Immer wenn er an Haus Nr. 16 in dieser Straße vorbeikam, …


… stiegen die Erinnerungen in ihm auf.

Hier verbrachte er viele schöne Tage und Stunden seiner Kindheit, bei der Oma, die er so liebte.

Es war ein hochherrschaftliches Haus, das seine lebendigsten Tage hinter sich hatte.

Die ehemalige Arztpraxis im Erdgeschoss stand seit Jahrzehnten leer.

Die Witwe des Arztes bewohnte die zweihundert Quadratmeter der ersten Etage; die sehr hohen Decken waren mit Stuck ornamentiert, der Bechstein-Flügel hatte sein eigenes Zimmer.
Die Oma bewohnte die bescheidene oberste Etage mit ihren Dachschrägen und kleinen Zimmern.

Er erinnerte sich an den Raum, in dem seine elektrische Eisenbahn, Märklin H0, aufgebaut war, an den abendlichen Hagebuttentee mit ganz viel Zucker; an das sonntagmorgendliche Hafenkonzert aus Friedrichshafen am Bodensee, das während des Frühstücks in der Küche im Kofferradio übertragen wurde; an das gleichmäßige Surren der Singer-Nähmaschine, wenn die Oma für die Arbeiterwohlfahrt stundenlang nähte; an den Duft des frisch von Hand aufgebrühten Kaffees zum nachmittäglichen Teilchen [1] …

Und da war der riesige Garten hinter dem Haus mit dem hohen Kirschenbaum, dessen süße Früchte er so gern aß, vornehmlich in Pfannkuchen verbacken und er erinnerte sich an die heißen Sommer, in denen ihn die Oma mit einem Gartenschlauch nassspritzte; an das Herbstlaub verbrennende Feuerchen; an die Gartenlaube hinten links in der Ecke und rechts gegenüber das kleine Schwimmbecken; an das Rasenmähen mit dem Spindelmäher und vor allem an das Kaffeetrinken im Freien, ganz hinten im schattigen Teil des Gartens zwischen den efeuberankten Gartenmauern …

Schon als Kind träumte er davon, dieses hochherrschaftliche Anwesen eines Tages erwerben zu können und in seiner Substanz und – vor allem – Ausstrahlung zu bewahren; er glaubte fest an den dazu benötigten Lottogewinn.

Mit dem Aufstellen ihres Stativs mit dem Tachymeter zerstörten die Vermessungsingenieure jäh diesen Traum: ein Investor plant den Abriss und den Bau eines lukrativen Alten- und Pflegeheims; nun wird er ALLEN Erinnerungen nachspüren müssen, sie niederschreiben, um später seine Kinder und Enkel an der glücklichsten Zeit seiner Kindheit und dem begrabenen Kindheitstraum teilhaben zu lassen.

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/07/23/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-30-17-wortspende-von-visitenkartemyblog/

[1]: https://de.wikipedia.org/wiki/Feine_Backwaren

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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11 Antworten zu Immer wenn er an Haus Nr. 16 in dieser Straße vorbeikam, …

  1. Anna-Lena schreibt:

    Das erinnert mich an das Elternhaus meines Vaters in Witten/Ruhr. Als Kind war ich immer gerne da und in den siebziger Jahren wurde die komplette Siedlung – eine alte Werkssiedlung, die man mit zunehmender Industrialisierung dort erreichtet hatte – abgerissen. Und ich habe nur so wenige Bilder davon…..

    Herzlich
    Anna-Lena

    Gefällt 1 Person

  2. Ulli schreibt:

    Die Erinnerungen an die eigene Kindheit für die Enkelkinder aufzuschreiben ist eine tolle Idee. Schade nur, dass der Erinnerungsort zerstört wird!
    herzliche Grüße
    Ulli

    Gefällt 1 Person

  3. Christiane schreibt:

    Das ist wunderschön und wehmütig zugleich. Ja, schreib, das ist eine gute Idee! Tja, gegen einen Investor kommt man mit einem Kindheitstraum selten an; am schlimmsten finde ich es, wenn an die Stelle alter Häuser mit Geschichte glatte und seelenlose Neubauten treten …
    Liebe Grüße
    Christiane,
    die hier gern ein paar Grad Wärme mehr hätte, also, wenn du was über hast …

    Gefällt 2 Personen

  4. Karin schreibt:

    Das weckt Erinnerungen, denn auch mein Kinderparadies ist der Abrißbirne zum Opfer gefallen, zwar nicht für ein Altenheim, aber einem Discounter. Obwohl – so schön die frühe Kinderzeit dort war – ich möchte heute, selbst wenn es noch stünde, dort nicht mehr leben.
    Es wünscht einen erinnerungseligen Sonntag, Karin

    Gefällt 2 Personen

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