Loslassen.


„Verdammt!“ entfuhr es ihm als er die Treppe hinterkommend sie in der Küche stehen sah.
Sie, das war seine Tochter Sophie, die vor vier Jahren bei einem Verkehrsunfall in Zweibrücken ums Leben kam.
Seine Ehe hatte dieses Unglück und die damit verbundene, grenzenlose Trauer ebenfalls nicht überlebt.
Seit zwei Jahren wohnte er allein in ihrem Haus und nun das: quicklebendig stand sie in der Küche und aß ein Brot und fragte, wo Mama sei.

 

Tags darauf erschien eine Sonderausgabe des Pfälzischen Merkurs und bei Twitter war der meistverwendete Hashtag #zwwiedergaenger: überall in der Stadt standen plötzlich Verstorbene der letzten Jahrzehnte lebendig vor den Türen ihrer Lieben als sei nichts geschehen.
Sie konnten sich an die Umstände ihrer Tode nicht erinnern.

 

Wissenschaftler aus aller Welt reisten an, um dieses Phänomen zu ergründen.
Straßensperren mussten eingerichtet werden, weil abertausende Sensations-Touristen zu einem heillosen Verkehrschaos führten.

 

Ehepartner, die im Abstand von vielen Jahren verstarben, saßen sich grenzenlos staunend gegenüber und wunderten sich, warum der eine Partner so alt aussah und der andere so jung geblieben war.

 

„Weil ihr uns nicht loslassen könnt, finden wir keine Ruhe.“, sagte ein kleiner, an Leukämie verstorbener Junge.

 

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/10/15/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-42-17-wortspende-von-gerda-kazakou/

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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9 Antworten zu Loslassen.

  1. Myriade schreibt:

    Schaurige Sache oder besinnliche, muss ich noch nachwirken lassen

    Gefällt 1 Person

  2. Anna-Lena schreibt:

    Ich denke auch, Trauern und Loslassen sind zwei verschiedene Schuhe. Wie oft tun wir uns nur selber leid, anstatt an den Verstorbenen zu denken und zu danken, dass er vielleicht nicht mehr leiden muss.

    Sehr stark, lieber Bernd, gefällt mir und regt an!

    LG Anna-Lena

    Gefällt 1 Person

  3. Karin schreibt:

    Macht sehr nachdenklich Deine Geschichte, denn oft ist Trauer mit sehr viel Selbstmitleid verbunden. Schicksal zu akzeptieren, keine leichte Übung.
    Lieber Gruss in diesen Sonnensonntag vom Dach, Karin

    Gefällt 3 Personen

    • Wann, wenn nicht bei den Wechselfällen des Lebens, „dürfen“ wir mit uns selbst mitleidig sein?

      In sehr symbiotischen Beziehungen fällt das Loslassen schwer.

      Liebe Grüße.

      Bernd

      Gefällt 1 Person

      • Karin schreibt:

        Natürlich tue auch ich mir ab und an leid, weil ich j etzt allein bin, aber dann sage ich mir auch: ich darf weiterleben, das ist ein Geschenk des Lebens an mich, mein Mann hätte so gern noch gelebt und durfte das nicht. Ich lasse die vielen gemeinsamen Ehejahre los, nehme das Alleinsein an, wir haben uns mit 17 kennengelernt, waren 53 Jahre verheiratet. Im Selbstmitleid zu ertrinken, empfände ich als egoistisch.

        Gefällt 2 Personen

  4. Christiane schreibt:

    Ich glaube nicht, dass Trauer und die damit entgegengebrachte Wertschätzung die Verstorbenen stören. Wo freilich die Grenze liegt, muss vermutlich jeder selbst herausfinden: Sachen, wie die Asche des Verstorbenen auf dem Fernseher stehen zu haben, halte auch ich für nicht wirklich sinnvoll (und für pietätlos, um das schöne alte Wort zu gebrauchen).
    Wie so oft regt mich deine Etüde zum Denken an. Danke dafür.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

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