Siebzehn Wochen.

Nur ungern verließ Rainer an diesem Morgen das Haus. Dienstreise. Vier Wochen Walachei. Achtzig Menschen zusammengepfercht in wenigen Räumen. Rainer hatte gar keinen Bock.

Nach zweistündiger Fahrt erreichte er das Ziel. Auftaktveranstaltung. Er saß an einem Platz im Besprechungsraum, bereitete sich vor. Gerade als er aufblickte und Richtung Tür schaute, trat eine Frau ein, deren Anblick ihn blitzartig traf. Traumfrau. Diese Haarfarbe, diese blitzenden Augen, dieses entwaffnende Lächeln, diese aufrechte Körperhaltung – was für eine Ausstrahlung!

Sofort hoffte Rainer, dass sie seinem Team angehören würde. Der Kollege, der für die Begrüßung zuständig war, fragte Julia, zu welcher Gruppe sie gehöre. Schade. Nicht seine Gruppe. Doch die Enttäuschung währte nicht lange. Es gab Missverständnisse und Julia gehörte doch zu seinem Team.

Es begannen, sich federleicht anfühlende vier Wochen Projektarbeit. Sie verstanden sich auf Anhieb, von Anfang an gab es eine Vertrautheit, als kenne man sich schon ewig. Ihm gefiel ihre Respektlosigkeit, ihre kleinen Frechheiten, das neckische in ihrem Blick und auch wie sie sich organisierte. Das hob seine Stimmung. Auch abends an der Hotelbar hatten sie viel Spaß miteinander. Rainer war verliebt. Er war aber auch schüchtern. Er überschritt nie die Grenze der Kollegialität.

Dann kam der Abschied. Man würde sich vielleicht nie wieder begegnen. Nur mühsam konnte Rainer bei der verabschiedenden Umarmung seine Fassung wahren. In der darauffolgenden Nacht schlief er sehr unruhig. Am anderen Morgen hatte Rainer sich entschieden: er schrieb Julia eine E-Mail, in der er seinen Gefühlen freien Lauf ließ, die begeisterten und entfesselten Worte flogen nur so über die Tastatur. Es war eine Liebeserklärung wie er sie noch nie in seinem Leben ausgesprochen hatte. Am Ende dieser E-Mail stand er sozusagen nackt wie ein Frosch vor ihr und bat sie, ihn zu küssen oder an die Wand zu werfen.

Julias Antwort kam schnell und knapp: sie habe sich nicht verliebt, würde ihn aber mögen. Rainer war verheiratet, Julia in einer festen Beziehung. Sie verlängerten die vier vergnüglichen Wochen Projektarbeit um weitere drei Monate, indem sie jeden Abend per E-Mail hinter den Rücken ihrer Partner chatteten. Keine Liebeserklärungen. Sie unterhielten sich über Gott und die Welt, teilten ihren Humor und ihre Lieblingsmusik.

Es wurden über zweitausend E-Mails. Sie, die nicht verliebt sei, schrieb ihm sogar nachts, während sie die Koffer für einen Kurzurlaub packte.

Zu Beginn des dritten Monats hörte er zufällig von KollegInnen, dass Julia in einem Monat heiratete. Es traf ihn wie einen Schlag. Nicht eine Andeutung hatte sie ausgesprochen. Hätte Rainer gewusst, dass Julia in Hochzeitsvorbereitungen stünde, er hätte sich dezent zurückgezogen.

Am Ende des dritten Monats war ihr Hochzeitstag. Ohne ein Wort des Abschieds endete diese schöne und intensive Unterhaltung abrupt und endgültig. Ein grauer Schleier legte sich über Rainer. Er versank in einem tiefen Loch. Diese Begegnung und ihr Ende war für ihn unfassbar. Er trauerte lange. Sehr lange.

Dreieinhalb Jahre später arbeitete er im Support und hatte einen schriftlichen Kontakt zu einer ihm völlig unbekannten Kollegin. Der lockere Umgang mit dieser Kollegin zog ihn aus seinem Loch und er kam sich vor, als wäre er nach langer Zeit unter Wasser plötzlich wieder aufgetaucht. Jetzt erst wurde Rainer bewusst, wie sehr ihn die Trauer die vergangenen Jahre im Griff hatte.

Inspiration: http://projekttxt.net/2018/03/07/das-dritte-wort-2018/: Lichtblick

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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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