Engel – Teil 3 von 4

Die abc.etüden haben Sommerpause. Stattdessen gibt es Intermezzos. Das „Etüdensommerpausenintermezzo II-18“ überbrückt die Zeit vom 19. August bis 8. September. Beim Verinnerlichen der fünfzehn gespendeten Wörter gebar meine Fantasie einmal eine längere Geschichte, die es seit vorgestern bis einschließlich morgen in vier, lesezeitfreundlichen Teilen gibt. Teil 1  |  Teil 2

Sommeretuedenintermezzo

Sommeretuedenintermezzo

Parallel zu den beiden anderen Frauen entwickelte sich ein Kontakt zu einer Frau, die er zehn Jahre davor als Beobachter in einem Assessment-Center für Auszubildende das erste Mal erlebt und die auch bei den meisten anderen BeobachterInnen einen tiefen Eindruck hinterlassen hatte. Bedingt durch seinen und später ihren Arbeitsplatz- und Arbeitgeberwechsel waren sie sich nicht mehr begegnet. Vergessen hatte er sie nie und fand sie in einem Sozialen Netzwerk wieder. Zunächst diskutierten sie Gaucks Kandidatur zum Bundespräsidenten, merkten, dass sie einander vertrauen konnten, erzählten sich ihre Lebens- und Liebesgeschichten und gaben sich in ihrem Liebeskummer gegenseitig Halt und Stütze. Sie hat dort weitergedacht, wo er aufhörte zu denken und so konnte sein Denken tiefer gehen und die Richtung wechseln. Sie erdete seine Impulsivität und besänftigte ihn. Er verliebte sich in sie, sie sich nicht in ihn und deshalb und weil er sich nie zwischen zwei Menschen drängte, hielt er, nachdem er ihr einen Arbeitsplatz in seiner Firma vermittelte, gehörigen Abstand und ließ sie los.

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Ein Windhauch fährt ihm kühlend in das von der sommerlichen Tageshitze und seinen Erinnerungen rot glühende Gesicht.

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Vor dreizehn Jahren begegnete ihm erneut so eine Traumfrau, allein ihr Anblick ließ hin dahinschmelzen und ihre Art ließ ihn wieder die Leichtigkeit des Seins erspüren und erleben. Sie mochten sich auf Anhieb und hatten das Glück über mehrere Wochen zusammen arbeiten zu können. Dann endete die Zusammenarbeit und auf sein Anmailen meldete sie sich nicht mehr. Ein halbes Jahr später ergab sich zufällig das nächste gemeinsame Projekt. Er wollte ihr, wie es seine Art war, aus dem Weg gehen, sie wünschte sich, neben ihm zu sitzen; er hatte dem Wunsch nichts entgegenzusetzen. Die erste Woche schwiegen sie sich eisern an. Nach der ersten Stunde der zweiten Woche brach der Damm und es sprudelte nur so aus ihnen heraus. Für die An- und Abreise bot er ihr einen Pick-up-Service an, denn ihr Wohnort lag auf seinem Weg. So fuhren sie auch mehrere Stunden gemeinsam im Auto und erzählten sich ihre Geheimnisse. Ihr Geheimnis zerstörte seine Hoffnungen. Sie liebte Frauen im Allgemeinen und eine im Besonderen.

Aber in ihrer letzten Begegnung schenkte sie ihm etwas, was er dringend brauchte, um vom Denken ins Handeln zu kommen: Mut. Indem sie ihm den Mut absprach, sich endlich von seiner Frau zu trennen, forderte sie ihn geradezu heraus.

Vier Wochen später kam es zum Trennungsgespräch und drei Monate später zog er aus – nach Jahren des im Denken Verharrens, des Abwägens, des Zögerns und Zauderns, nach mehreren erfolglosen Paartherapien.

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Im Schein des durch mehrere Windhauche sanft schaukelnden Lampions fällt sein Blick aufs Holz, dass er fein säuberlich neben seinem Zirkuswagen aufgeschichtet hat. In allen Ritzen und Zwischenräumen des Holzes sind kleine Bewegungen sichtbar.

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19.08.2018

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/08/19/10-aus-15-etuedensommerpausenintermezzo-ii-18/

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11 Antworten zu Engel – Teil 3 von 4

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  2. Ulli schreibt:

    „all diese Lieben, und parallel noch verheiratet“ – ich verstehe ihn, da er ja eher denkt als handelt und all diese Lieben hat er gebraucht, um zu erkennen was er eigentlich will und sucht und was er bei seiner Frau nicht findet und manchmal ist es dann aber auch so, dass zwar die Mankos gezeigt werden, aber das Wissen, dass sowieso nie ein Mensch alle Bedürfnisse erfüllen kann zum Bleiben führt. Beides braucht Mut: bleiben UND verlassen, den Mut hat er ja nun gefunden!
    herzliche Grüße, Ulli

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    • Ein, nach reiflicher Überlegung, Bleiben erfordert vielleicht mehr Mut, wenn es nicht resignativ sein soll. Denn dann begänne eine Paararbeit mit ungewissem Ausgang. Es gibt Paartherapeuten die arbeiten auf das Ziel einer erneuten (symbolischen) Heirat hin. Liebe Grüße, Bernd

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  3. Christiane schreibt:

    Ich denke darüber nach, dass er verdammt lange in seiner Ehe geblieben ist. All diese Lieben, und parallel noch verheiratet. Okay, ein Trauschein verleiht einen anderen Status als „nur“ eine Beziehung. Und die Meinung/Seite seiner bald Ex-Frau hätte mich jetzt auch interessiert.
    Nachdenkliche Grüße
    Christiane

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    • Karin schreibt:

      Ich glaube nicht, dass er die Meinung/Seite der Ex-Frau objektiv schildern könnte, dazu ist er viel zu viel in sich selbst gefangen. Diese Geschichte ist seine…..aus der Sicht und den Erfahrungen des Mannes. Ich hadere auch ein wenig mit ihm, aber es fehlt ja noch Teil IV.

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    • Die Beantwortung deiner Fragen und Gedanken würden die Etüde zu einem Roman werden lassen. | Er ist ein abhängiger Sachtyp, der sogenannte gutmütige Beobachter, und als solcher kommt er nur ganz schwer vom Denken ins Handeln. Handeln quasi als Last Exit. Ich kann mir vorstellen, dass „all diese Lieben, und parallel noch verheiratet“ dies einen Menschen innerlich zerreißen kann. | Liebe Grüße, Bernd

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      • Christiane schreibt:

        Das denke ich auch, dass einen das zerreißt. Das kennt doch jede/r, der/die sich aus heiterem Himmel spontan verliebt, dass plötzlich das ganze Leben durchgerüttelt wird.
        Und ja, ganz sicher ein Roman. (Hast du im nächsten Jahr schon was vor?) 😁
        Liebe Grüße
        Christiane

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