»Wenn wir jetzt anfangen, in Seenot nicht mehr zu retten, dann ist unsere Kultur, glaube ich, nicht nur, was europäische Werte angeht, am Ende, sondern auch, was viel grundlegendere Werte noch angeht am Ende.«

»Man muss sich mal vor Augen führen, dass die Rettung vor Libyen jetzt der libyschen Küstenwache überlassen wird. Ich habe mit den Flüchtlingen an Bord persönlich geredet und jeder hat mir gesagt, dass sie lieber sterben, als in Libyen zu bleiben. Das heißt, dass sie lieber auf die Boote gehen und wissen, dass von vieren drei wahrscheinlich ertrinken, als in Libyen zu bleiben, weil sie dort gefoltert werden, weil sie dort erpresst werden, weil sie dort zum Teil versklavt werden, vergewaltigt werden.

Die Zustände dort sind wirklich abseits dessen, was wir uns überhaupt vorstellen können. Vor dem Hintergrund den zivilen Seenot-Rettungsorganisationen vorzuwerfen, Schlepper und Helfershelfer zu sein, wenn man selber die libysche Küstenwache für die Rettung verantwortlich macht, wo man auch darüber diskutieren kann, ob dort nicht gewisse Interessen sich überschränken mit denen von Schleppern und Helfershelfern, halte ich für wirklich nicht sachgemäß.«


»Wenn wir jetzt anfangen, in Seenot nicht mehr zu retten, dann ist unsere Kultur, glaube ich, nicht nur, was europäische Werte angeht, am Ende, sondern auch, was viel grundlegendere Werte noch angeht am Ende. Das heißt, in konkreter Situation, wo es um Leib und Leben geht, zuzugucken, wie Menschen sterben, und nicht einzugreifen, ist meiner Ansicht nach keine Option.«


»Wie gesagt, ein Flüchtling, mit dem ich geredet habe, aus Sierra Leone, ist mit fünf Leuten losgelaufen, zwei Jahre unterwegs durch die Sahara. Dann kommen die in Libyen an, werden mehrfach vergewaltigt oder misshandelt, oder sie müssen Tausende von Euro von ihren Familien überweisen lassen, damit die Misshandlungen aufhören. Dann sind die am Strand und dann sagt er, er hat auf zwei Booten keinen Platz bekommen. Beide Boote sind vor seinen Augen mehr oder weniger – er hat mitbekommen, dass alle auf diesen Booten ersoffen sind. Und er ist trotzdem aufs dritte Boot gegangen.

Die Menschen gehen nicht auf See, weil sie denken, sie werden gerettet. Die Menschen gehen auf See, obwohl sie davon ausgehen, dass sie sterben werden. Es ist total egal, ob dort Schiffe herumkreuzen oder nicht; die Menschen werden weiter auf See gehen.«


»Aber jetzt wird die Seenotrettung vor Libyen im Suchbereich der libyschen Küstenwache überlassen, die die Menschen zurückholt an Land in menschenrechtlich nicht hinnehmbare Zustände. Wenn die libysche Küstenwache auf so ein Schlauchboot trifft, springen die Leute zum Teil ins Wasser, um lieber gleich zu ertrinken. Das ist die Situation, die real dort ist.

Ich würde jedem, der sagt, man kann mit Libyen zusammenarbeiten, raten, einmal mit einem Flüchtling darüber zu reden, was der in Libyen erlebt hat, und dann in einen Spiegel zu gucken und zu sagen, ob man das eigentlich verantworten kann, wenn man über europäische Werte redet.«


Zitate aus: Der Grünen-Politiker Manuel Sarrazin im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann am 26.06.2018

Das gesamte Interview zum Nachlesen: https://www.deutschlandfunk.de/fluechtlingsschiff-lifeline-wenn-wir-in-seenot-nicht-mehr.694.de.html?dram:article_id=421287

Das gesamte Interview zum Nachhören: https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2018/06/26/interview_manuel_sarrazin_gruene_eindruecke_vom_dlf_20180626_0811_47c31a47.mp3


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13 Antworten zu »Wenn wir jetzt anfangen, in Seenot nicht mehr zu retten, dann ist unsere Kultur, glaube ich, nicht nur, was europäische Werte angeht, am Ende, sondern auch, was viel grundlegendere Werte noch angeht am Ende.«

  1. Anna-Lena schreibt:

    Unglaublich – da fehlen mir die Worte!

