Engel – Teil 1 von 4

Die abc.etüden haben Sommerpause. Stattdessen gibt es Intermezzos. Das „Etüdensommerpausenintermezzo II-18“ überbrückt die Zeit vom 19. August bis 8. September. Beim Verinnerlichen der fünfzehn gespendeten Wörter gebar meine Fantasie einmal eine längere Geschichte, die es von heute bis einschließlich Donnerstag in vier, lesezeitfreundlichen Teilen gibt.

Sommeretuedenintermezzo

Sommeretuedenintermezzo

Er wird von den Behörden und den wenigen Dorfbewohnern geduldet, seitdem er mit seinem Zirkuswagen tief in die Waldeinsamkeit gezogen ist. Dreizehn Jahre nachdem er seine Frau und seine beiden Kinder verlassen hatte, in eine Einzimmerwohnung gezogen und einen Monat nachdem er im Ruhestand war.

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Er war Zeit seines Lebens ein systematischer Denker, der vor lauter systematischem Denken nicht ins Handeln kam. Seine überreiche Gefühlswelt war tief in seinem Inneren verborgen und zeigte sich, bei genauerem Hinsehen, im Strahlen und Blitzen seiner hellen und wachen Augen.

Ins Handeln kam er nur extrinsisch, quasi, wenn ihn, bildlich gesprochen, jemand an die Hand nahm. Dann war er ein begeisterter Macher, treu, loyal und bereit, wenn es sein musste, bis zum Letzten zu kämpfen.

Doch mit zunehmendem Alter nahm ihn immer seltener jemand an die Hand und er tat, was er ebenso Zeit seines Lebens tat, er zog sich zurück, isolierte sich selbst. Er nannte es selbsttäuschend Unabhängigkeit.

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Er sitzt unter dem Vordach seines Zirkuswagens beim Abendbrot und blickt in die Lichtung, Richtung des kleinen Teiches, auf dem eine Graugans mit ihren Gösseln im Abendrot vorüberzieht.

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Er denkt an die alleinerziehende Nachbarin, die ihm vor dreiundzwanzig Jahren schöne Augen machte, ihm immer auffordernd zuzwinkerte und ihn lockte. Er dachte, um seinetwillen. Rückblickend weiß er, dass sie es bei allen verheirateten Männern machte. Aus Neid. Weil ihr Mann sie mit ihren beiden Kindern hat sitzen lassen. Glück gönnen zu können bedarf einer reifen Persönlichkeit. Die versuchte Verführung öffnete ihm die Augen für den Zustand seiner eigenen Beziehung; sie war in einem schlechten.

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Er beißt in sein Knäckebrot und nimmt einen Schluck des Muckefucks (stärkerer Kaffee täte seinem Blutdruck nicht gut).

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Vor neunzehn Jahren lernte er dann eine Kollegin aus einer anderen Stadt kennen. Auf den ersten Blick: Traumfrau. Er hatte Glück, sie arbeiteten ein paar Wochen miteinander. Lernten sich ein wenig kennen. Auch auf den zweiten Blick: Traumfrau. Nachdem die Wochen vorüber waren, schrieb er ihr sofort eine E-Mail. Schrieb alles auf, was hinter seiner sachlichen Fassade brodelte. Machte sich splitternackt, nackt wie ein Frosch stand er da. Küss mich oder schmeiß mich an die Wand, endete seine E-Mail. „Ich erwidere deine Gefühle nicht.“, antwortete sie ihm und sie e-mail-chatteten daraufhin drei Monate lang jeden Abend; beide heimlich hinter dem Rücken ihrer Partner. Mehrere tausend E-Mails switchten hin und her. Eine lange nicht mehr empfundene Leichtigkeit und Fröhlichkeit erfasste ihn. Seit einem Jahrzehnt der Abstinenz fing er wieder an, seine geliebte Musik zu hören. Seiner Frau sagte er einmal, es sei keine Frage mehr, ob sie sich trennen, sondern nur, wann. Er hätte auch zu einer Wand sprechen können.

Ihren Hochzeitstag verheimlichte die Traumfrau ihm. Nach diesem schrieb sie nie mehr.

Er versank für die kommenden dreieinhalb Jahre in einem tiefen Loch, ein grauer Schleier legte sich über ihn.

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weiter zu Teil 2

19.08.2018

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/08/19/10-aus-15-etuedensommerpausenintermezzo-ii-18/

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Über Red Skies Over Paradise

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11 Antworten zu Engel – Teil 1 von 4

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  4. Ulli schreibt:

    Bei mir läutet es, da war doch schon einmal etwas ähnliches hier bei dir?
    Nun also Zirkuswagen und Waldeinsamkeit, er nennt es Unabhängigkeit, ob er irgendwann versteht was sein Rückzug wirklich ist? Na, ich werde es ja erleben!
    herzlichst, Ulli

    Gefällt 1 Person

    • Ja, dieser erste Teil ist eine gekürzte und veränderte Fassung einer Geschichte für ein anderes Projekt, die ich hier veröffentlicht hatte.
      Nun knüpfe ich daran an und habe die Geschichte weiter gesponnen.
      Vielen Dank fürs aufmerksame Folgen!
      Liebe Grüße, Bernd

      Gefällt 1 Person

  5. dergl schreibt:

    Zuerst finde ich die Idee mit der Fortsetzungsgeschichte toll! Der Rest ist schon mal eine gute Exposition, ich muss das mit den anderen Teilen im Zusammenhang lesen, damit ich es wirklich einordnen kann. Ende der Woche bin ich dann schlauer und kann vielleicht entsprechend mehr dazu sagen.

    Gefällt 2 Personen

  6. Christiane schreibt:

    Wie schön, eine Fortsetzungsgeschichte! Ach, lieber Bernd … das ist schon beim Lesen schwer zu ertragen. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich Motive dieser Einführung schon einmal bei dir gelesen habe. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht – und ob du das Lied einbindest/zitierst, das mir gerade im Kopf herumspukt. (Vermutlich nicht.)
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Christiane,

      im Entwurf für diese Etüde waren tatsächlich mehrere Liedzitate enthalten, die ich aber wegen der Länge der Etüde weggelassen habe.

      Und ja, dieser erste Teil ist eine gekürzte und veränderte Fassung einer Geschichte für ein anderes Projekt, die ich hier veröffentlicht hatte.
      [Diese, deine Erinnerung erfreut mich.]

      Ich knüpfe daran an und habe die Geschichte weiter gesponnen.

      Liebe Grüße, Bernd

      Gefällt 1 Person

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