„„Bedenkt, dass Fanatiker gefährlicher sind als Schurken. Einen Besessenen kann man niemals zur Vernunft bringen, einen Schurken wohl.“ [1]

»[…] Fußball und Gewalt bilden seit Jahrzehnten ein infernalisches Team.
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Fanatiker sind besessen, wobei es eigentlich ziemlich egal ist, wovon sie besessen sind.
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Der blinde Fanatismus unterscheidet eben auch den Patrioten vom Nationalisten. Wie Johannes Rau es einmal treffend sagte: Ein Patriot ist jemand, der sein eigenes Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet.
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Dass, was wohl diejenigen mit „Fan“ meinen, die den Gewalttätern das Fantum absprechen wollen, ist eigentlich ein Enthusiast, kein Fanatiker. Der Enthusiast begeistert sich für eine Sache, ist aber weit davon entfernt, diese als einzig seligmachende anzusehen. Als Lebensinhalt. Als alternativlos.
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Von „ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“ zu „ich schlag dir deine Fresse ein“ ist oft nur ein kurzer Weg.
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Dass aus Fußball-Enthusiasten auch Fanatikern werden können, die drohen, zuschlagen und vielleicht auch über Leichen gehen könnten, ist neben dem häufig übermäßigen Alkoholkonsum auch zu einem nicht geringen Teil Schuld der Veranstalter und der übersteigerten medialen Inszenierung des Fußballs.
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Für andere aber ist dieser Verein – oder auch irgend ein anderer Fußballverein oder eben die Nationalmannschaft – tatsächlich zum alleinigen Lebensinhalt geworden.
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Und wenn etwas nicht so läuft wie der Fanatiker es sich vorstellt, dann wird ein Schuldiger gesucht.
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Schon lange braucht es aber auch gar keinen „Grund“ mehr für die Gewaltexplosion, nicht einmal einen Anlass. Es reicht, dass irgendwo irgendein Fußballspiel stattfindet, um sich zu prügeln. Bei Spielen der Nationalmannschaft verbünden sich sogar Schläger, die sich ansonsten gerne gegenseitig die Fresse polieren. Und zu diesen gesellen sich noch ein paar ganz gewöhnliche Neonazis, die Reichskriegsflagge im Gepäck.
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So wie islamistischer Terror selbstverständlich auch etwas mit dem Islam zu tun hat, haben gewalttätige Hooligankrawalle auch etwas mit dem Fußballfantum zu tun, auch wenn es sich in beiden Fällen um eine Perversion der Grundidee handelt.
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Die Verbände und die Vereine müssen, wenn auch in Zukunft noch Profifußball gespielt werden soll, von der von ihnen selbst aufgebauten Überhöhung der eigenen Mannschaft und der des Fußballsports herunterkommen.
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Die Offiziellen sollten aber die Fanatiker unter ihren Anhängern nicht einfach dadurch ausgrenzen, dass sie sie als Nichtfans bezeichnen. Das ist für die, als hätte ihre große Liebe, für die sie ihr Leben geben würden, sie verraten, mit einem anderen gepennt und sie eiskalt vor die Tür gesetzt.
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Was die wenigsten Hooligans wissen dürften, ist, dass die Gründung einer Hooligan-Truppe in Deutschland vom BGH als Gründung einer kriminellen Vereinigung angesehen wird und somit auch eine Bestrafung erfolgen kann, wenn man sich gar nicht persönlich an der Klopperei beteiligt hat, sondern nur Mitglied der Gruppe ist.
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Wer solche Straftaten begeht, muss dafür von der Justiz angemessen bestraft werden. Je schneller um so besser.
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Fußball ist kein Krieg, sondern ein Sport. Also sollte er auch als Sport inszeniert werden und nicht als Schlacht. Werbesprüche wie „die Mutter aller Schlachten“ und ähnlicher Unfug müssen genauso verschwinden, wie alles, was im Vorfeld die Emotionen der emotional gestörten Fanatiker aufputschen könnte.
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Auch die Medien, ob es nun die Boulevardpresse oder die TV-Sender sind, könnten einmal versuchen, den Fußball ausschließlich als sportliche Veranstaltung […] präsentieren.
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Fanprojekte […] Ihnen von klein auf klarmachen, dass andere Mannschaften nicht Ausgeburten des Teufels sind, sondern einfach andere Mannschaften, die den gleichen Sport betreiben. Dass es ohne Gegner auch kein Spiel gibt und vor allem, dass Fußball ein Spiel ist. Ein faszinierendes Spiel manchmal, aber nur ein Spiel.
*Ausschlussdrohungen werden diese Idioten höchstens zu neuen „Högschdleischdungen“ motivieren und die friedlichen Fans und die Mannschaften zu Unrecht bestrafen. Damit gibt man den Hooligans ohne Not Macht über ein Turnier. Ähnlich wie bei Terroristen muss denen aber klar gemacht werden, dass sie keine Macht haben und die Zivilgesellschaft auch nicht bereit ist, ihnen irgendeine Macht einzuräumen. Wenn man sie nicht an der Einreise hindern konnte, dann müssen sie bei Gewaltexzessen mit massivem Polizeieinsatz nebst Tränengas und Wasserwerfer gestoppt, danach festgenommen und umgehend bestraft werden.
Für völlig verrückt ist die Idee, einzelne Nationalmannschaften von einem Turnier auszuschließen, weil Schläger aus diesem Land randalieren. Wie sollte ein Verband das verhindern können?
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Dazu braucht es weder neue „schärfere“ Gesetze, noch neue Überwachungsmaßnahmen. Dazu braucht es nur eine ausreichende Zahl von Polizeibeamten, Staatsanwälten und Richtern.
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[1]: Voltaire, Potpourri, 1765 […]«

Heinrich Schmitz | Die Kolumnisten | 18.06.2016 | Die Hooligan-EM | https://diekolumnisten.de/2016/06/18/die-holligan-em/

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Eine Antwort zu „„Bedenkt, dass Fanatiker gefährlicher sind als Schurken. Einen Besessenen kann man niemals zur Vernunft bringen, einen Schurken wohl.“ [1]

  1. nandalya schreibt:

    Teile und herrsche. Der Plan ist aufgegangen.

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