Traumhochzeit.

Heute wird ihre gemeinsame Liebe vor Gott besiegelt werden. Lange hatten sie diesen Tag geplant und minutiös vorbereitet. Es wird eine trashige, mit allem Firlefanz ausgestattete Kitsch-Hochzeit werden, die keiner der ihr Beiwohnenden jemals vergäße. Sie, die Braut, trägt ein Federkleid aus nachwachsenden Rohstoffen, luftig-leicht, in den buntesten Farben. Den Hahn auf der Kirchturmspitze hatten sie mit den gleichen Federn und Farben ausstatten lassen und jetzt dreht er sich, so scheint es, mit Stolz geschwellter Brust in der leichten Brise.

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Anstatt Ringe für die Finger hatten sie sich für einen „Funken sprühenden“ Ohrring für sie und einen passenden Ohrstecker für ihn entschieden: Étincelle de Cartier aus Weissgold mit Diamanten, komplett für fünfzehntausend Euro. Nach vollendeter Trauung würden sie, berühmt für seine weltweit einzigartige Sammlung von Biedermeierschränkchen, ins Kleine Schlösschen am Rande eines wunderschön gelegenen Sees, einem renaturierten ehemaligen Baggersee, sechsspännig kutschiert werden. Zwischen dem bio-veganen Mittagessen und der Kaffeetafel war ein Spaziergang rund um den See durch das idyllische Wäldchen geplant, und just in dem Moment, in dem alle Gäste den Anleger zum Schlösschen erreichten, tauchte mit großem Getöse und Geblubbere, ein als Unterwasserkönig verkleideter Konditor mit einer überdimensionalen, wasserdicht umhüllten und veganen Sachertorte, aus den Tiefen des Sees auf. Zum spätnachmittäglichen Tanztee würde Max Raabe und sein Palastorchester aufspielen und sollen jetzt den Hochzeitsmarsch zum Einzug in die Kirche spielen.

Sollen! Doch sie sind noch nicht da und telefonisch nicht zu erreichen!
Ein Luxusproblem, denn was nützt die perfekteste Musik, wenn der Bräutigam fehlt.
In ihrem inneren Ohr erklingt die Melodie: „Wähle 3-3-3 auf dem Telefon, wähle 3-3-3 und du hast mich schon. Wähle 3-3-3 und dann glaube mir, ich bin 1-2-3 schon bei dir.“ Auch er: telefonisch nicht erreichbar. –

Sein, des Bräutigams Handy klingelt unentwegt. Es liegt, zusammen mit seiner gesamten Ober- und Unterbekleidung auf einem Stuhl in der Halle. Er liegt rücklings gefesselt und geknebelt, mit eiskalten Füßen, da die Fußfessel den Blutfluss vollständig unterbindet, auf einem Fließband der Fischkonservenfabrik, das normalerweise Fisch zerkleinert und weiterverarbeitet. Der Gedanke, ob die Maschine mit seinen Knochen fertig würde, zieht kurz an ihm vorbei; ein Luxusproblem angesichts seiner Lage. –

Der Fischkonservenfabrikant wurde verdächtigt, in seiner Villa der gewerbsmäßigen Prostitution Vorschub zu leisten. Er, der er sich jetzt in dieser misslichen Lage befindet, ist der Vermieter der Villa und hatte dem Fabrikanten wegen der nicht vertragsgemäßen Nutzung großzügig mit einjähriger Frist – es war ja nicht leicht, eine neue Luxus-Bleibe zu finden – gekündigt. Der Fabrikant ließ die Frist untätig verstreichen, auf Mahnungen reagierte er nicht und so empfing er vor sechs Wochen die Räumungsklage und vor vier Wochen das dementsprechende Gerichtsurteil. –

Den Chauffeur erwartend, der ihn zu seiner Hochzeit führe, öffnete er auf das Läuten hin beschwingt die Haustür und wunderte sich, dass ihm drei schmuddelig aussehende Männer gegenüberstanden. Ehe er sich’s versah war er im Kofferraum einer Limousine verschwunden. Als sich im Innenhof der Fischkonservenfabrik der Kofferraumdeckel hob, ahnte er, dass er den Fischkonservenfabrikanten unterschätzt hatte. Alles Flehen, heute sei doch sein Hochzeitstag, nützte ihm nichts, ein wirksames Ablenkungsmanöver wollte ihm partout nicht einfallen. –

Die Maschine wurde mit seinen Knochen fertig.

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/07/29/10-aus-15-etuedensommerpausenintermezzo/

30.07.2018

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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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10 Antworten zu Traumhochzeit.

  1. violaetcetera schreibt:

    Ein wirklich böser Krimi aus der Welt der Reichen, wunderbar in Szene gesetzt… wer weiß, was für Fleisch wir wirklich essen.

    Gefällt 2 Personen

  2. moserschreibt schreibt:

    Super Bernd! Deine Geschichte ist ganz nach meinem Fischkonserven-Geschmack! 😁🐟👍

    Gefällt 4 Personen

  3. Karin schreibt:

    Vorspann zum Tatort heute Abend, aber Du hast den ganzen Irrwitz heutiger Hochzeiten mit ihren Modeerscheinungen makaber in Deine Geschichte gepackt und aus diesem Fischkonserven mit Knochenmehl entsteht dann BSE oder eine neue Seuche.
    Gruseliger Sonntagsgruß vom Dach, Karin

    Gefällt 3 Personen

  4. Christiane schreibt:

    Irgendwie gruselig! Sehr schön gedreht, die Beschreibung des „schönsten Tags des Lebens“ hin zu diesem Albtraum. Kann ja nicht gutgehen, so was.
    Es gibt vegane Sachertorte? Ich bin fasziniert, was du immer wieder ausgräbst.
    Liebe Grüße zum Morgen
    Christiane

    Gefällt 4 Personen

  5. Kraulquappe schreibt:

    Großartige Sonntagmorgenlektüre, danke dir!

    Gefällt 1 Person

  6. Myriade schreibt:

    Huuuuuu, makaber ……

    Gefällt 3 Personen

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