„Das Destruktive in der Normalisierung marschiert voran.“

»[…] Es geht um ein Phänomen, das ich Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nenne.
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Es handelt sich um einen Eskalationsprozesse, um den inzwischen mehr als 20 Jahre währenden Autismus in großen Teilen vor allem konservativer politischer und journalistischer Eliten sowie der Zivilgesellschaft „aufzustören.“
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Der Rechtspopulismus kommt nicht aus dem Nichts. Deshalb sollte man endlich damit aufhören von einem „Wehret den Anfängen“ zu sprechen. Das ist inzwischen eine realitätsblinde Floskel, die meist dann verwendet wird, wenn man nicht mehr weiter weiß.
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Eskalationsmuster
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Provokationsgewinne,
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auf die Medien […] reagieren und für die Akteure zusätzliche Resonanz und Ermunterung bedeuten. Warum fallen so viele Medien immer wieder darauf herein?
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Raumgewinne
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Warum […] lässt sich die Polizei das Machtmonopol über öffentliche Räume entreißen? Sie wirkt auf diese Weise dabei mit, dass das öffentliche Klima immer stärker vergiftet wird.
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Räumungsgewinne
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verschiedene Gruppen […] aus Jugendclubs […] verdrängen oder durch Brandanschläge gegen Unterkünfte für Flüchtlinge deren Zuzug zu verhindern
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Normalisierungsgewinne
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Viele der rechtspopulistischen oder fremdenfeindlichen Äußerungen waren noch vor wenigen Jahren undenkbar. Inzwischen gehören sie fast schon zur Normalität. Besonders konservative Politikker machen sie sich immer öfter zu eigen. Das zentrale Problem ist, dass alles was als „normal“ gilt, nicht mehr problematisiert werden kann. Daraus entsteht das Destruktive in den so sukzessiv verschobenen Normalitätsstandards von Verhalten.
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Zwiebelmuster
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Die „äußere Schale“
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stellen Teile der breiten Bevölkerung mit ihren Einstellungen zu Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit dar. Sie liefern Legitimationen für radikalisierte Milieus, befeuert von Teilen der intellektuellen und politischen Eliten, die mit politisch hochproblematischen Begriffen hantieren wie jüngst die AfD-Politikerin Frauke Petry, die meinte, man solle das Nazi-Wort „völkisch“ wieder öfter gebrauchen oder die CDU-Bundestagsabgeordnete Bettina Kudla, die das NS-Wort „Umvolkerung“ für ihre politischen Zwecke nutzte.
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Die kleineren „Schalen“
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Das rechtspopulistische Milieu hantiert mit grenzlastigen Aussagen ohne Gewalt, stellt aber gewalterzeugende Begriffe bereit.
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Die systemablehnenden Milieus, wie unter anderem die Partei „Die Rechte“ oder die „Identitären“, hantieren zum Teil schon mit Gewalt.
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Schließlich die mit hoher Gewaltbereitschaft agierenden neonazistischen Unterstützungsnetzwerke von Kameradschaften, deren Wirken bis hin zu terroristischen Zellen reicht.
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Die schleichende gesellschaftliche Brutalisierung gegen schwache Gruppen hat sich lange angekündigt und lief über vier zentrale Themen: erstens die Angst vor sozialer Desintegration in einem autoritären kapitalistischem System; zweitens über die Angst vor kultureller Überfremdung, drittens über die politische Entfremdung, also wahrgenommene Demokratieentfremdung und viertens über die De-Nationalisierung von Politik (Stichwort: „Brüssel“).
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Der wirkungsvolle Mechanismus besteht aus Emotionen, die insbesondere bei jenen wirken, die unter Anerkennungsdefiziten leiden und die keinen rationalen Argumente mehr zugänglich sind.
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In unserer zehnjährigen Langzeitstudie Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit („Deutsche Zustände“) haben wir 2002 einen Anteil von 20 Prozent an rechtspopulistischen Einstellungen festgestellt. Und zwischen 2009 und 2011 stieg die Bereitschaft zur Teilnahme an politischen Demonstrationen und die Gewaltbereitschaft bei rechtspopulistisch Eingestellten sehr deutlich. Diese Entwicklung vollzog sich, bevor Pegida oder die AfD in ihrer jetzigen Form in Erscheinung traten. Über die zugrunde liegenden Mechanismen wurde alles mehrfach und teilweise schon vor Jahren publiziert. Man hätte es wissen können, wenn man es hätte wissen wollen. […]«

WILHELM HEITMEYER | der Freitag | 13.10.2016 | Das Destruktive in der Normalität – Hemmungslos. Brandanschläge, Morddrohungen, Gewalt. Die schleichende Brutalisierung unserer Gesellschaft hat sich angekündigt. Doch davon wollte niemand etwas wissen | https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/das-destruktive-in-der-normalitaet

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7 Gedanken zu “„Das Destruktive in der Normalisierung marschiert voran.“

  1. Man wüsste so viel, wenn man hinschauen würde. Und man wüsste so viel, wenn man dann auch noch Zeit und Energie und Mut aufbrächte, hinzustehen und was zu sagen. Man müsste dann allerdings befürchten, dass gleich viele da sind, die dagegen halten, die beleidigen, die abwerten, süffisant lächeln. All die, welche eben nicht sehen wollen – oder nur das, was sie grad wollen, weil es einfacher ist.

    Und ja, es ist nicht einfach. Aber es wäre auf lange Sicht wohl einfacher, wenn man mal hinschauen würde. So allgemein.

    Gefällt 3 Personen

      • Die Frage ist halt: Ist es die schweigende Mehrheit oder will die Mehrheit genau das, was passiert. Und die Frage stelle ich. Ich kenne die Antwort nicht, denke aber, man kann nicht einfach vom einen oder anderen ausgehen.

        Gefällt 1 Person

        • Die Menschen haben Angst und ducken sich weg. Vergleiche ich meinen Mikrokosmos „Arbeitsplatz“ heute mit der Zeit vor 30 Jahren, wurde vor 30 Jahren noch heftigst (gesellschafts-)politisch diskutiert und heute: Fehlanzeige. Diskutiert werden private Ereignisse („schau mal, welchen Aufsitzrasenmäher ich mir gerade kaufte“) oder die Veränderungen der Aufbau- und Ablauforganisation der Firma.

          Gefällt 2 Personen

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