Letzte Wahlen.

Nachdem die Schere zwischen Habenichtsen und Krösussen immer weiter auseinanderklaffte und das Verhältnis von 9 zu 1 erreichte, war die Grenze der kritischen Masse überschritten.
Es gab monatelange Unruhen, Straßenblockaden der Hauptverkehrswege, brennender Luxus jeglicher Art. –

Sie meinten, die Zeit sei Reif für die Stunde Null der Repression und ließen es am 26.03.2042 geschehen, anlässlich der gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat zur Vereidigung der neuen Bundespräsidentin.
Deutschland verlor mit einem Schlag alle Ministerpräsident*en, die komplette Bundesregierung, die alte und neue Bundespräsidentin und alle Abgeordneten des Deutschen Bundestages. –

Sofie saß splitternackt, die Fußgelenke fest an die Stuhlbeine fixiert, die Arme nach hinten um die Stuhllehne gebunden, in einem fensterlosen, schallisolierten Raum.
Seit Tagen wurde Sofie klassisch gefoltert – man wollte alles über den ‚Der Pfiffikus‘ und seine Hintermenschen erfahren.
‚Der Pfiffikus‘ war eine Vierteljahreszeitschrift zum widerständigen Leben im Untergrund, mit Schreibmaschine auf Matritzen geschrieben und auf einem Matritzendrucker vervielfältigt.

Sofie hatte sich in den vergangenen zehn Jahren Techniken zum Überstehen von Folterungen angeeignet und schaffte es, sich traumverloren auf eine Reise in andere Welten zu begeben.
Die Vernehmungsoffizierin versuchte Sofie immer wieder, tätschelnd, schlagend, tretend und stromstoßend, in die Gegenwart zu holen, doch es wollte ihr nicht gelingen.
Das Mittel der letzten Wahl war das allerneuste Wahrheitsserum, mittels dessen alle geistigen Inhalte der Gehirne der Probanden gescannt werden konnten; es gab nur eine Nebenwirkung: 36 Stunden nach der Injektion trat der Tod ein.

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/06/10/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-24-18-wortspende-von-redskiesoverparadise/

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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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5 Antworten zu Letzte Wahlen.

  1. Werner Kastens schreibt:

    Die Methoden verfeinern sich halt über die Jahrhunderte: Pfählung, Pranger, Zunge ausreissen, Streckung, Inquisition,Hexenverbrennung, Ziegen das Salz von den Füßen lecken lassen, Nagelstühle, die Feinde mit Gülle füllen, Daumenschrauben, Vierteilen, Rädern, Exkommunizierung, Wassertropfen auf die Stirne, Waterboarding, Psychopharmaka, Kommunikationsverbot, …..

    Gefällt 1 Person

  2. nandalya schreibt:

    Ein Stück vorweggenommene Realität. Sehr gut!

    Gefällt 2 Personen

  3. Christiane schreibt:

    Die Dystopie der Woche, präsentiert von Mr Bernd. Damit keiner sagen kann, man hätte es nicht kommen sehen können. Uh. Schwer verdaulich wieder mal.
    Nachdenklich, aber Grüße
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

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