Engel – Teil 4 von 4

Die abc.etüden haben Sommerpause. Stattdessen gibt es Intermezzos. Das „Etüdensommerpausenintermezzo II-18“ überbrückt die Zeit vom 19. August bis 8. September. Beim Verinnerlichen der fünfzehn gespendeten Wörter gebar meine Fantasie einmal eine längere Geschichte, die es seit Montag bis einschließlich heute in vier, lesezeitfreundlichen Teilen gibt. Teil 1  |  Teil 2  |  Teil 3

Sommeretuedenintermezzo

Sommeretuedenintermezzo

Vor elf Jahren nahm dann die tiefer als er Denkende wieder Kontakt zu ihm auf. Ihre Fernbeziehung, zu der er ihr damals gut zuredete, die sie nun schon vier Jahre lebte, kriselte. Sie war kopflos und er gab ihr ein paar andere Gedanken, sie war ideenlos und ihm fiel etwas ein, sie war überfordert und er stützte sie, sie war traurig und er ließ sie an ihrer Schulter weinen, sie fühlte sich klein, er richtete sie wieder auf; sie und er waren ausgehungert nach Nähe und gaben sie sich.

Er schöpfte wieder Hoffnung, beriet sie aber, dass ihre Fernbeziehung wieder heilte.

Ein Jahr später beendete sie das Ferne in dieser Beziehung und zog zu ihm und in sein Haus.

Mit ihr verließ die Hoffnung endgültig seine Stadt.

Er erkannte auch seinen eigenen Anteil an der entschwundenden Hoffnung.

Dieses eine Jahr der Nähe war ein Blick in den Spiegel seiner Seele; er erkannte durch sie und in ihr, was er sein Leben lang verdrängte, was er war und was ihn ausmachte.

Dadurch konnte er sein inneres Kind, sein Schattenkind, annehmen und trösten. Er überwand seine Impulsivität und verlor seinen Sarkasmus.

Der Samen der Meditation wurde gewässert, ging auf und er fing er an, jeden Tag zu meditieren und lernte, seinen Gedankenstrom zu unterbrechen, die Gedanken wie Wolken vorüberziehen und zur Ruhe kommen zu lassen. Er wurde nach und nach gelassen und erledigt heute die Dinge acht- und behutsam (ohne irgendeinem Langsamkeitswahn verfallen zu sein).

Er erkannte seinen sachlichen und abhängigen Persönlichkeitstyp und lernte, sich auf sich selbst zu besinnen und sich nach vorne zu orientieren, Richtung Zukunft, und entsprechend zu handeln.

Von ihr blieb auch die tiefe Überzeugung, dass eine rein pflanzliche Ernährung alternativlos ist, dass es wichtig ist, unseren Müll zu reduzieren und zu vermeiden und die Zeit des alles Leben erstickenden Plastiks zu überwinden.

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Ein Jahr will er hier im Wald leben und so Abstand zu einem fast fünfzigjährigen Berufsleben schaffen und verhindern, in dieses Ruhestandsloch zu fallen. Danach bleiben ihm statistisch noch zehn Jahre. Genug Zeit, sein Leben versöhnlich abzuschließen und viele Glücksmomente zu kreieren.

Morgen würde er die Kaninchenstallscharniere, die er von einem verlassenen Kaninchenstall abschraubte, am Fensterrahmen seines Wagens für einen Fensterladen anbringen.

Mit Blick auf den kleinen rosafarbenen Schaukelbär, den ein Enkel ihm schenkte, schläft er, dankbar für die entscheidenden Begegnungen in seinem Leben, ein.

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19.08.2018

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/08/19/10-aus-15-etuedensommerpausenintermezzo-ii-18/

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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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21 Antworten zu Engel – Teil 4 von 4

  1. dergl schreibt:

    Tut mir leid, dass ich es erst jetzt geschafft habe (morgen geht die Schule wieder los, ich muss also alles mögliche und alle möglichen Leute vorbereiten, inklusive mich selbst, deshalb kam ich nicht zum intensiven Lesen).

    Sehr schön. Ich mag die Reflektion da rin und dieses Annehmen seiner eigenen Geschichte, er will keine andere Vergangenheit mehr und das wurde über das Stück gut entwickelt. Weil man die andere Vergangenheit will haftet man als Erwachsener so oft an und vergisst zum Beispiel das innere Kind, das immer da ist und das er nun ja auch kennengelernt hat, und was man als Erwachsener für dieses Kind tun kann, so dass es auch ein positiven Effekt auf das Leben und Verhalten als erwachsene Person hat. Wenn man das aber alles integriert, kann man wachsen unabhängig davon wie alt man ist und dass er sich in diese Richtung aufgemacht hat kann man gut sehen. Passt richtig gut zu deinem Mandela-Zitat im Header, denn zwangsläufig wird er durch sein Wachsen das Leben der Menschen um ihn positiv verändern.

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    • Vielen Dank! Ja, das ist ganz wichtig, dass man bereit dafür ist, bis zum Schluss zu wachsen, zu reifen. Das wäre schön, durch sein Wachsen das Leben der Menschen positiv zu verändern. In der Geschichte haben erst einmal andere ihn positiv verändert (auf Gegenseitigkeit). Vielleicht geht es nur auf Gegenseitigkeit?!
      Liebe Grüße, Bernd

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      • dergl schreibt:

        Es müssen, glaube ich, zuerst andere eine/n/s verändert haben, wie will man das sonst bei anderen können? Das geht auch instinktiv sonst nicht (im positiven Sinn), dazu muss man erstmal selbst positiv von anderen verändert worden sein. Da ist dann auch Gegenseitigkeit ein wichtiger Punkt.

