„Staunen“

»Wenn der volle Sommermond
unerwartet, ungewohnt
in den Straßenbäumen schaukelt.
Hat er das nur vorgegaukelt?
Und es schaukeln nur die Zweige
Und er selbst geht still zur Neige?

Wenn die alte Zitterpappel
mit dem zitternden Gezappel
goldgelb lächelt über Nacht
(noch gestern hat sie grün gelacht)
und so schnell die Farbe wechselt,
hat da jemand dran gehexelt?

Wenn nach einer Regennacht
früh, noch kurz vor viertel acht,
beim Öffnen von der Hintertür
plötzlich über die Gebühr
wie berauschend Düfte ziehn …
Freudenstau! Die Linden blühn!

Wenn ein Luftballon in Rot
vor Lust beinah zu platzen droht
um ins Novembergrau zu steigen,
nur um jedermann zu zeigen:
Rot weist Grau in seine Schranken!
Wie kam er bloß auf den Gedanken?

Erstaunlich, welche Geister uns umschweben.
Merke:
Wer staunen kann, hat mehr vom Leben.«

Renate Hoffmann, Das Blättchen, 21.10.2016, http://das-blaettchen.de/2016/10/staunen-37601.html

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