„Unsere Freiheit wird gar nicht beschnitten, wenn wir die Rechte der Tiere achten. Wir mögen ein paar Zutaten beim Kochen verlieren, doch als Menschen können wir dabei nur gewinnen.“

»[…] Es fällt schwer, für Tierrechte zu werben in diesen Zeiten, in denen bereits die Menschenrechte so fragil scheinen wie lange nicht mehr. Dreitausend Menschen sind in dem ersten Halbjahr 2016 im Mittelmeer ertrunken; ihre Menschenrechte auf Leben, Zuhause, Sicherheit blieben leider ungeschützt. Sogar der Konsens des Gewaltverzichts, der für die europäische Moderne gleichsam zum identitätsstiftenden Merkmal geworden ist, scheint vielerorts gebrochen. In Grossbritannien wird auf offener Strasse eine Politikerin ermordet, Terroranschläge erschüttern Frankreich, die Türkei und auch Deutschland, wo zudem Flüchtlingsheime brennen. Es ist, als begänne eine Lust am Quälen und Töten ihre Fesseln abzustreifen, als bräche der dünne Firnis der Zivilisation auf.
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Wenn man den Tieren Aufmerksamkeit schenke, fehle sie für den Menschen. Allerdings essen die meisten dieser Bedenkenträger Fleisch und nutzniessen bequemerweise in vielen anderen Lebensbereichen, ob bewusst oder unbewusst, vorsätzlich oder nicht, von unserer Herrschaft über die Tierwelt.
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Ideologien helfen uns, das Offensichtliche zu ignorieren. Also das Leid des Schweins, das mit der eigenen Gülle eingesperrt ist, auszublenden, wiewohl wir dieselbe Behandlung einer Katze als Tierquälerei anzeigen würden.
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Die Katze allerdings ist ein von uns persönlich geliebtes Tier, wir nennen es «Haustier». Das Tier im landwirtschaftlichen Stall hingegen «ist nur ein Nutztier», es «wurde dazu gezüchtet» . . . Doch wer bestimmt das? Geht diese Unterscheidung nicht auf den Sklavenhalter zurück, der seine lebenden Besitztümer selbstherrlich einteilt in einige, die zum Streicheln, und andere, die zum Dienen da sind?
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Denn besorgniserregend ist nicht nur die Verrohung, an die sich der Tierquäler gewöhnt; bereits der Tierkonsument, der ja selbst nicht aktiv Leid zufügt, gewöhnt sich daran, ohne stichhaltige Gründe Grenzen zu errichten, um seine Bequemlichkeit nicht zu erschüttern
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Was für unseren Wunsch gilt, am Leben zu bleiben, gilt ebenso für die uns verwandten Tiere. Wir lernen auch – ob auf Tierhaut-Sofas oder beim Grillieren –, über tote Körper hinwegzusehen und Lebewesen zu bloss materiellen Dingen zu degradieren. Wir lernen, einige Lebensbereiche auszugliedern aus dem Bereich moralischen Handelns und zu behaupten: «Ich darf essen, was ich will.»
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Doch endet die Freiheit der rein privaten Entscheidung da, wo es um Dritte geht, die durch unser Tun in Mitleidenschaft gezogen werden. Kaufen, sexuell verkehren, essen – all dies sind zunächst Tätigkeiten, bei denen das bürgerliche Individuum frei ist. Doch ist für tierische Nahrungsmittel ebenso wie für Textilien aus Kinderarbeit und für Zwangsprostitution das Leid anderer Voraussetzung; und darum sind wir in diesen Fällen eben nicht «frei», zu konsumieren – solches Tun ist nicht mehr rein «privat».
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Die eigene Freiheit wird gar nicht dadurch beschnitten, dass wir den anderen ihre Rechte, ihr Leben, ihre Körper lassen.
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Darf man das, also die Rechte der Tiere mit denen von Menschensklaven, von sexuell missbrauchten Frauen, von hungernden Kindern vergleichen? Ja, man darf – und man sollte sogar! Genauso wenig, wie das Universum eine klare To-do-Liste in der Hinterhand hält, kennt es die absolute Unterscheidung zwischen Wohl und Wehe der Menschen hier und der Tiere dort. Wir sind Verwandte, spätestens seit Darwin wissen wir das. Doch sosehr wir auch über Darwins Zeitgenossen schmunzeln, die es empörend fanden zu hören, dass sie von einem Affen abstammen – moralisch gesehen tun wir immer noch so, als stehe der Mensch ganz vereinzelt da in dieser Welt. Diese Empörung «Man darf doch das Elend der Tiere nicht mit dem der Menschen vergleichen!» entspricht genau jener Empörung aus der Zeit der darwinschen Aufklärung. Aus ihr spricht der reine Hochmut.«

Hilal Sezgin | Neue Zürcher Zeitung | 24.08.2016 | Wir ignorieren das Offensichtliche – Ein Plädoyer für Tierrechte | https://www.nzz.ch/feuilleton/zeitgeschehen/ein-plaedoyer-fuer-tierrechte-wir-ignorieren-das-offensichtliche-ld.112559

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8 Gedanken zu “„Unsere Freiheit wird gar nicht beschnitten, wenn wir die Rechte der Tiere achten. Wir mögen ein paar Zutaten beim Kochen verlieren, doch als Menschen können wir dabei nur gewinnen.“

  1. Pingback: Da war doch noch was … – Mein Name Sei MAMA

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  3. Dieser Artikel spricht mir aus der Seele. Ich finde hier so viel formuliert, um das ich heute in meinem Kommentarstrang gerungen habe.
    Kennst du die Diskussion, die Gerda Kazakou anstieß, Nadia Baumgart aufnahm und ich heute auch? Es ist genau dieses Thema und ich fände es wunderbar, wenn du diesen Artikel bei Nadia verlinken würdest.
    herzliche Grüße und danke
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

  4. Wie war, wir halten uns für die Krone der Schöpfung und vernichten langsam aber stehtig die gesamte Schöpfung und auch uns ‚Krone‘. Auf dem Weg dorthin hinterlassen wir viel Blut, Elend und Schmerz

    Gefällt 3 Personen

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