Abgang.

In den einsamen Stunden in seiner Kabine unter Deck kamen die Erinnerungen wieder hoch; die Erinnerungen an seine Kindheit.

Seine Eltern hatten sich eine Tochter gewünscht – stattdessen kam er.
Er spürte die Enttäuschung seiner Eltern und glaubte sie trösten zu können, indem er sich als Tochter imaginierte und sich entsprechend verhielt.

Hier, auf dieser Kreuzfahrt, wollte er die Rolle einer erwachsenen Frau einüben.
Er entnahm seinem Koffer Lippenstift, Rouge, Kajalstift, Strumpfhose, Unterwäsche, Kostüm und die hohen Stöckelschuhe mit dem Pfennigabsatz und fing an, sich zu verwandeln.

Das Ergebnis teilte er mit seinen Fans auf einem Instagram-Account.

Es war sehr ruhig an Bord, als er am sehr frühen Morgen, die Stöckelschuhe in der Hand, aufs Deck huschte.

Er ahnte nicht, wie gemeingefährlich Stöckelschuhe für einen ungeübten Mann sein können.

Er stelzte vorsichtig, sich immer wieder an der Reling festhaltend, übers Deck, wurde immer sicherer und mutiger, breitete, Kate Winslet im Sinn, beide Arme seitlich aus, als ein kurzer, schwerer Ruck durchs Schiff ging, der seinen rechten Fuß plötzlich umknicken ließ – reflexartig suchte seine rechte Hand das Geländer der Reling, griff ins Leere und erschrocken verlor er den Halt und das Gleichgewicht; eine zusätzliche Schaukelbewegung des Schiffes hebelte ihn über Bord.

Es war sein letzter Auftritt.

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/09/23/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-39-40-18-wortspende-von-visitenkartemyblog/

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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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6 Antworten zu Abgang.

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 41.42.18 | Wortspende von Gerda Kazakou | Irgendwas ist immer

  2. Anna-Lena schreibt:

    Wieviel Kummer und Sorgen mögen sich hinter der Fassade seines Lebens verborgen haben?
    Schade, dass er so einen Ausweg genommen hat.

    LG Anna-Lena

    Gefällt 2 Personen

    • Wir wissen nicht, was wirklich geschah. Deshalb habe ich mich für einen Unfall entschieden. | Ich glaube, dass Menschen, die in der Kindheit keine oder nicht genügend Resilienz erworben haben, später, bei Problemen, einen Tunnelblick haben, der sie als einzige Lösung den Freitod sehen lässt. Resiliente Menschen werden sich wahrscheinlich Hilfe holen und können ihre Situation reflektieren. | Liebe Grüße, Bernd

      Gefällt 4 Personen

  3. Christiane schreibt:

    Eine Tragödie. Wie viel Hoffnung, wie viel Schmerz. Wie viele offene Fragen.
    Danke hierfür.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

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