Nichteinmischung? Nichteinmischung. Nichteinmischung! NICHTEINMISCHUNG! Nicht einmischen!

» … Schmidt: Ich bin ein Gegner von allen Menschenrechtsverletzungen; aber ich bleibe ein Anhänger der Nichteinmischung in die Angelegenheiten eines anderen Staates.

di Lorenzo: Egal, was die Mächtigen dort anstellen?

Schmidt: Ohne Zusätze.

di Lorenzo: Aber Sie haben den Nationalsozialismus erlebt. Was wäre damals passiert, wenn andere Länder sich nicht eingemischt hätten?

Schmidt: Eines der anderen Länder, die sich eingemischt haben, hat auch im eigenen Land Menschenrechte verletzt. Die Einmischung der Sowjetunion war von den Deutschen provoziert worden, hier standen sich zwei ausschließlich machtorientierte Staaten gegenüber. Für Stalin waren die Menschenrechte genauso unwichtig wie für Hitler.

di Lorenzo: Für die Engländer und Amerikaner gilt das nicht.

Schmidt: Ja, die waren von anderer Machart.

di Lorenzo: Auschwitz begründet für Sie keine Pflicht zur Intervention?

Schmidt: Wir kommen hier in ein Gebiet, auf dem mir die Antworten schwerfallen. Es hat in der Geschichte der Menschheit mehrfach Fälle von Genozid gegeben. Aber die fabrikmäßige Ermordung von sechs Millionen Juden ist in der Weltgeschichte ein neuartiges Kolossalverbrechen. Und es verlangt nach neuen Antworten. Aber ich bin nicht derjenige, der die Antworten geben kann. Die allgemeine Redensart von der responsibility to protect ist jedenfalls keine ausreichende Antwort.

di Lorenzo: Ist das Ihr Ernst: Nicht einmal die fabrikmäßige Ermordung von Juden unter den Nazis rechtfertigt für Sie die Intervention anderer Mächte?

Schmidt: Ich habe gesagt, ich bin nicht derjenige, der auf dieses neuartige Phänomen eine Antwort hat. …«

Quelle: https://www.zeit.de/2012/38/Helmut-Schmidt-di-Lorenzo-China-Mao-Menschenrechte/seite-4


» Lieber Herr Schmidt, über kein Thema haben wir uns so oft gestritten wie über Menschenrechte. Ich gehöre zu jenen, die sagen: Da, wo Unrecht sichtbar wird, gibt es eine Pflicht, den Opfern zu helfen. Ihrer Ansicht nach ist das eine unzulässige Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates. Ist das nicht ein Freibrief für jede Form von Unrecht?

Nein. Richtig ist, dass beide Prinzipien Gültigkeit haben, sowohl das völkerrechtliche Kernprinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates als auch das Prinzip der Mitmenschlichkeit. Beide Prinzipien können in Konflikt miteinander geraten.

Ein Beispiel?

Nehmen Sie die gegenwärtige Lage im Osten des Kongos.

Ja, fünf Millionen Tote in den letzten zehn Jahren!

Wenn der Westen sich hier aus Motiven der Mitmenschlichkeit ernsthaft einmischen will, dann müsste er es in ganz großem Maßstab tun, mit Zehntausenden von Soldaten und mit sehr vielen zivilen Helfern. Dann würde sich aber, leider Gottes, sehr schnell herausstellen, dass die entsendenden Staaten mit dieser Mission zugleich auch imperiale und ökonomische Motive verknüpfen. … «

Quelle: https://www.zeit.de/2009/04/Zigarette-04

Über Red Skies Over Paradise

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10 Antworten zu Nichteinmischung? Nichteinmischung. Nichteinmischung! NICHTEINMISCHUNG! Nicht einmischen!

  1. Pingback: Kriegsspiele | rotewelt

  2. rotewelt schreibt:

    Ich erinnere mich noch gut an die Berichterstattung über den Kosovo-Krieg und – ganz ehrlich – damals glaubte ich noch, der „Zeit“, die ich damals noch regelmäßig las (manchmal auch noch den Spiegel), könne man vertrauen und war auch dafür, dass Milosevic als Kriegsverbrecher angeklagt wird. Seltsam aufgefallen ist mir aber schon damals, warum der mir glaubwürdig und „objektiv“ erscheinende UNO-Generalsekretär Kofi Annan so gar nichts zu sagen hatte. Und der unsägliche Begriff „ethnische Säuberung“ war mir auch sehr aufgestoßen. Mittlerweile weiß man (aber nur, wenn man sich „alternativ“ informiert), dass damals viel gelogen wurde und die Kroaten auch keine Engel waren, flapsig ausgedrückt. Habe gerade mal nachgeschaut, ob es zum Thema auch auf den Nachdenkseiten etwas gibt und wurde fündig: https://www.nachdenkseiten.de/?p=33128 Tja, wenn man darüber nachdenkt, wie hier zum Krieg aufgerufen wurde und wie aktiv die Grünen zum Beispiel dabei waren… (von denen ich deshalb damals schon abkam).

