„Eine Gefühllosigkeit, die oftmals Folge gesellschaftlich erzeugter psychischer Deformierungen ist.“

» […] Pädagogische Dressurakte können seelische Schäden erzeugen, von denen der Rechtspopulismus profitieren kann. Einige Anmerkungen zur Sozialpsychologie des Faschismus in Vergangenheit und Gegenwart
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In Krisenzeiten werden die vermeintlich anderen dämonisiert und aus dem imaginierten Kollektiv ausgeschlossen. Die Voraussetzung dafür ist eine Gefühllosigkeit, die oftmals Folge gesellschaftlich erzeugter psychischer Deformierungen ist
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Warum tendieren manche Menschen nach links, werden zu libertären Sozialisten, Kommunisten oder Anarchisten, und warum werden andere zu Rechten oder Faschisten?
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Geht es lediglich um ideologische Prägungen, die meist in der Pubertät erfolgen und Weichen für die Entwicklung in die eine oder andere Richtung stellen? Der eine trifft in der sensiblen Phase der Orientierungssuche auf eine Gruppe Linker, der andere gerät an Faschisten. Solche Zufälle spielen sicher eine Rolle, aber ganz so einfach scheint es nicht zu sein. Die Entscheidung für die eine oder die andere Seite hat ihre triebmäßige Basis und wurzelt in psychischen Prozessen, die entweder lebendig mäandern und pulsieren oder eingefroren und erstarrt sind.
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Der autoritär erzogene und »zur Sau gemachte« Mensch wird eine Neigung davontragen, das, was er selbst unter Schmerzen in sich abtöten und begraben musste, aus sich herauszusetzen und dort – am anderen und Andersartigen – zu bekämpfen und zu vernichten. Das niedergedrückte und beschädigte Leben brütet über seine Kompensationen und sinnt auf Rache. Auf der Basis eines an seiner Entfaltung gehinderten, durch pädagogische Dressur partiell getöteten Lebens entwickelt sich eine Tendenz, sich am anderen schadlos zu halten und zu verfolgen, was einem lebendiger vorkommt
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Ein Teil von uns ist durch haltende, schützende und wärmende Körper früher Liebesobjekte belebt und bewohnt, der andere durch Abwesenheiten, Strafen, Kälte und Verlassenheit unbewohnt, entlebendigt, anästhesiert, im Extremfall totgestellt. Zwischen diesen beiden in uns miteinander ringenden Prinzipien herrscht kein ruhiges, homöostatisches Gleichgewicht. Jeder Mensch muss sich entscheiden, welches von beiden die Oberhand über sein und in seinem Leben gewinnen soll.
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Michel Foucault hat daran erinnert, dass »das Leben und die Zeit des Menschen nicht von Natur aus Arbeit sind, sie sind Lust, Unstetigkeit, Fest, Ruhe, Bedürfnisse, Zufälle, Begierden, Gewalttätigkeiten, Räubereien etc. Und diese ganze explosive, augenblickhafte und diskontinuierliche Energie muss das Kapital in kontinuierliche und fortlaufend auf dem Markt angebotene Arbeitskraft transformieren«. Der Psychologe Klaus Dörner hat diesen Vorgang als »größtes verhaltensmodifikatorisches Experiment aller Zeiten« beschrieben, ein weltgeschichtlicher Dressurakt, der dann gelungen ist, wenn die Peitsche des Aufsehers nicht mehr nötig ist und die Menschen ihr kapitalverwertendes Unglück als Erfüllung und Bestimmung erleben. Schließlich, heißt es bei Karl Marx, entsteht eine Arbeiterklasse, die »aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt«. Die Domestizierten benehmen sich manierlich, verzichten auf Gewalt, organisieren sich in Parteien und Gewerkschaften, die ihre Lage in der bürgerlichen Gesellschaft verbessern wollen, die sie als Ganze nicht mehr in Frage stellen.
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Der Hass des Faschisten ist ein Hass auf Teile der eigenen Person, auf abgewehrte und mühsam in Schach gehaltene Triebwünsche und Begierden. Und vor allem Verachtung von und Hass auf Frauen, die die Faschisten aller Länder und Zeiten umgetrieben haben und bis heute um- und antreiben.
