„The only thing we have to fear is fear itself“

» […] „Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.“
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Wer bereitwillig zulässt, dass seine Freiheit eingeschränkt wird, tritt schließlich notwendigerweise seine persönlichen Freiheitsrechte an andere – seien es Einzelpersonen, staatliche Institutionen oder auch die Unternehmen einer entfesselten Wirtschaft – ab. Er wird diesen Anderen immer ausgeliefert sein und daher immer in Gefahr sein, von ihnen für ihre Wünsche und Ziele missbraucht zu werden.
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Gehen diese Einschränkungen der Freiheit nicht schon im Kleinen los? Schon an einem Flughafen, an dem wir wie selbstverständlich im Namen einer doch nie zu habenden Sicherheit persönliche Freiheitsrechte aufgeben?
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Wo verkauft der Mensch den letzten Rest persönlicher Freiheit an eine doch nur gefühlte Sicherheit? Und wann beginnt seine Selbstbeschränkung ihn einzuholen?
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Mir fällt der Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer ein, der darauf hinweist, dass zu den 3000 Opfern des Terroranschlags auf das World Trade Center noch mal geschätzte 1600 dazu kamen, die in dem Jahr nach dem Anschlag auf ihre bereits gebuchten Flüge verzichteten und lieber weite und beschwerliche Autoreisen auf sich nahmen. Sie sollten ihr Leben im gefährlichsten Transportmittel der Welt – im Auto – verlieren. Sie wurden zu Opfern von Verkehrsunfällen.
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Gigerenzer zeigt auf, dass Terroristen immer zweimal zuschlagen: einmal mit physischer Gewalt, ein zweites Mal mithilfe unserer Gehirne – in Form von schierer Angst.
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Nur angstmachende Nachrichten sind gute Nachrichten. Sie stoßen auf Resonanz. Sie berühren einen menschlichen Urtrieb. Sie verkaufen sich. Nimmt es da wunder, dass in einer Zeit, in der ein vollkommen enthemmter Kampf immer zahlreicherer Medien um Aufmerksamkeit und Quote tobt, immer noch gewaltigere, übertriebenere Meldungen verbreitet werden? Meldungen, die Angst machen! Nimmt es wunder, dass politische Parteien diese menschlichen Ängste ansprechen und in ihrem Wahlkampf vor allem „Sicherheit“ versprechen? Nimmt es wunder, dass Freiheitsrechte schleichend aber stetig auf Kosten einer angeblichen Sicherheit aufgegeben werden?
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Die ständigen Appelle an die Angst bringen also vornehmlich Quote und offensichtlich auch Wählerstimmen. Im menschlichen Gehirn lösen sie aber vor allem zwei Reflexe aus: den Flucht- und den Kampfreflex.
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Die geistige Flucht in blühende Rosamunde Pilcher- Landschaften oder leidlich spannende Kriminalschmonzetten ist zum gesellschaftlichen Massenphänomen geworden. Der Faktor Angst reicht für diesen allgegenwärtigen Eskapismus sicher nicht als alleinige Erklärung aus. Er ist aber zweifelsohne ein plausibler Erklärungsansatz.
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Eine Gesellschaft, die sich im geistigen Fluchtmodus befindet, ist weder willens noch dazu in der Lage, auf vereinzelte Panikmeldungen souverän und reflektiert zu reagieren. Sie zieht sich stattdessen noch weiter in ihren biedermeierlichen Kokon zurück. Wer aber seine geistige Freiheit derart bereitwillig aufgibt, merkt noch nicht mal, wenn auch seine physische Freiheit zusehends eingeengt wird.
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ist der zweite Reflex, der bei ängstlichen Menschen ausgelöst wird, weitaus bedrohlicher. Es ist der Kampfreflex. Wie der in die Enge getriebene Hund, schnappt der ängstliche Mensch um sich. Er leistet Notwehr gegen fiktive Aggressoren. Verängstigte Gesellschaften sind immer auch gefährliche Gesellschaften.
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In Echtzeit wird heute in einer schier unglaublichen Frequenz jedes größere und kleinere Drama selbst aus den entlegensten Ecken der Welt in hochaufgelöster Form in die Wohnzimmer des erschrockenen Menschen geliefert. Besonders schlimme Ereignisse werden daraufhin wochenlang in sämtlichen Medien thematisiert. In der menschlichen Wahrnehmung wiederholt sich der einmalige Terroranschlag daher immer und immer wieder.
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Tatsache ist, dass die Verbrechensrate und die Rate der Terror- und Kriegsopfer in den letzten Jahrzehnten stark gesunken sind […] dass im 20. Jahrhundert trotz zweier brutal geführter Weltkriege nur 3 Prozent aller Todesfälle (ca. 180 Millionen) aus Kriegen resultierten.
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dass etwa jeder dreißigste Erdenbürger ein Kriegsopfer war. Heute sind wir weit davon entfernt, jeden dreißigsten Menschen an die Geißel des Krieges zu verlieren. Die seit über 70 Jahren andauernde Friedenszeit im Herzen Europas ist historisch ohnehin einmalig.
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Beim gesättigten Menschen lassen sich Verlustängste wunderbar platzieren. Gerade da er den Zustand des existentiellen Leids nicht kennt, ist seine Angst davor so groß.
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Unsere Gehirne bringen uns dazu, mit einer Grundvorsicht ins Morgen zu schreiten.
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Gerade eine Wohlstandsgesellschaft wie die unsere ist prädestiniert für Zukunftsängste. All diejenigen, die an diese Ängste appellieren haben leichtes Spiel.
