Das wahre Ausmaß der Klimakatastrophe …


… hatten sie uns jahrzehntelang verschwiegen. –

Die Schülerinnen und Schüler bekamen beispielsweise seit fast zehn Jahren ganzjährig Hitzefrei. Vierzig Grad Lufttemperatur Mitte Februar bei permanentem Regen, immer wieder monsunartig, europaweit. Der Unterricht fiel nicht aus, nur der Weg zu den Schulen; diese waren geschlossen. Die Kinder lernten per Videokonferenz an ihren Computern in ihrem vollklimatisierten Zuhause. Ach, hätten wir doch wieder die Zeit der Ventilatoren, dachten ihre Eltern. –

Die Ant- und Arktischen Eiskappen waren vollständig geschmolzen. Die Küsten des Jahres 2017 gab es lange nicht mehr. Frankreich hatte den Wallonen, Deutschland den Flamen und Niederländern ein neues Zuhause gegeben. Es entstanden neue Städte, rein aus Wohnwagen bestehend. Doch diese sollten keinen Bestand haben. Die Fluten stiegen unablässig. –

Chloé, die hübsche Frau mit ihren Sommersprossen, Jahrgang 2016, hatte zusammen mit anderen Franzosen auf dem Mont Ventoux Zuflucht gefunden.
Kontakt zur Außenwelt bestand nicht mehr. So lange es noch ging und die Fluten die Baumgrenze nicht überschritten, hatten sie Feuerholz gesammelt und auf der höchsten Erhebung des Kalksteinplateaus geschichtet. Früher konnte man von hier das Mittelmeer sehen. Nun schwappte das Meer quasi bereits an ihre Zehenspitzen.

Nachdem die Wassermassen die kahle Grenze des Berges erreichten, entzündeten sie aus dem gesammelten Holz ein riesiges Höhenfeuer – eine letzte Hoffnung auf Rettung.
Aufgrund des Regens und der Feuchte des Holzes, brannte das Feuer mehr schlecht als recht und dunkelgrauer Qualm stieg dutzende Meter senkrecht in die Höhe.

Die letzten Überlebenden des Mont Ventoux gestatteten sich gegenseitig, ihre sterblichen Reste zu verzehren, wenn die Lebensmittelvorräte verbraucht wären.

Für die Sterbenden und Sterbenwollenden hatten sie auf einer etwas abseits gelegenen Fläche Holzplattformen gebaut. Dorthin brachten sie auch Chloé. –

Ihre letzte bewusste Erinnerung war eine Szene aus dem Jahr 2020, ihr erster und letzter Urlaub mit ihren Eltern am Narbonne-Plage:

Ein Mann mit braungebranntem Gesicht, einem kurzen, grauen Bart, einem Strohhut auf dem Kopf und mit vielen Lachfalten um die strahlenden Augen durfte sie malen.
Er hatte einen Pinsel, den er in ein Wasserglas tauchte um anschließend Farbe aus kleinen Töpfchen zu streichen. Die Farbe und das Wasser verrannen auf der weißen Leinwand. Sie nannte ihn scherzhaft „Den Wassermaler“.
Er malte sie, die keck Schauende, in einem gestreiften Liegestuhl Fletzende mit ihren roten Schwimmflügeln an den zierlichen Ärmchen und ihren zu großen, rosanen Badelatschen an den Füßchen. –

Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief sie für immer ein. –

Nur wenige Wochen später versank der letzte Rest des Mont Ventoux in den Fluten. –

Am Ende überlebten nur die Meeresbewohner, allen voran, wie bereits in den vergangenen sechshundertsiebzig Millionen Jahren, die Quallen.

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/07/30/etuedensommerpausenintermezzo/

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19 Gedanken zu “Das wahre Ausmaß der Klimakatastrophe …

  1. Pingback: Etüdensommerpausenintermezzo – danke! | Irgendwas ist immer

  2. WOW! Ich hatte ja von dir tatsächlich vermutet, dass du in die Endzeitszenariokiste greifen würdest (der Name verpflichtet), aber damit hatte ich nicht gerechnet … und so schnell vor allem! Große Klasse!
    Vielen Dank fürs Dabeisein! Schreibst du noch mehr? Ich finde es immer interessant, wie anders meine zweiten/dritten Etüden meist werden …
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

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