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Den Faschisten erkennt man nicht zuletzt an der Sprache, die er verwendet. Die Parolen Trumps zielen in erster Linie darauf ab, das aus dem Lot geratene innere Gleichgewicht des »kleinen Mannes« wiederherzustellen – auf Kosten von allen, die nicht sichtlich »unsereiner« sind. Er liefert Viagra für das Selbstwertgefühl des verunsicherten »kleinen Mannes«, der im übrigen auch eine »kleine Frau« sein kann. In einer eigenartigen »Identifikation mit dem Aggressor« haben über die Hälfte der weißen Frauen für den Kandidaten der Republikaner gestimmt, obwohl dieser sie zuvor derb beleidigt hatte.
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Während die Psychoanalyse die Ängste des einzelnen aufklärt und bisher Unbewusstes ins Bewusstsein zu heben versucht, um ihn mündiger zu machen, will der Rechtspopulismus die Ängste aller bestärken, um sie unmündig zu halten. Ein Beispiel für diesen Vorgang: Statt die vagen Überfremdungsgefühle der Menschen in eine Kritik der real existierenden und von Tag zu Tag wachsenden kapitalistischen Entfremdung zu überführen, lenkt der Populist sie gegen die Fremden, an deren Präsenz es liegen soll, dass man sich in der Heimat nicht mehr geborgen und zu Hause fühlt.
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»Der Agitator geht genau den entgegengesetzten Weg (wie die Psychoanalyse, G. E.). Er bedient sich solcher populären Stereotypen nur, um die vagen Ressentiments zu verstärken, deren Ausdruck sie sind. Er benutzt sie nicht als Ansatzpunkt für eine Analyse, sondern vielmehr, als wären sie schon das Ergebnis von Analysen: Die Welt ist kompliziert, weil es Gruppen darin gibt, deren Absicht es ist, sie kompliziert zu machen. Er hetzt sein Auditorium zu sozialen Reaktionen auf, die denen des verfolgungswahnsinnigen Individuums gleichen, und er bringt es dahin vor allem durch ein endloses Breittreten der Verschwörungsidee. (…) Statt Vorschläge zu machen für eine bessere Ausnützung der Produktionsmöglichkeiten oder für eine gerechtere Verteilung des Sozialprodukts, unterhält der Agitator lediglich die Ressentiments gegenüber den Exzessen des Luxus. (… ) Nach seinen Enthüllungen sollen Pläne bestehen, dass immer neue Einwanderermassen in das Land kommen. Diese Fremden erscheinen dann als eine gefährliche Konkurrenz, ein räuberisches Element, verbündet mit den ›internationalen Bankiers‹. (…) Die Heimatlosigkeit des Flüchtlings wird das psychologische Äquivalent für unterdrückte Triebe des Zuhörers. Solch eine Gleichsetzung ist eine Vorbereitung für ein Loslassen verbannter Triebe gegen ein verbanntes Volk; eine psychologische Brücke ist geschlagen zwischen dem inneren Druck eines Ressentiments gegen die Verdrängung und des Ressentiments gegen ein heimatloses Volk. Wer kein Heim hat, verdient auch keines.«
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So ist, wer gegen Ausländer, Juden und andere Minoritäten wettert, in der Regel auch gegen Frauenrechte und für die Prügel- und Todesstrafe. Er verachtet das Parlament als »Quasselbude« und wünscht sich einen »starken Mann«, der »das Land mit harter Hand regiert«. Es existiert eine sozialpsychologische Komplementarität, die dafür sorgt, dass bestimmte gesellschaftliche Affekte sich mit anderen verbinden. Das ist bis auf den heutigen Tag nicht anders geworden und findet sich in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen auch im gegenwärtigen Rechtspopulismus, wobei der Antisemitismus häufig nicht offen gezeigt wird.
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In Zeiten verbreiteter Verunsicherung und Desorientierung findet eine kollektive Regression auf archaische Mechanismen der psychischen Regulation statt. Urteils- und Differenzierungsvermögen bilden sich zurück, und es steigt das Bedürfnis nach entlastenden Vereinfachungen. Wer die simpelsten Polarisierungen liefert, hat nun die besten Aussichten, Gehör und Gefolgschaft zu finden. Wirkliche Aufklärung – unter striktem Verzicht auf alles Populistische ist dagegen anstrengend und schmerzhaft. Das ist der Grund, warum in Krisenzeiten, wenn die Menschen sich nach schnellen Lösungen sehnen, linke Aufklärungsversuche gegenüber den populistischen Vereinfachungen kaum eine Chance haben. […] «

