Geiselhaft.

Wenn der Gefangene der Nachbarzelle sein „Geschäft“ wegspülte, dann gluckste es in seiner Toilette.
Monatelang waren die einzigen fremden Geräusche, die er hörte, diejenigen im Zusammenhang mit der Anlieferung und des Abräumens seiner Mahlzeiten und das Glucksen seiner Toilette.
Mehr als zweihundertneunzig Tage saß er in diesem türkischen Gefängnis in Einzelhaft, bevor er wieder regelmäßig einen einzigen Menschen treffen durfte: einen Mitgefangenen.

Es waren stürmische Zeiten seit seiner Verhaftung am 27. Februar 2017 – nicht äußerlich, sondern innerlich, denn ein Gedankensturm tobte in ihm.
Er wusste nicht, was ihm eigentlich vorgeworfen wurde – es gab keine Anklageschrift; er wusste nicht, was der nächste Tag brächte.
Seine Anwälte und seine Schwester wurden nicht ein einziges Mal von der Bundesregierung informiert, wer und ob überhaupt sich jemand hinter den Kulissen für ihn einsetzte.

Am 16. Februar 2018 wurde er, „nachdem die Staatsanwaltschaft zuvor die Anklageschrift gegen ihn vorgelegt hatte“, plötzlich aus der Haft entlassen: „Ich weiß immer noch nicht, warum ich vor einem Jahr verhaftet wurde, genauer, warum ich vor einem Jahr als Geisel genommen wurde – und ich weiß auch nicht, warum ich heute freigelassen wurde.“

Wie wird er sich fühlen, wenn er erfährt, wie Mitglieder der deutschen Bundesregierung in diesem, seinem Jahr den Despoten Erdoğan hofiert haben, wenn er erfährt, dass ein Großteil der 31.000 Beschwerden aus der Türkei wegen willkürlicher Verhaftungen, Entlassungen aus dem Staatsdienst, Eingriffen in die Meinungsfreiheit und Zensur vor dem Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg mit der Begründung abgelehnt wurden, die europäischen Richter seien erst dann zuständig, wenn alle innertürkischen Rechtsbehelfe ausgeschöpft seien; erst müssen Betroffene sich durch alle türkischen Instanzen klagen, bis sie Hilfe aus Europa erwarten dürfen?

Mut machte allein, dass die Öffentlichkeit ihn nicht vergaß: „Liebe Freundinnen und Freunde, meine Damen und Herren! Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung. Für alle meine eingesperrten türkischen Kollegen und für mich ist es sehr wertvoll zu wissen, dass die Welt uns nicht vergessen hat.“

Ob der Flörsheimer (bei Frankfurt am Main liegend) Junge, sich nach seiner Freilassung auf Pellkartoffeln mit Frankfurter Grüner Sauce, in der der gurkenähnliche Geschmack der Pimpinelle leicht hervorsticht, freut, werden wir wohl nicht erfahren.

Inspirationen: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/02/18/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-08-18-wortspende-von-wesentlichwerden/

Dieser Artikel ist unter CC BY-NC-ND 4.0 lizenziert.
[Teilen erlaubt mit Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitung]

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
Dieser Beitrag wurde unter RSOPfiction abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Geiselhaft.

  1. Christiane schreibt:

    Ich mag, dass deine Etüden politischer werden, und was du darin versteckst. Herzlichen Dank auch wieder hierfür. Ich hätte mir denken können (wenn ich gedacht hätte, aber das gehört jetzt nicht hierher), dass du die Freilassung aufgreifst.
    Liebe Grüße
    Christiane, verspätet

    Gefällt 1 Person

    • Vielen Dank Christiane! Ja, die Freilassung war das Ereignis der Woche. Und im Frühjahr 2017 wohnte ich in Stuttgart einer beeindruckenden Demonstration gegen die Geiselnahme bei. Da bekommt so ein Ereignis einen anderen Stellenwert.
      Liebe Grüße, Bernd

      Gefällt 1 Person

  2. Petra Schuseil schreibt:

    Hallo Bernd, ist toll wie Du das politische Geschehen mit den Etüden vermengst. GEfällt mir sehr gut!

    Wenn er grüne Soße ist, dann wahrscheinlich mit einem ordentlichen Schnitzel. Das nennt sich dann nach Frankfurter Art. Ich hätte jedenfalls jetzt sehr große Lust genau dies jetzt zu essen: Schnitzel mit Pellkartoffeln und grüner Soße … ein bisschen Grüne-Soße-Kräuter hätt ich ja noch im Tiefkühler :-).

    Ja, worauf er wohl jetzt Lust hat zu essen?
    Schön, dass er in Freiheit ist.
    HG
    Petra

    Gefällt 1 Person

    • Vielen Dank, Petra. Wenn das Schnitzel ein Soja- oder Seitan-Schnitzel wäre, wäre ich auch dabei. Frankfurter Grüne Sauce habe ich tatsächlich noch nicht gegessen. :-)
      Liebe Grüße, Bernd

      Liken

  3. schlingsite schreibt:

    Für die Frankfurter gri Soß ist’s noch zu früh. Nach der Geiselhaft braucht er eh was Deftiges und soll Deutschland verlassen haben.

    Gefällt 1 Person

  4. Anna-Lena schreibt:

    Mitten aus dem aktuellen Leben, so hatte ich es erwartet. Setzt du deine Etüden eigentlich auch auf die Homepage unserer Möchte-gern-Regierung? das wäre doch was!!!!! :-)

    Lieben Gruß
    Anna-Lena

    Gefällt 3 Personen

Kommentare sind geschlossen.