Kapitalismus.


Was er sich noch einmal, ein letztes Mal, wünschte, fragte sie, seine Sterbebegleiterin, ihn.
„Kuschelsocken und Dominosteine -„, antwortete Patrick, „selbstgestrickt und selbstgemacht – von Louisa.“; sie, seine langjährige beste Freundin, strickte die kuscheligsten Socken und stellte die feinsten veganen Dominosteine her, die er in seinem Leben kannte.
Patrick hatte Angst – Todesangst.

 

Jegliche Datenspuren, die Patrick (und mit ihm die Menschheit) im Internet hinterlassen hatte, wurden gesammelt, individualisiert und an jeden, der dafür genug bezahlte, verkauft, unter anderem an dieses, vom weltweit führenden Suchmaschinen-Betreiber finanzierte Startup-Unternehmen „Angestrebte Gesundheit“, das sein Geld mit Palliativmedizin verdiente.
Dieses Unternehmen entwickelte daraus ein betriebsgeheimes Berechnungsverfahren, das die Lebensdauer schwerkranker Menschen auf die Kalenderwoche genau vorhersagte und die neonationalliberale Große-CDU-CSU-Grünen-Afd-Koalition unter Bundeskanzlerin zur Lai machte daraus eine gesetzliche Verpflichtung im Fünften Gesetz „zur Einschränkung des Ausuferns sozialer Leistungen“.

 

Patrick hatte diese Angst seit der Diagnose im Herbst und der Entscheidung der Krankenhausärzte, nach dem Blick auf seinen Algorithmus von „Angestrebte Gesundheit“, ihn nicht zu behandeln und ihn zu Hause palliativ versorgen zu lassen.
Er habe noch 15 Wochen zu leben, 13 waren bereits vergangen; die palliative Betreuung war fürsorglich und die Schmerzmittel hochwirksam.
Es kamen die neuesten Mittel der Firma „Angestrebte Gesundheit“ zum Einsatz, die die Schmerzen betäubten, nicht die sonstige Wahrnehmung und dafür sorgten, dass er seine letzten Tage bei vollen Bewusstsein erleben und Louisas Dominosteine genießen konnte und die flauschigen Kuschelsocken ihm die Wärme, von seinen Füßen ausgehend, in ihm aufsteigen ließ.

Es geschah, wie vom Algorithmus berechnet: Patrick starb fünfzehn Wochen nachdem die Diagnose gestellt war.

 

Das sechste Gesetz „zur Einschränkung des Ausuferns sozialer Leistungen“ unterzeichnete die Bundespräsidentin Wahles und damit wurde die Versorgung von Krankenhaus-, Alten- und Pflegeheim-Küchen mit „Soylent Green“ ab dem nächsten Ersten gesetzliche Pflicht.

https://www.tagesschau.de/inland/todesalgorithmus-101.html

https://www.google.de/search?num=100&newwindow=1&ei=kUQ2WuuIJcfQwQKv4Z2YCA&q=soylent+green&oq=soyl&gs_l=psy-ab.1.1.0i67k1j0j0i10k1j0l7.4812.6762.0.9494.4.4.0.0.0.0.122.314.3j1.4.0….0…1c.1.64.psy-ab..0.4.313…35i39k1j0i131i67k1j0i131k1.0.SUVbJ6ysfpE

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/12/03/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-49-50-51-17-adventsetueden/

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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12 Antworten zu Kapitalismus.

  1. Pingback: Kleinigkeiten – Fädenrisse

  2. dergl schreibt:

    Bin ich aufgrund der Erfahrung damit wie im Gesundheitssektor mit z.B behinderten Menschen umgesprungen wird (z.B. obwohl gewünscht keine Chemo bei Krebs weil als Gesamtpaket mit der Behinderung zu teuer ) die einzige, die nicht geschockt war als ich die Nachricht gelesen habe?!

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    • dergl schreibt:

      Ach so: Soylent Green war schon in meiner Umschulung (im Gesundheitsbereich) eine stehende Redewendung für die, die nicht mehr „brauchbar“ waren.

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  3. Myriade schreibt:

    Grauslich !! Und gleich auch noch Soylent Green ….. Trotzdem gern gelesen, statt der stereotypen Kerzen, Kränze und Engelein aus der irrealen Adventwelt

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  4. gkazakou schreibt:

    Sieh mal an! Wusste ich nicht. Passt zur neoliberalen Denke.
    Im Prinzip bin ich übrigens einverstanden, im letzten Krankheitsstadium, falls gewünscht, anstelle überflüssiger quälender Therapien sorgfältig bemessene palliative Mittel einzusetzen, die das Sterben weniger grauenvoll machen. Bei solchen Gesetzes-Entscheidungen stehen sich wohl Firmeninteressen der einen und anderen Seite feindlich gegenüber.

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    • Ich habe auch nichts gegen Algorithmen, solange sie nicht der Gewinnmaximierung bei gleichzeitiger Entmenschlichung dienen. Liebe Grüße.

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      • gkazakou schreibt:

        Zu Algorithmen habe ich keine Meinung, wohl aber zum Einsatz palliativer Medizin anstatt letzter Chemohämmer und OPs ohne Sinn und Verstand. Wichtig sind Aufklärung und Wahlfreiheit für den Patienten. Die Kostenfrage lauert in jedem Fall im Hintergrund, ob nun Big Pharma oder Google an den Kranken verdienen will. Wir leben so oder so im Kapitalismus. LG

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        • Die Entwicklung könnte dahin gehen, dass anstatt erfolgversprechender und teurer kurativer Medizin gleich, aus kostengründen, in die palliative Medizin übergeleitet wird.
          Solange eine Linderung, Heilung/Genesung möglich erscheint ist kurative Medizin anzuwenden.

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          • gkazakou schreibt:

            Dem stimme ich voll zu. Ich sehe schon auch die Gefahr, dass Patienten vorzeitig „aufgegeben“ werden, weil sie eh schon „zu alt“ sind und „unnötige Kosten“ verursachen. Und ich teile deine Skepsis hinsichtlich der Motive der palliativen Medizin. Nur dass sich meine Skepsis genauso gegen die kurative Medizin richtet.
            Am Ende läuft es auf die Frage nach dem ärztlichen Ethos (trotz Kapitalismus) hinaus.

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  5. Christiane schreibt:

    Jupp, mir ist auch die Luft weggeblieben, als ich davon gehört habe. Wir lernens nicht, oder? Und der Sprung zu Soylent Green ist hinterhältig, aber nachvollziehbar … iiiih. ;-)
    Dir einen friedlichen Adventssonntag
    Christiane

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    • Es gehört zu dem seit Jahrzehnten verfolgten neoliberalem Masterplan. Dass es einen gibt, musste einem spätestens nach der November-Sendung der ANSTALT klargeworden sein. Danke. Auch dir eine friedliche und besinnliche dritte Adventswoche. Liebe Grüße. Bernd

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