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  2. Ulli schreibt:

    Das alles geht gar nicht!

    Gefällt 1 Person

    • dergl schreibt:

      Du könntest, wenn du heute rausgehst sichtbar irgendwas orangefarbenes tragen, Anziehsachen, ein Tuch, Stoffbeutel, irgendwas. Die Seebrücke hat für heute in mehreren Städten Demos gegen die Kriminalisierung der Retter organisiert und ruft dazu auf, dass wer nicht kommen kann Solidarität bekunden kann in dem er/sie/es was orangefarbenes trägt, sichtbar dabei hat. https://twitter.com/_Seebruecke_/status/1015166306235142144

      Gefällt 3 Personen

      • Ulli schreibt:

        Danke Dergl!

        Gefällt 1 Person

        • dergl schreibt:

          13.07. Köln Domplatte und heute Greifswald wurden nachgetragen.

          In Düsseldorf und Duisburg – wenn ich nicht krank wäre, wäre ich bei ersterem dabei – gehen sie heute gegen das Polizeigesetz auf die Straße, aber in Solidarität mit der Seebrücke.

          Kleine, aber feine Aktion einer Einzelperson: Der Wollladen hier hat über Nacht seine Schaufensterdeko ausgetauscht. Gestern war noch alles bunt, jetzt ist alles, aber wirklich alles im Fenster orange. (Laden wird alleine von einer älteren Frau gemacht.)

          Gefällt 2 Personen

          • Ulli schreibt:

            Leider ist nichts in meiner Nähe und ich besitze auch nichts Orangenes, noch nicht einmal ein Tuch, aber ich bin dennoch froh zu lesen, dass es diese Demos gibt und fand nun im Netz schon einiges an orangener Solidarität.
            Toll ist auch die Aktion der älteren Frau im Wollladen!
            Herzliche Grüße, Ulli

            Gefällt 1 Person

            • dergl schreibt:

              Du hast doch ein Twitter-Konto, meine ich mich zu erinnern? Vielleicht ist es auch schon ein Zeichen von Solidarität, deren Demo-Ankündigungen (haben eigenen Twitter-Account) zu retweeten, das würde ja wahrscheinlich auch keine/r/ tun, dem/der das völlig egal ist.

              Gefällt 1 Person

              • Ulli schreibt:

                hab ich gemacht!

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                • dergl schreibt:

                  Wenn man mal überlegt: Das wurde innerhalb einer Woche koordiniert und kam dennoch auf 21.000 Leute (laut der Zählung auf deren Twitter, ich glaube, bei der taz stand das aber auch, zumindest die 12.000 in Berlin standen da)… Es werden sicher auch der Boehmermann und der Heufer-Umlauf mit ihren Aktionen dazu beigetragen haben, aber es ist nicht nichts. Die Times Malta (englisch) hat ein Interview mit Claus-Peter Reisch veröffentlicht (falls es dich interessiert), dürfte man über Suchmaschinen finden.

                  Gefällt 2 Personen

                  • Ulli schreibt:

                    Das zeigt doch, dass „wir“ viele sind und genau an diese Kraft glaube ich auch immer noch, auch wenn es mir manchmal schwerfällt. Danke für den Interviewtipp, da schaue ich gerne nach!

                    Gefällt 2 Personen

                    • dergl schreibt:

                      Die haben auf ihrer Homepage jetzt weitere Demos gemeldet. Am Freitag unter anderem in Reutlingen und Würzburg. Sonst Münster, Köln, Essen (wenn ich nicht krank wäre…. Ist nicht so nah wie Düsseldorf, aber erreichbar), Samstag Offenbach, 28.07. Kaiserslautern. Vielleicht ist da irgendetwas in deiner Nähe dabei.

                      Gefällt 1 Person

                    • Ulli schreibt:

                      Danke dergl …

                      Gefällt 1 Person

      • Danke. Dann kommt mein orangefarbenes Lieblings-Shirt zum Einsatz.

        Gefällt 1 Person

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