Isabella.


„Bitte halten Sie dort vorne an.“

„Dort am Feldrand?“

„Ja, bitte.“

Isabella verließ den Wagen, ging ins Feld, stellte sich parallel zu all den Blumen und blinzelte in Richtung Sonne. Dann pflückte sie sich eine Sonnenblume.

Vier Jahre hatte sie die geliebten Sonnenblumen nicht mehr gesehen. Auf „ihrer“ Insel gab es keine.

Vor sechs Jahren war sie eine erfolgreiche Heilpraktikerin. Zehnstundentag. Lange Wartelisten. Sie hatte das für ihren Lebenstraum getan: alles hinter sich lassen und mit dem Geliebten die Welt umsegeln, nie wieder sesshaft werden.

Zwei Jahre ging es gut. Dann kamen Piraten. Ihren Geliebten brachten sie vor ihren Augen auf bestialische Weise um. Dann benutzten sie sie viele Stunden lang. Als sie wieder aufwachte, war sie allein. Allein auf hoher See. Manövrierunfähig. Kein Handy. Kein Funk. Keine Leuchtspurmunition. Niemand wusste wohin sie wollten. Niemand würde sie so schnell vermissen. Tagelang trieb sie so in ihrem beschädigten Boot, bis ein Sturm sie an Land einer Insel spülte. Unbewohnt. Dort richtete sie sich ein. Vier Jahre lang, das erste Jahr in Trübsal versunken.

Dann fand jemand ihre Flaschenpost mit den Navigationsdaten; den GPS-Empfänger hatten sie ihr gelassen.

Das Erste, um was sie nach ihrer Rettung bat, war ein Cappuccino mit Schokokeks.

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/08/13/etuedensommerpausenintermezzo-2-es-drabbelt/

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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5 Antworten zu Isabella.

  1. E schreibt:

    Ein Alptraum

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  2. Christiane schreibt:

    Harter Tobak: ein zerstörter Lebenstraum, eine bittere Durststrecke und ein versöhnlicher Ausgang. Sehr beeindruckend. Ich frage mich allerdings, ob man wirklich heutzutage vier Jahre lang auf einer einsamen Insel verschütt‘ gehen kann. Danke, dass du wieder dabei bist!
    Liebe Grüße
    Christiane

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    • Danke. Die Frage stellte ich mir auch. Aktuelle Fälle gibt es lediglich für Tage oder Wochen. Andererseits gibt es im Südpazifik viele unbewohnte Inseln, die kilometerweit auseinanderliegen. Und in einer Welt, in der Passagiermaschinen spurlos verschwinden können, wird es auch möglich sein, dass Menschen auf einsamen Inseln ein paar Jahre fristen müssen. Vielleicht gibt es ja auch keine aktuellen Berichte, weil diese Menschen noch nicht entdeckt wurden …
      Liebe Grüße.
      Bernd

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      • Christiane schreibt:

        Aber hätten deine Vermissten denn keinerlei Sippe, die Amok laufen würden, wenn sich das Boot über einen längeren Zeitraum nicht meldet? Und wenn das GPS noch geht: müssten die nicht darüber auffindbar sein? Ich weiß es nicht …
        Du siehst, ich möchte das nicht gern glauben, dass jemand für vier Jahre nicht gefunden wird. Andererseits hast du recht: wer weiß? ;-)
        Liebe Grüße
        Christiane

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        • Man kennt den letzten Hafen. Man kennt vielleicht das Ziel. Es ist lediglich ein GPS-Empfänger zur Bestimmung der eigenen Position. Und wer weiß, wie weit der Sturm das Boot abgetrieben hat? Oft, wenn ich Fiktionales lese oder sehe, denke ich, das gibt es doch gar nicht. Und irgendwann lese ich, dass die Realität die Fiktion noch in den Schatten stellt. Und gleich, ob es vier Tage, vier Wochen, vier Monate oder vier Jahre allein auf einer einsamen Insel waren, die Traumatisierung, die Trübsal, die Flaschenpost, die Sonnenblume und der Schokokeks haben Bestand. ;-)
          Liebe Grüße.
          Bernd

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