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Ute, für diesen wichtigen LINK. Ich habe mir damals die Augen rotgeweint und den Mund fusselig geredet – ich war völlig fertig, weil Deutschland zum drtten Mal in einem Jahrhundert Belgrad bombardierte und stolz verkündete, damit ein neues Auschwitz verhindert zu haben und endlich ein normaler Staat zu sein. Ich lebte damals bereits in Griechenland, und ich sah die Bomber über der Adria gen Belgrad und Nis fliegen, als ich unterwegs nach Venedig war. Unten die fröhlichen urlauber, und oben der Tod. es ist für mich ein Trauma geblieben, zumal ich Freunde in Jugoslawien hatte. eine kroatische Mischfamilie, ein Moslem aus Sarajewo, ein serbischer Freund, der an der Brücke von Nic wohnte, und der zusah, wie sie mitsamt einem Radfahrer in der Donau versank. Der Radfahrer hatte gestutzt, war abgestiegen, hatte nach oben geschaut, dann sein Rad geschoben über die Brücke. er kam nicht am anderen Ende an.

      Die damaligen Lügen – Racak zum einen, andere angebliche serbische Terroranschläge zum anderen – verstand ich damals schon als Lügen. Es waren so typisch islamistische (?,auch wohl vom Secret Service geförderte?) Formen des Terrors. ZB Zünde eine Bombe auf einem belebten Wochenmarkt – zeige möglichst viele Kinderleichen, dann hast du sämtliche noch vorhandenen Bedenken gegen einen Kriegseintritt hinweggefegt. Heute ist es Giftgas.

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    • Wenn ich daran denke, welche Hoffnung ich mit der rot-grünen Bundesregierung verband und vergleiche dann die Hoffnung mit der Realpolitik, dann könnte ich heute noch kotzen. Welcher Krieg wurde nicht mit einer Lüge/einem Vorwand geführt? Kriege sind im Interesse des sogenannten militärisch-industriellen Komplexes. Sie dienen dazu Geld von unten nach oben umzuverteilen (indirekt und direkt). Ich war langjähriger Abonnent der DIE ZEIT und konnte verfolgen, wie peu à peu der liberale, freiheitliche Gedanke der neoliberalen Doktrin geopfert wurde. Empfehlen kann ich heute das Nachrichtenmagazin HINTERGRUND (www.hintergrund.de).

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  3. rotewelt schreibt:

    Ich stimme Schmidt zu, wenn er sagt, dass man Gewalt nicht mit Gewalt ausrotten kann. In seiner Zeit als Bundeskanzler war ich zwar nicht mit allem einverstanden, was er gemacht hat, aber ich habe ihn immer für einen klugen Kopf gehalten, denke auch, er war ein integrer Mensch. Später hat er noch intelligente nachdenkliche Artikel in der „Zeit“ geschrieben. Solche Politiker muss man in der aktuellen deutschen Regierung lange suchen.

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  4. Pingback: Auf dem Weg |

  5. gkazakou schreibt:

    Ein wichtiger Dialog, danke.

    Zur Erinnerung: die Westmächte sind NICHT in den Krieg eingetreten, um Juden zu retten. Ihre Kriegsgründe waren vollkommen andere. Tatsächlich wurden alle Informationen über die Diskriminierung zuerst und die massenhafte Ermordung der Juden dann unterbewertet oder unterschlagen. Der Erhalt von Visen war außerordentlich erschwert. Auch als der Krieg auf vollen Touren lief und die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung systematisch betrieben wurde, vermieden die alliierten Angriffe auf Ziele, die mit KZs zu tn hatten, So wurde die Zugstrecke nach Auschwitz nie bombardiert. Sie haben nichts getan, um dem ungeheuren Verbrechen Einhalt zu gebieten. Die Judenverfolgung war quasi eine zu vernachlässigende Bagatelle im Vergleich zu den eigentlichen Kriegszielen. Befreit wurde Auschwitz schließlich von der Roten Armee.

    Auch Jugoslawien wurde NICHT angegriffen, um die Kosovo-Albaner vor den Serben zu schützen und „ein neues Auschwitz“ zu verhindern (Fischer). Die Kriegsziele waren vollkommen andere. Zu viele, um sie hier aufzuzählen. Natürlich wurde Afganistan nicht angegriffen, weil dort die Frauen schlecht behandelt werden, und auch Libyen wurde nicht bombardiert, um die Menschen in Ostlibyen zu schützen. Und der Irak nicht wegen des Besitzes von Massenvernichtungswaffen. Und Syrien nicht, weil dessen immerhin gewählter Präsident seine Bewohner angeblich „abschlachtet“. Und Iran? Warum wird man Iran bombardieren? Weil es dem bösen Assad hilft, seine Landsleute zu „vergasen“? Und warum wurde der gewählte iranische Präsident Mosaddegh durch CIA und Secret Service 1953 weggeputscht? Und Allende in Chile an einem anderen 9/11 ermordet? …. Aus humanitären Gründen, Herr di Lorenzo? Welch ein Schmarrn!

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