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  2. Myriade schreibt:

    Nachdenkliche Grüße

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  3. violaetcetera schreibt:

    Das war eine sehr berührende Geschichte. Ich hätte dem Protagonisten allerdings eine glückliche Beziehung für den Lebensabend gewünscht – er war zeitlebens so sehr darum bemüht, anderen zu helfen. Aber Hauptsache, er hat seinen inneren Frieden.

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    • Vielen Dank! – Für den Moment, in seinem Zirkuswagen, in der Zwischenwelt, das Arbeitsleben ist vergangen, etwas Neues muss sich noch finden, ist er ganz bei sich und zufrieden. – Selbstlosigkeit macht glücklich. Viellicht ist das sein Weg. – Liebe Grüße, Bernd

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    • diespringerin schreibt:

      Lebensabend? Na, so alt ist er nicht. Da ist noch viel Nachmittagssonne möglich …

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      • Mein Protagonist ist 67/68 Jahre alt und hat statistisch noch 10 Jahre zu leben. Ja, bei fortschreitendem Klimawandel hat er dann ca. 3.650 Nachmittagssonnen vor sich. ;-) Liebe Grüße, Bernd

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        • diespringerin schreibt:

          Ganz ehrlich? Ich glaube nicht an Statistiken. Die kann man von jedem erdenklichen Standpunkt völlig anders und neu interpretieren. Ich kenne ältere und vitalere Menschen, die Neugierde aufs Leben ist wichtig. Das Offensein. Das Kindliche. Und selbst wenn er morgen sterben würde, Hauptsache er hat gelebt und geliebt. Wirklich geliebt.

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          • Es soll ja nur eine Mahnung sein, die Endlichkeit des Lebens zu begreifen und beim Handeln das Unterlassen zugunsten des Tuns in den Fokus zu stellen.

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            • diespringerin schreibt:

              Du meinst: zum Nichtausleben zu stehen? Zum Sichselbernichtstehen stehen? Am Ende des Lebens, so meine Erfahrung mit dem Tod und den Sterbenden, zählt nur, wieviel du geliebt hast. …. Wir tun einfach alle, was wir tun können. Jede/r Einzelne von uns. Ich weiß nicht, ob man die Endlichkeit begreifen kann. Sie hilft vermutlich, die Dinge zu tun, die man wirklich tun will. Trotz Angst. Je älter ich werde, umso mehr gehe ich wieder in das Fühlen und lasse das Verstehenwollen zurück. Das Leben wird nur gelebt, nicht wirklich verstanden. Nein, den Tod können wir nicht begreifen. Wir können ihm nur nicht ausweichen.

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  4. Christiane schreibt:

    Ich mag deinen Protagonisten, er erscheint mir sehr ehrlich und sehr konsequent. Sich zu (ver-) irren ist ja nichts Schlimmes, es geht darum, sich selbst (zu sich selbst) weiterzubewegen …
    Endlich ist mir auch die Inspiration für die Hütte im Wald eingefallen: Walden?
    Danke dir für diese nachdenkliche Interpretation der Etüden.
    „So when I’m lying in my bed | Thoughts running through my head | And I feel the love is dead | I’m loving angels instead.“

    Liebe Grüße
    Christiane

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    • Ja, sich auf sich selbst zu besinnen. – Nein, an Walden dachte ich nicht. Ich dachte an einen Ort der Abgeschiedenheit/Ruhe (für ein Jahr), um sich auf sich selbst zu besinnen und den Übergang in den Ruhestand zu verkraften. Inspiration war ein Künstler, der sich in Baden-Württemberg seit vielen Jahren in einen Schäferwagen zurückgezogen hat. Fürs künstlerische Arbeiten hat er ein Atelier im nahegelegenen Dorf. – Gerne. – Ja, „Angels“ ist ein passender Soundtrack zur Geschichte. – Auch wenn uns manches engelhaft vorkommt, so glaube ich nicht, dass uns etwas Höheres Engel schickt, sondern dass wir die Menschen in unser Leben ziehen, die wir gerade gut gebrauchen können – daraus kann etwas lebenslanges (Freundschaft, Partnerschaft) werden. Danke fürs Lesen, Mitdenken und ausführliche Kommentieren. Liebe Grüße, Bernd

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      • Christiane schreibt:

        Mir ist, ehrlich gesagt, egal, WIE die Menschen/Tiere, die ich gebrauchen kann, in mein Leben geraten, Hauptsache, sie tun es und ich erkenne sie. Ich bin an diesem Prozess auf jeden Fall beteiligt, und ja, daraus kann etwas Lebenslanges entstehen, wenn beide es wollen, das sehe ich wie du.
        Viele haben Probleme, die Existenz von etwas „Höherem“ anzuerkennen, weil sie denken, dass sie damit im Gegenzug die Verantwortung für sich und ihr Leben abgeben, was ich für völlig falsch halte.
        Liebe Grüße
        Christiane
        die unter anderem auch bloggt, um auf Menschen zu treffen, mit denen man gute Gespräche führen kann

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  5. trixisonnenschein schreibt:

    Welch versöhnlicher Blick auf ein Leben mit Höhen aber auch vielen Tiefen

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