„Es gilt, gegen alle Scham mir meine Würde zu erhalten, mich nicht zu verstecken, mir trotz all des Drucks Freiheit zu bewahren.“

»[…] »Was glauben Sie, wo Sie hier sind? Sie sind hier in der Grundsicherung«, sagte mir ein Vermittler des Jobcenters, als ich ihm einen Plan vorstellte, zu dem eine Fortbildung aus dem kursnet der Arbeitsagentur gehört hätte. Ich bin in der Grundsicherung. Ich muss nicht mehr vor dem Fallen in den Abgrund bewahrt werden. Ich bin am Grund angekommen. Eh ich mich versah, war ich dort und kam nicht wieder raus.
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2001 habe ich ein Studium der Evangelischen Theologie mit einem guten Diplom abgeschlossen.
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In meiner Diplomarbeit hatte ich mich mit Hannah Arendt befasst. Ihr klares, eigenständiges, freies Denken hat mich seither nicht mehr losgelassen. Hier wird kein System gelehrt, vielmehr eine Anleitung zum eigenen Denken und Urteilen.
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Was aber sollte ich mit diesem Examen tun?
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Die Arbeitsagentur führte mich nicht als Akademikerin, sondern als Verkaufshilfe.
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Dies führte zum Umzug in eine andere Stadt, in der ich nicht lange bleiben wollte und nun seit zwölf Jahren bin, weil Stadtwechsel im Arbeitslosengeld II (Alg II) nicht vorgesehen ist.
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Bald saß ich vor Alg-II-Sachbearbeitern, die nicht wussten, was Theologie ist, musste meine Kontoauszüge vorzeigen und seltsame Anträge ausfüllen. Nach eineinhalb Jahren Arbeitslosigkeit wurde mir zu meinen beruflichen Chancen als Akademikerin gesagt: »Sie, mit Ihrem Lebenslauf, das können Sie vergessen.«
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So beschränkte sich mein Akademikerin-Sein auf ausgiebiges Lesen und ehrenamtliches Engagement.
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Daher machte ich auf eigene Kosten eine Ausbildung zur Trauerrednerin und hoffte, über das Arbeitsamt weitere Fortbildung zu bekommen. Ich bekam gar nichts, außer Ärger wegen meiner Anträge und eine zynische Beraterin im Alg I, die mich immer, wenn ich pünktlich an ihre Glastür klopfte, wieder rausschickte und mir dann zeigte, dass sie nichts zu tun hatte, als mich warten zu lassen und mir danach mitzuteilen, dass es für mich nichts gäbe.
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Ich bin nicht käuflich, aber verletzbar.
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So konnte ich jüngst an einem Essen meines Sportvereins nicht teilnehmen, weil mich das 20 Euro gekostet hätte.
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Wirklich schlimm sind Demütigung und Druck.
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Die finanzielle Grundsicherung, die gerade zum Überleben reicht, ist für Menschen am Grund keinesfalls gesichert.
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Etwaige Mehrfachsanktion kann rasch bedeuten, gar nichts zu bekommen.
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Ob meine »Bemühungen« bei der Arbeitssuche ausreichen, liegt in der für die »Kundin« willkürlichen Entscheidung des Sachbearbeiters.
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Was daraus entsteht, ist unweigerlich Angst, die wächst, wenn ein Termin im Jobcenter bevorsteht.
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Grundsicherung gibt es nur, wenn Grundrechte dehnbar werden. Angst gehört zum System, ebenso Abwertung.
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Langzeitarbeitslosigkeit ist ein Zustand, der einem den Stempel »Mängelexemplar« aufdrückt.
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So bin ich etwa vor drei Jahren zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden, wo eigentlich alles passte, nur die Entdeckung, ich sei arbeitslos, nahm mir jede Chance.
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Wenn ein Sachbearbeiter möglichst viele Bewerbungen fordert und mir sagt, ich möge mich »breiter aufstellen«, meint »breiter« weiter nach unten. Ich bin verpflichtet, jede zumutbare Arbeit anzunehmen. Was für mich zumutbar ist, entscheide letztlich nicht ich.
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Ich muss mich auf Stellen bewerben, die ich vermutlich nicht bekomme, auch wenn ich dafür qualifiziert wäre, oder auf Stellen, die ich nicht wirklich bekommen möchte.
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Andauernd Absagen zu bekommen ist schwer auszuhalten.
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Diese Art Offensive, Menschen nur in irgendeine Arbeit zu drängen, ist entwürdigend und zynisch. Zu wünschen wäre eine Grundsicherung, die tatsächlich eine Sicherung wäre und Menschen die Möglichkeit böte, sich sinnvoll zu beschäftigen, Anerkennung zu erwerben, unabhängig vom Erwerbsstatus.
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Um mir gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe leisten zu können, gehe ich inzwischen ein paar Stunden die Woche putzen, meinen gesellschaftlichen Wert erhöht das nicht, aber solange Bücher oder mal eine Ballettkarte möglich sind, ist mir das egal. […]«

