Engel – Teil 2 von 4

Die abc.etüden haben Sommerpause. Stattdessen gibt es Intermezzos. Das „Etüdensommerpausenintermezzo II-18“ überbrückt die Zeit vom 19. August bis 8. September. Beim Verinnerlichen der fünfzehn gespendeten Wörter gebar meine Fantasie einmal eine längere Geschichte, die es seit gestern bis einschließlich Donnerstag in vier, lesezeitfreundlichen Teilen gibt. Teil 1

Sommeretuedenintermezzo

Sommeretuedenintermezzo

Er steht auf und dreht seine allabendliche Runde durch den in die Dämmerung getauchten Wald – er liebt diese Blaue Stunde. Ruhe, absolute Ruhe kehrt für einen Moment ein. Es ist die Zeit zwischen den Tag- und Nachtaktiven. In der Ferne, an der Kreisstraße, hört er noch die von der Tages-Wanderbaustelle davonfahrenden schweren Lastwagen, dann vernimmt er für einige Minuten nur noch seinen regelmäßigen Atem, den ruhigen Herzschlag und seine gleichmäßigen Schritte.

#

Eine andere, unbekannte Kollegin befreite ihn dann vor etwas mehr als fünfzehn Jahren unwissentlich aus seiner depressiven Verstimmtheit, die grauen Schleier lüfteten sich. Er half ihr aus der Ferne bei seiner Tätigkeit als Supporter. Sie mailten einige Male dienstlich hin und her, flachsten miteinander und tauschten Smileys aus. Das genügte, um ihn wie Phönix aus der Asche auferstehen zu lassen. Die Lebensfreude war wieder da.

Unmittelbar danach traten gleich drei Frauen in sein Leben, die es nachhaltig verändern sollten.

Zunächst lernte er eine Kollegin kennen, ganz neu in der Firma, eine Seiteneinsteigerin. Sie erzählten sich ihre Lebensgeschichten. Sie wurde von ihrem Mann von einem Tag zum anderen vor die Tür gesetzt, Eigenheim, Hund und zwei bezaubernde Kinder, eines schwer erkrankt, zurücklassend, ohne Chance sie wiederzusehen. Über Nacht obdachlos. Zuerst bei einer Freundin wohnend, dann eine vom Amt vermittelte Einraumwohnung beziehend, erstausgestattet von der amtlichen Soforthilfe. Hintergründe und Schuldzuweisungen verriet sie ihm auch auf Nachfrage nicht.
Sie säte in ihm den Samen der Meditation, empfahl ihm Bücher und die Besinnung auf sich selbst.

#

Sein Weg durch die Dämmerung führt ihn an den Waldrand, vorbei an den Johannisbeersträuchern. Er pflückt sich eine Handvoll Johannisbeeren und isst sie achtsam, Beere für Beere.

#

Dann lernte er in einem Social-Music-Network eine ihn faszinierende junge Frau kennen. Tough. Alleinerziehende Mutter einer kleinen Kröte, wie sie sagte. Sie studierte Umweltingenieurwesen und liebäugelte mit alternativen, autarken, genossenschaftlichen Lebensformen in Wäldern. Und sie war etwas, was er bislang nur von hinter vorgehaltenr Hand ausgesprochener Flüsterpropaganda kannte: Veganerin!
Charismatisch mitreißend säte sie in ihm den Samen der tierleidfreien Lebensweise und gab ihm viele Informationen für ein veganes Leben.
Er wurde zunächst Vegetarier und nach vier Jahren ernährte er sich ausschließlich tierleidfrei.
Sie lebt nun ein bürgerliches Leben, Eigenheim, kleiner Garten und mit einem schlechten Gewissen, den Veganismus hinter sich gelassen zu haben.

#

Rechtzeitig zum Ende der Blauen Stunde und dem Beginn der Nacht erreicht er wieder seinen Zirkuswagen, zündet das Teelicht im an der Decke des Vorzeltes hängenden Lampion an, schenkt sich einen Granatapfellikör ein und setzt sich vor der Nachtruhe noch einmal vor seinen Wagen.

##

weiter zu Teil 3

19.08.2018

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/08/19/10-aus-15-etuedensommerpausenintermezzo-ii-18/

Dieser Artikel ist unter CC BY-NC-ND 4.0 lizenziert.
[Teilen erlaubt mit Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitung]


Impressum/Datenschutz/Datensicherheit

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
Dieser Beitrag wurde unter RSOPfiction abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Engel – Teil 2 von 4

  1. Pingback: Engel – Teil 4 von 4 | Red Skies over Paradise

  2. Pingback: Engel – Teil 3 von 4 | Red Skies over Paradise

  3. Ulli schreibt:

    Die Spannung steigt. Außerdem mag ich es sehr, wie er sich inspirieren lässt. Wir haben ja im Leben viele Begegnungen, aber nicht jede und jeder hat ein offenes Herz … er scheint eins zu haben.
    Herzliche Grüße, Ulli

    Gefällt 2 Personen

    • Vielleicht lässt er sich gerne inspirieren, weil er „noch Mut hat, um zu träumen, weil Schmetterlinge in ihm sind, weil er Zeit hat, sich an Bäumen, halbtot zu freuen wie ein Kind“, wie es in einem Song gesungen wird.
      Vielleicht hat er ein offenes Herz, vielleicht haben aber nur die Begegnungen den richtigen Schlüssel.
      Danke. Liebe Grüße, Bernd

      Gefällt 3 Personen

  4. Christiane schreibt:

    Mir fällt es schwer, dir jetzt mit einem Kommentar in die Geschichte zu platzen. Ich mag den Bogen, den du schlägst, und bin gespannt, was du morgen von der dritten Frau erzählst.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

Kommentare sind geschlossen.