Menetekel.

Warnhinweis: Diese, auf tatsächlichem Geschehen basierende Erzählung, enthält Beschreibungen physischer und psychischer Gewalt und sollte nur von Personen mit entsprechender Widerstandsfähigkeit gelesen werden.

Normalerweise sind Eier Sinnbilder für einen besonderen Raum, in dem junges Leben geschützt reifen kann; nicht so in der katholischen Kindertagesstätte ‚Drachenei‘ [1] der zweihunderttausend Einwohner zählenden Stadt Heinz [1] am Rhein.

Exemplarisch erhielten wir vor drei Jahren Einblick in eine Welt, deren Tore uns normalerweise verschlossen bleiben oder, wenn wir Einblick hätten nehmen können, uns selbstschützend abwendeten.

Die Leiterin der KiTa, die fünf Erzieherinnen und ein Erzieher zeigten sich nicht betroffen, standen dem unsäglichen Geschehen hilflos gegenüber, vernachlässigten ihre Fürsorge- und Erziehungspflicht und machten sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig; man sprach von einer möglichen Überforderung des Teams, von einem altbackenen pädagogischen Konzept.

Annähernd jedes Kind der KiTa erlebte „Perversitäten sexueller Gewalt“; sie wurden über einen langen Zeitraum mehrfach täglich bedroht, erpresst, bestohlen und sexuell missbraucht, teilweise sadistisch motiviert.
Die Initiative ging von drei sechsjährigen Jungen aus, die den anderen Kindern drohten, ihnen eine zu knallen oder sie tot zu machen; später wechselten mehrere Mädchen und Jungen von der Opfer- zur Täterseite.
Die Opferkinder wurden gezwungen auf Teppiche und in die Puppenecke zu pinkeln, sich auszuziehen und ihre Geschlechtsteile zu präsentieren, sie mussten sich umdrehen und ihren Po zeigen und Gegenstände wurden in Körperöffnungen eingeführt.
Jungs wurden gezwungen, die Vorhaut am Penis zurückzuziehen, damit ihnen andere Kinder darauf schlagen konnten …

In einer Kultur des Wegsehens findet Missbrauch überall statt: einer Studie des Jahres 2016 zufolge in Familien, in Institutionen, abgebildet in digitalen Medien, in Flüchtlingsunterkünften, durch organisierte Kriminalität, angefangen bei sexualisierter Sprache bis zu Vergewaltigungen auch von Babys und Kleinkindern – die Häufigkeit entspräche der Dimension einer Volkskrankheit.

Erziehung sei Vorbild und Liebe – sonst nichts; wenn Kinder wie Erwachsene missbrauchen, welche Vorbilder mögen die handelnden Kinder gehabt haben, wie viel Liebe wurde ihnen vorenthalten, wie viele Menschen haben weggesehen?

Anstatt den Kriegshaushalt auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen, sollte dieses Geld u. a. in die quantitative und qualitative Aus-, Weiterbildung, adäquate Bezahlung, die Supervision/das Coaching von Erzieher*n/Lehrer*n und in die personelle und finanzielle Ausstattung der Kinder- und Jugendhilfe gesteckt werden – oder: sind all diese gesellschaftlichen Verwerfungen etwa politisch gewollt?

[1] Orts- und Namensangaben geändert

„Inspiration“: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/06/24/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-26-18-wortspende-von-wortgeflumselkritzelkram/

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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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17 Antworten zu Menetekel.

  1. nandalya schreibt:

    Warum handeln Kinder wie sie handeln? Die Antwort ist einfach: Erwachsene haben es ihnen vorgemacht. Ein Teufelskreis aus Schuld und Sühne. Wo fängt er an, wo endet er?

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  2. Myriade schreibt:

    Grauenhafte Zustände ! Was hat man mit dem Personal dieser KITA gemacht. Den letzten Satz „oder: sind all diese gesellschaftlichen Verwerfungen etwa politisch gewollt?“ finde ich aber auch sehr heftig!

    Gefällt 1 Person

    • Handeln = Tun oder Unterlassen. Was die gesellschaftliche Entwicklung anbelangt erkenne ich allerorten politisches Unterlassen. Es wird nicht nichts getan, doch viel zu wenig. Wenn es darum geht, Geld in die Sicherung unserer Grenzen, in die Modernisierung unseres Kriegsgerätes und in die Parteienfinanzierung zu stecken, dann wird getan. So schnell wie diese Gesetze verabschiedet werden, so schnell wurde noch kein einziges Sozialgesetz verabschiedet (Agenda 2020 mal ausgenommen). [Ich pauschalisiere nicht, ich überspitze.] | Das Personal bekam von den Arbeitsgerichten Recht, ihnen hätte nicht gekündigt werden dürfen, da die Zustände/Vorwürfe nicht gerichtsfest bewiesen werden konnten [Kinder haben ja eine blühende Fantasie].

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      • Myriade schreibt:

        Sie wurden also wieder eingestellt. Das ist schwer zu schlucken !

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        • »Das Arbeitsgericht gibt einer Erzieherin Recht, ihre Kündigung ist ungültig. In einem weiteren Fall haben die Parteien einen Vergleich geschlossen. Bis zum Jahresende enden vier weitere Verfahren: zweimal gibt es einen Vergleich, zweimal ein erstinstanzliches Urteil gegen das Bistum – die Kündigungen sind unwirksam.« | »Die Staatsanwaltschaft informiert über den vorläufigen Abschluss der Ermittlungen: Die Vorwürfe gegen das Kita-Team haben sich nicht bestätigt. Die polizeiliche Vernehmung der Kinder ergab: Die von Eltern aufgrund der Befragung ihrer eigenen Kinder geschilderten Vorkommnisse hat es so nicht gegeben. Außerdem seien im Sommer eingeleitete Ermittlungen gegen [den] Pfarrer […] rasch wieder eingestellt worden.«

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  3. Anna-Lena schreibt:

    Erschreckende Fakten und doch vielerorts leider an der Tagesordnung.
    Ein deutlicher Appell an uns, Augen und Ohren offen zu halten und zu reagieren, wenn wir das Gefühl haben, Kinder sind in Gefahr!

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  4. Christiane schreibt:

    Uh. Ich habe die (heute würde man sagen) Updates zu dieser Geschichte nicht parat: Gibt es eine Antwort darauf, WARUM die Kinder das gemacht haben? Du hast recht mit der Frage nach den Vorbildern; was ist, wenn die Antwort einfach „Ich habe es gemacht, weil ich es kann“ lautet?
    Die unbequemen Fragen werden nicht weniger.
    Ziemlich trocken schluckende Grüße
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

    • Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren eingestellt. Ich interpretiere einmal die Berichte so: Nach dem ganzen Rummel infolge des Bekanntwerdens der Vorfälle und nachdem zu viele Menschen zu viele suggestive Fragen gestellt aben, liess sich der Sachverhalt nicht mehr gerichtsfest aufklären. – Ich selbst bin Zeuge geworden, als sich zwei kleine Kinder auf einer Rolltreppe pornografisch unterhalten hätten. Ich kenne ein Kind, das mit seinem Teddybären Geschlechtsverkehrt nachspielte.
      Es geht hier um ein Tabu-Thema. Ich erinnere mich dabei auch an die TV-Filme „Operation Zucker“. – Liebe Grüße, Bernd

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  5. Harter Tobak am frühen Morgen – grandios umgesetzt. Danke dafür! Sehr!

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