Überforderung.

Sandra und Christian waren gestandene Eltern zweier leiblicher Kinder, wollten Gutes tun und bewarben sich als Pflegeeltern beim örtlichen Jugendamt.

Die dreijährige Ayana verstand ihre Welt nicht mehr, als die Milizen ihren alles geliebten Vater und die Väter der anderen Kinder verschleppten und ihr Dorf brandschatzten.

Ihre Mutter grub ihre Ersparnisse aus, bezahlte Schlepper für eine Überfahrt nach Europa; sie umschifften in ihrem überladenen Boot die Frontex-Soldaten, blieben mit Motorschaden auf offener See liegen, wurden von der Sea-Watch gerettet und erreichten auf verschlungenen bürokratischen Pfaden Deutschland, wo ihre Mutter bald an einer verschleppten und zu spät diagnostizierten Erkrankung verstarb und Ayana kam als Pflegekind in die Familie von Sandra und Christian.

Ayana nässte die nächsten Jahre regelmäßig nachts ein, konnte nie allein bleiben, die Gewöhnungsphase an die Kindertagesstätte dauerte über ein halbes Jahr, regelmäßig bekam sie einen starren Blick und klammerte sich so oft wie möglich an Christian.

Die Kinderärztin empfahl Sandra und Christian einen auf Flüchtlingskinder spezialisierten Traumapsychologen, der Ayana mit verschiedenen therapeutischen Ansätzen stabilisierte und so Gelang auch der wichtige Übergang in die Grundschule relativ problemlos.

Kern der von der Jugendhilfe der Stadtverwaltung finanzierten Therapie war Ayanas Umgang mit „ihrem“ Pferd auf dem sie liebend gern voltigierte – es war eine Freude, sie in ihrem giftgrünen Reit-Kleidchen, das so hübsch mit ihrer farbigen Haut, ihrem strahlenden Lächeln und ihren blitzenden Augen korrespondierte, auf dem Pferd ihre Übungen machen zu sehen.

Nach zwei Jahren beendete das Jugendamt wegen fehlender Haushaltsmittel und explodierender Gesamtausgaben für die Inobhutnahme gefährdeter Kinder die Kostenübernahme dieser Therapie und Sandra und Christian konnten das Geld für den Reitverein und die Reitbeteiligung nicht selbst aufbringen; sie mussten auch das Wohl ihrer beiden anderen Kinder im Auge behalten und durften sie nicht noch mehr vernachlässigen.

Ayanas seelischer Zustand verschlechterte sich zusehends, sie klammerte sich immer intensiver an Christian und wurde allen anderen Familienmitgliedern gegenüber sehr aggressiv, handgreiflich, sobald diese sich Christian näherten oder ihn auch nur ansprachen.

Selbst der Psychologe war, angesichts Ayanas massiven Verhaltens, ratlos, murmelte etwas von einem Ödipus- bzw. Elektrakomplex.

Nach sechs Jahren gaben Sandra und Christian auf und nach dem eilends einberufenen Jugendhilfeplangespräch kam Ayana ins örtliche Kinderheim.

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/06/17/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-25-18-wortspende-von-myriade/

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4 Antworten zu Überforderung.

  1. kat. schreibt:

    Ja, ich hab auch gedacht,sehr realistisch! Da hilft „nur Liebe“ gar nichts. Nachdenkliche Grüsse kat

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    • Man muss immer bedenken, dass Pflegefamilien Laien sind und manchmal ist es besser, es kümmern sich Menschen mit einer professionellen Distanz um ein Kind. Und die Inobhutnahme in ein Heim ist nur der Weisheit letzter Schluss.
      Liebe Grüße, Bernd

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  2. Christiane schreibt:

    Ich fürchte, dass so etwas oft passiert. Ansonsten bin ich sprachlos und sogar schon beim Lesen überfordert.
    Liebe Grüße
    Christiane

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    • Ja, so ist es. Das Beschriebene ist in seiner Konsequenz einem Fall aus meiner weiteren Bekanntschaft nachempfunden. Viele Pflegschaften stehen ständig auf der Kippe. Und die Betroffenen können froh sein, wenn sie ein Jugendamt haben, dass die nötige Unterstützung/Förderung immer unverzüglich bereitstellt.
      Liebe Grüße, Bernd

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