„Die Zeichen stehen an die Wand geschrieben, wer will, kann sie lesen und erkennen und sich gegen das drohende Unheil zur Wehr setzen.“

» […] „Eine enthumanisierte Sprache ist das erste Indiz für eine enthumanisierte Gesellschaft.“ Speziell in Fußballzeiten wird verbal massiv aufgerüstet, wenn „Strategie“, „Kampf“, „Sieg“ und eiserner Durchhaltewille beschworen werden. Indem Sportler zudem zu Vertretern einer ganzen Nation stilisiert werden, deren Schicksal auf dem (Schlacht-)Feld zur Entscheidung ansteht, wird ein eigentlich harmloses Spiel zusätzlich mit Bedeutung aufgeladen.
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Es ist beängstigend, wie die öffentlich gesprochene Sprache verwildert und sich militarisiert. Am Dienstag in der ZDF-Talkshow „Lanz“ kritisierte Waldemar Hartmann die deutsche Fußballnationalmannschaft und einzelne ihrer Akteure. Diese Kritik ist wohlbegründet und nötig. Es fehle an Kampfgeist und Einsatzbereitschaft. Die Mannschaft sei lahm und ohne Enthusiasmus.
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Dann aber kommt es knüppeldick: “Wie willst du mit so einem Mann den Krieg gewinnen”, fragte der 70-jährige und wohlbeleibte Waldemar Hartmann in Bezug auf Stürmer Mario Gomez. Es sei endlich Zeit, “die Wohlfühloase zu beenden und etwas mehr an den Krieg zu denken.„ Als es im Publikum ein paar ungläubige Lacher gab, setzte Hartmann nach und wiederholte: „Fußball ist Krieg”.
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Hartmann genießt offenbar eine Art von Narrenfreiheit und kann sagen, was er will. Niemand in der Runde hakte nach und verbat sich diese Metapher. So war der Weg frei für Sami Khedira. Der Vize-Kapitän der deutschen Nationalmannschaft sagte zwei Tage vor dem Spiel gegen Schweden: „Das hat Deutschland immer stark gemacht, die Mentalität von elf Kriegern. Die müssen wir wieder reinbekommen.“
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Durch solch scheinbar harmloses Talkshow-Geplauder wird der Krieg salonfähig gemacht. Unmenschlichkeit kündigt sich in der Sprache an. Eine enthumanisierte Sprache ist das erste Indiz für eine enthumanisierte Gesellschaft. Bevor der Krieg auf den Schlachtfeldern losbricht, beginnt er in der Sprache und fällt in die Köpfe und Seelen der Menschen ein. Irgendwann erhoffen diese sich von ihm eine „Reinigung der Atmosphäre“ und eine „Wiedergeburt als Nation und Gemeinschaft“. Der Krieg als „Willenstherapie“ und Gegengift gegen ein um sich greifendes Gefühl der Sinnlosigkeit.
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Stefan Zweig hat in seinem autobiographischen Roman „Die Welt von gestern“ beschrieben, wie in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg junge Männer sich einen Bart stehen ließen, um entschlossen zu wirken, wild und bereit zum Kampf.
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Die Bart-Mode von heute ist eine Kampfansage der Männer an die emanzipierte Frauenwelt. Sie dokumentiert ein Zurück zum männlichsten Männerbild, zu dem, was Männer und Frauen voneinander trennt.
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Eine Kultur, die das Männliche stark betont und demonstrativ hervorhebt, ist immer eine Kultur des Hasses und der Gewalt. Es liegt etwas in der Luft. Die Häufung von Kriegsmetaphern in der öffentlichen Rede unterstreicht das.
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Es ist jedenfalls ein kulturgeschichtlich interessantes Phänomen, dass Männer sich zu bestimmten Zeiten verstärkt und massenhaft Bärte wachsen lassen.
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Möglicherweise sind Bärte ein Versuch, sich seiner angeschlagenen Männlichkeit zu vergewissern. Man sieht kaltblütig, wild und gefährlich aus, oder glaubt es doch zumindest.
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Männlichkeit ist allgemein auf dem Rückzug, traditionell für männlich gehaltene Eigenschaften sind in der Arbeitssphäre weitgehend überflüssig geworden. Beinahe alle heutigen Tätigkeiten können ebenso gut, wenn nicht sogar besser, von Frauen ausgeübt werden. Neun von den zehn besten Abiturienten eines Jahrgangs sind junge Frauen, über die Hälfte der Studierenden sind Frauen. Da soll den Männern nicht die Muffe gehen und die Unsicherheit grassieren? Angeschlagene, gekränkte Männer sind gefährlich und neigen dazu, ihre Kränkung durch Aggressivität abzuwehren.
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Vor Jahren bin ich in der FAZ auf einen Bericht über einen russischen Autor gestoßen, der sich DJ Stalingrad nennt. Er erinnert in einer uns befremdenden Weise an die Funktion des Krieges als eine Form des gesellschaftlichen Aderlasses, der dazu dient, „schlechtes Blut“ aus dem Gesellschaftskörper abfließen zu lassen und ihn so zu reinigen.
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Der amerikanische Psychohistoriker Lloyd deMause hat detailliert beschrieben, was Metaphern und Bilder über das Unbewusste einer Epoche verraten. Sie sind ein Menetekel, ein Vorbote kommenden Unheils. […] «

Götz Eisenberg | Hinter Den Schlagzeilen | 27.06.2018 | «Fußball ist Krieg» | https://hinter-den-schlagzeilen.de/fussball-ist-krieg

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