Götz Eisenberg | junge Welt
| 19.12.2016 | Die Innenseite des Klassenkampfes | https://www.jungewelt.de/2016/12-19/069.php

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4 Antworten zu „Eine Gefühllosigkeit, die oftmals Folge gesellschaftlich erzeugter psychischer Deformierungen ist.“

  1. Bludgeon schreibt:

    Stimmt alles; sollte aber ergänzt werden: Weshalb ist Populismus gerade jetzt en voge, nach Jahrzehnten eher antiautoritärer Erziehung? Erziehung ist es nicht allein, der mitgebrachte Intellekt ist es nicht allein, es ist eben auch in diesem Fall komplexer: Links wurde durch den real existierenden Soz und dessen schmählichen Zusammenbruch 1989/90 schwer diskreditiert. Die Siegerseite war das angebliche Korrelat im Osten los und nutzte ihre Chance, soziale Wohltaten der Kalten Kriegs Jahre zurückzufahren. Verteilungskämpfe sind neu entbrannt und die herkömmlichen Parteien lassen sich bei immer mehr Marionettentum jeweiliger Lobbyistenverbände erwischen: Ganz schlimm – Agenda 2010 ausgerechnet durch SPD und nicht durch CDU angeschoben. CDU hat aber dankbar alle Härten beibehalten. Beide Parteien stoßen große Teile ihrer Wähler vor den Kopf…. die Grünen sind gegenüber den frühen 80ern nicht mehr wiederzuerkennen, die Linke klingt bei Lichte besehen immer noch zu stark nach DDR 2.0 – der kleine Mann aber sucht nach Auswegen und wählt (unabhängig davon, ob er nun Ausländer mag oder nicht) irgendwann eben lieber etwas „noch nicht Erprobtes“. Das kann man , wie Lenin, das „Heranreifen einer revolutionären Situation“ nennen oder eben nur konstatieren: Die etablierten Parteien sind bräsig geworden. Sie scheuen die Auseinandersetzung und die wirkliche Selbstkritik: Nach dem 24 September ist immer noch ein großes Zurücktreten verbrauchter Chargen überfällig.

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    • Es riecht nach gleichschaltender Unterwanderung der Parteien. Es kann kein Zufall oder Zeitgeist sein, der die Parteien sich einander zum Verwechseln ähnlich sehen lässt.

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      • Bludgeon schreibt:

        Jeder, der in DER Richtung weiterdenkt, bekommt ja sofort einen Alu-Hut angedichtet. So macht man Kritik mutwillig tot. Diskurse werden nicht mehr geführt. „Alternativlos“ sollte schon längst mal Unwort des Jahres gewesen sein.
        Uns Ossis kommt das mehr und mehr wie eine Wiederkehr der DDR-Stagnationserscheinungen vor. Und die CDU ist diesmal in der Rolle der SED, die SPD verhält sich DDR-Geschichtslehrbuchkonform, Grün + FDP sind unmaßgebliche Blockflöten der einen oder anderen Seite, Linke ein Rudiment, nicht mehr anwendbar – und die AfD wird mehr als so eine SDP oder ein Neues Forum ( diesmal von rechts) wahrgenommen: „Sind zwar Spinner – aber die heizen den anderen mal so richtig ein.“ (Wie 89 schon die Denke der stillen Mehrheit gegenüber den Bürgerrechtlern war) Also geliebt werden die auch nicht, aber gewählt.

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  2. Myriade schreibt:

    Interessant, die Vorstellung, dass Fanatiker eigene unterdrückte Anteile in anderen bekämpfen

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