Andrea Czichy | Ossietzky | 02.07.2016 | Sprache des Jobcenters | http://www.ossietzky.net/14-2016&textfile=3588

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7 Gedanken zu “„Es gilt, gegen alle Scham mir meine Würde zu erhalten, mich nicht zu verstecken, mir trotz all des Drucks Freiheit zu bewahren.“

  1. Tja, je mehr Menschen man wie Zitronen auspressen kann, desto reicher kann die sogenannte Elite werden. Sklaverei wurde eben nie wirklich abgeschafft. Wir leben in einer Welt mit perversen Zeitgenossen an den Hebeln der Macht.

    Gefällt 1 Person

      • Liebe Kat, liebe Christiane, wir wollen es nicht wahrhaben, wir denken, den „Oberen“ sei es nicht bewusst, es seien nur Schwätzer, es sei ihnen egal und sie kennten die Realität nicht oder sie hielten es für Einzelfälle, nein wir wollen es nicht wahrhaben, dass es bewusster, politischer Wille ist, seit Jahrzehnten vorbereitet und scheibchenweise umgesetzt – die Homöopathische Umsetzung verhindert den Aufstand. Erst streiften die christlich Sozialen und Demokraten das Mäntelchen der christlichen Gesinnung ab, dann folgten die Verräter der Sozialdemokraten und streiften ihr Mäntelchen der sozialen Gesinnung ab (von den Kriegstreibern der Die Grünen spreche ich hier nicht). Es ist politischer Wille: Armut, Elend und das Ausspielen und Aufhetzen der Bürger untereinander. Solange die Menschen sich mit sich selbst beschäftigen (müssen), beschäftigen sie sich nicht mit dem Tun oder Unterlassen der sogenannten Volksvertreter. Wie singt Konstantin Wecker sei Jahrzehnten: »denn uns hat der Wahn um den Sinn gebracht. Er hat einen Mantel aus Kälte an, weil man Frierende besser regieren kann.«
        Und was sprach mein Volkswirtschaftsprofessor Rose aus tiefster Überzeugung in den 1990er Jahren: „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber.“ Am 24.09. ist’s wieder zu beobachten.
        Liebe Grüße.
        Bernd

        Gefällt 2 Personen

        • Du hast recht, ich will es nicht wahrhaben. Je weiter weg es von mir ist, desto eher kann ich es zugeben, dass es mir auch so vorkommt, aber je mehr es in mein Leben direkt eingreift, desto weniger mag ich es so sehen. Auch, weil ich immer die Menschen sehe, von denen ich nicht glaube, dass sie das wirklich wollen, auch wenn sie in dem System stecken.
          Ja, ich bin ein Gutmensch im wahrsten Sinne des Wortes: Ich glaube an das Gute im Menschen, und ich mag nicht damit aufhören.
          Bedrückt
          Christiane

          Gefällt 1 Person

          • Verstehe ich. Ich glaube auch an das Gute im Menschen, in jedem Menschen. Es gibt aber so einen kollektiven, ansteckenden Wahn(sinn). Wenn die Guten sich zusammentun, haben die Bösen keine Chance. Das Böse lebt immer nur von der Ungläubigkeit und Untätigkeit des Guten.
            Liebe Grüße.
            Bernd

            Gefällt 1 Person

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