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Der Grad der gesellschaftlichen Angst lässt sich nämlich, glaubt man den neuesten Erkenntnissen der Psychologie, durch die Art der Pädagogik steuern.
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So reagieren Menschen, die bereits als Kleinkinder unter ständigem Stress standen, dünnhäutiger. Ihr Angstempfinden ist größer, ihre Kampf-oder-Flucht-Reflexe sind ausgeprägter.
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Heute ist der frühkindliche Stress Folge einer massiven Überforderung. Zu früh werden heutige Kinder in zu große und schlecht betreute Einrichtungen übergeben. Ohne echte Bezugspersonen, aber mit zu vielen Anforderungen […] sind sie der Welt hilflos ausgeliefert. Zu viele Reize in Form von Spielzeugmassen, den neuesten erzieherischen Fördermaßnahmen oder aufgezwungenen Weltreisen der eskapistisch eingestellten Eltern können von den frühkindlichen Gehirnen nicht verarbeitet werden und bedingen in den meisten Fällen das Ausschütten von Stresshormonen.
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Daher benötigen sie in der Frühphase ihres Lebens klare Grenzen, die konsequent, wenn natürlich auch ohne Gewaltanwendung, durchgesetzt werden sollten.
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Ständige Überfürsorge und Ängstlichkeit begleiten das Kind auf diffusen Wegen. Wie aber soll das kleine Mädchen oder der kleine Junge wahrhaftes Selbstvertrauen in sich und die Welt entwickeln, wenn es sich selbst nicht ausprobieren kann? Wenn jedes auch nur schemenhaft auftauchende äußere Hindernis sofort von den Eltern vorsorglich beiseite geräumt wird? Dem Kind wird vermittelt, dass die Welt zu groß, zu gefährlich für es ist.
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Die Schule in Deutschland baut auf einem Modell auf, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Preußen etabliert wurde. Aus unbedarften Menschen sollten treue Staatsdiener gemacht werden.
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Die jungen Menschen lernen, dass kurzfristiger Erfolg über allem steht. Sie lernen, dass man lernt, um in Klausuren gute Noten zu bekommen. Gelernt wird aus Angst vor schlechten Zäsuren und dem damit einhergehenden Tadel von Lehrern und Eltern. Es ist nicht erstaunlich, dass oftmals gerade die ängstlichsten Kinder die besten Schüler sind. Aus Angst lernen sie auch mal ganze Wörterbücher auswendig, kotzen das Erlernte in der Prüfung zur Note 1 aus, um es am nächsten Tag schon wieder vergessen zu haben.
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Derjenige, der Mut zur Lücke zeigt, sich eigenständiges Denken zutraut, wagemutig vielleicht sogar den vorgekauten Stoff in seiner Sinnhaftigkeit hinterfragt, wird früher oder später von der schulischen Mühle weichgemahlen – oder wird gänzlich zerquetscht und geht unter.
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Spezialisten aus immer mehr Disziplinen […] fordern auch deshalb eine Revolution im Schulwesen.
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Ein möglicher erster Ansatz wäre die Abschaffung von herkömmlichen Noten. Stattdessen könnten klare Lernziele vereinbart werden, deren Erreichen nicht in eine einzige Ziffer, sondern in eine umfassende, individuell gehaltene Beurteilung gefasst wird. Mehr und besser bezahlte Lehrkräfte würden als Coaches auftreten und den Kindern helfen, diese Ziele zu erreichen. Vieles spricht dafür, dass die extrinsische Motivation, die immer mit den Mitteln Druck und Angst arbeitet und die Schüler über kurz oder lang zu ängstlichen Menschen konditioniert, auf diese Art zurückgedrängt werden könnte.
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Der Betreuungsschlüssel in Kindertagesstätten und in Kindergärten muss massiv erhöht werden. Einer der wichtigsten aller Berufe – derjenige des frühkindlichen Betreuers – hat hoch bezahlt zu werden. Studien zur Bedeutung frühkindlicher Einflüsse auf die psychologische Ausstattung des Menschen müssen stärker in die öffentlichen Debatten einfließen. Eltern müssen besser verstehen, dass die emotionale Stabilität eines Kindes wichtiger ist als das Erlernen möglichst dreier Fremdsprachen im Kleinkindalter oder die gut gemeinte Überhäufung der kindlichen Umgebung mit als Spielzeug deklariertem Plastikschrott. Während in der Säuglingsphase möglichst viel Stress von dem Kind fernzuhalten ist, kann ihm ab dem Moment seiner Bewusstwerdung, d.h. mit etwa drei oder vier Jahren, spätestens aber mit Eintritt in die Schule, zugestanden werden, kleine Probleme und Schwierigkeiten selbst zu lösen. Die Schule in ihrer überkommenen Form bedarf schließlich einer grundlegenden Reform.
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Ich wünsche zukünftigen Generationen von Herzen, dass sie souverän genug sein können, zumindest ein Grund-Maß an Freiheit gegen Sicherheitsapostel jeder Art zu verteidigen.
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Vielleicht würde es einer couragierten Gesellschaft eines Tages sogar gelingen, die wahren Probleme der Welt mit aller Konsequenz anzugehen.
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Probleme, wie die Ausbeutung der Umwelt, die Klimaerwärmung, die wachsende wirtschaftliche Ungleichheit, das Fortbestehen und Dazukommen zahlloser Krankheiten sowie die kognitiven Überforderungen einer sinn-entleerten Welt. […] «

Holger Wohlfahrt | Hinter den Schlagzeilen | 17.08.2018 | Wi(e)der die Angst | https://hinter-den-schlagzeilen.de/wieder-die-angst

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