sich im kleinen Kreis irgendwo weit weg in der Landschaft träfe, so wie früher …“

GdL:
„Aber Heiligendamm ist ja auch weit weg.“

HS:
„Nein Heiligendamm ist dicht bei Berlin und dicht bei Hamburg, in einem hochbevölkerten Staat, nämlich in Deutschland.“

GdL:
„Sollen sie sich denn auf dem Mond treffen?“

HS:
„Ja, oder wie einstmals auf einer Insel oder in einem Golfhotel, weit abgelegen in einem Tal, zwischen hohen Bergen.“
[…]

Und weiter zu der Idee solcher Treffen und was die heute Herrschenden daraus gemacht haben:

[…]
HS:

„Aber wir haben keinen öffentlichen Aufwand betrieben. Wir haben uns in einem Wohnzimmer getroffen [1975], in einem Schlößchen außerhalb von Paris. Und die Medien wurden über viele Kilometer auf Abstand gehalten. Es kam auch niemand auf die Idee, seinem Mitarbeiter zu sagen: Geh mal raus und erzähl unserer Presse, was ich soeben gerade Kluges geredet habe. Es waren private Treffen, keine riesigen Trosse nahebei. Inzwischen sind die Gipfeltreffen leider verkommen zu Medienevents, und die Teilnehmer sind selbst Schuld daran.

GdL:
„Ist das ein Grund dafür, dass sie so provozieren?“

HS:
„Wahrscheinlich ja. Was da verhandelt werden muss – zum Beispiel Globalisierung oder Rüstung und Abrüstung oder Klima -, ist allerdings schon Reizthema genug.
[…]

Quelle: Helmut Schmidt, Giovanni di Lorenzo: Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, ISBN 978-3-462-04065-4. (Zusammenstellung von Interviews des Die-Zeit-Chefredakteurs mit Schmidt, die in der Kolumne „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“ erschienen sind)

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