Frühling im Herbst II

Sie schrieb ihn, so etwas hatte er sich immer gewünscht, auf einem längst vergessenen Datingportal, an.

Und schmeichelte ihm, sie, die Jüngere, sprach von gleichem Alter bei zehnjährigem Abstand.

Sie mochten sich gleich, tauschten nach wenigen Tagen die Telefonnummern, um sich per WhatsApp mehrmals täglich auszufragen.

Sie teilten die gleichen Werte, Interessen, den Musikgeschmack, ihre Träume und auch die überdurchschnittliche Anzahl Kinder.

Solch einer Frau war er lange, sehr lange, nicht mehr begegnet.

Seine Fantasie war beflügelt: er sah sich schon mit ihr auf Kreuzfahrt, nicht die im Liegestuhl, sondern diese Kreuzzüge übers tiefe Wasser des Lebens, die Segel voll gehisst, allen gemeingefährlichen Widrigkeiten trotzend.

Am zwölften Tag trafen sie sich an neutralem, öffentlichem Ort, gaben lächelnd bereitwillig einander Auskunft in fünfstündigem, pausenlosem Gespräch.

Ihre Blicke hielten sich Stand – ihren empfand er als etwas zu unruhig; untergehakt gingen sie durch die herbstlich kühle Luft zu ihren, zufällig nebeneinander geparkten Autos und verabredeten sich umarmend in fünf Tagen zum Varieté-Besuch.

Zweiundvierzig Stunden nach ihrem Date rief sie an und erklärte ihm, dass er ihr Herz nicht berührte.

Noch Stunden später stelzte er – mit seinem Telefon in der Hand am Arm der hängenden Schulter – in seiner Wohnung auf und ab.

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/09/23/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-39-40-18-wortspende-von-visitenkartemyblog/

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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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8 Antworten zu Frühling im Herbst II

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 41.42.18 | Wortspende von Gerda Kazakou | Irgendwas ist immer

  2. Christiane schreibt:

    Ich finde das gut. Sie haben es richtig gemacht, wenn man schon das Internet bemüht. „Daten“ austauschen, telefonieren, relativ schnell treffen, um zu sehen, ob die Chemie stimmt, und dann, dann erst, weiter kennenlernen, die Phantasie langsam durch Realität ersetzen. Aber wenn sie wirklich so schnell weiß, dass sie „im wahren Leben“ kein weiteres Interesse an ihm hat, weil er „ihr Herz nicht berührt“ und dem keine Chance gibt, dann ist das schlimm, aber besser jetzt sofort als in ein, zwei Jahren und so lange mit einer Lüge leben.
    Liebe Grüße
    Christiane

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    • Ja und Nein. Treffen sind gut, wenn beide das gleiche Ziel haben (Freundschaft oder Partnerschaft oder Sex) und dies auch gegenseitig kommunizieren.

      In meiner Geschichte könnte sie ein Getriebene sein, eine, die ohne Partner an ihrer Seite unglücklich ist oder sich einsam fühlt und permanent sucht.

      Man muss sich aber auch nicht schnell treffen – eine Brieffreundschaft tut es zunächst auch; wenn man sich nach einem Jahr nichts mehr zu schreiben hat, dann braucht man sich auch nicht mehr zu treffen. Oder, das Schreiben wird über Wochen/Monate so intensiv, dass ein Treffen zwangsläufig wird.

      Die Frage, die immer wieder diskutiert wird ist, was für eine langfristige Partnerschaft zuerst vorhanden sein muss:
      Da gibt es die Einen, die sagen, ich muss zuerst romantische Gefühle haben, dann sehen wir weiter.
      Da gibt es die Anderen, die sagen, zuerst ins Bett, denn wenn es da nicht klappt, macht alles weitere keinen Sinn.
      Dann gibt es die, die sagen, die beiden vorgenannten Punkte sind strohfeuergefährdet. Was langfristig zählt, sind die gemeinsamen Werte/Interessen/Träume/Ziele. Auch ohne anfängliche romantische Gefühle oder Fleischeslust kann so eine dauerhafte, wachsende Partnerschaft entstehen, die zu einer tief empfunden Liebe führen kann.
      Es gibt Meinungen, die sagen, das romantische Gefühl hat eine kurze Halbwertzeit (6 bis 18 Monate), ist lediglich ein Trick der Natur zur Selbsterhaltung der Spezies. Was kommt danach, wenn keine oder nur sehr wenige Gemeinsamkeiten bestehen?

      Ein weites Feld.

      Liebe Grüße, Bernd

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      • Christiane schreibt:

        Ja. Ein weites Feld, wo man schlecht verallgemeinern kann und sollte.

        Ja, ich bin davon ausgegangen, dass beide wissen, was sie wollen, und das dann auch dem anderen kommunizieren (können), mündlich oder schriftlich, auch das nicht selbstverständlich.

        Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass man sich bei Fern-Freundschaften (-Beziehungen) sehr schnell ein Bild vom anderen macht und das dann ausstaffiert. Das kann eine Chance sein, gerade wenn z. B. eine/r glaubt, sonst durch ein (meist optisches) Raster zu fallen, birgt aber immer die Gefahr, dass sich beide Seiten was zusammenphantasieren und im Dialog hochkochen und es dann zu einer großen Enttäuschung führt, wenn sie sich dann irgendwann begegnen. Viele, die sich lieber nicht treffen wollen, haben genau davor Angst, zu enttäuschen oder enttäuscht zu werden, viele wollen aber schlicht auch keine Verbindlichkeit. Könnte ja noch was Besseres kommen, und dann müsste man Farbe bekennen …

        Deine Punkte für eine Partnerschaft: Sind die nicht auch altersabhängig? Ich denke, wenn man Mitte 20 ist, nestbauen und sich fortpflanzen möchte, dann geht ohne Punkt 1 und 2 (Romantik und Sex) und nichts. Dazu gehört auch das mit der „Halbwertzeit“, es stimmt meiner Meinung nach, dass Gefühle sich ändern, ich dachte, man hätte herausgefunden, dass da auch Hormone hineinspielen, bin mir aber nicht sicher.
        Punkt 3 geht mir ein bisschen zu sehr in Richtung „Vernunftehe“, aber ich stimme dir unbedingt darin zu, das man die Werte/Interessen/Ziele/Träume des anderen unterstützen und wertschätzen muss. Gegensätze mögen sich zwar anziehen (weil sie einem möglicherweise spiegeln/vorgaukeln, dass man auch anders könnte), aber für die Dauer braucht es wen, der grundsätzlich „vom selben Stern“ ist.
        Ich glaube, ich hätte grundsätzlich gern eine Mischung deiner drei Punkte, nur bei deren Gewichtung schwanke ich.

        Liebe Grüße
        Christiane, die das alles gerade zu logisch/kopfig findet

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  3. kat. schreibt:

    Waah! Das ist die krux wenn man so datet , man erhofft sich den Menschen fürs Leben und dann, sorry, nicht mein Beuteschema. Taxiert, gemustert, abgefertigt.

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    • Genau. Solche Dates finden wohl auch viel zu schnell/früh statt. Man nimmt sich offensichtlich keine Zeit mehr, sich langsam kennenzulernen. | Das Kennenlernen über ein Datingportal verspricht eine trügerische Sicherheit. Ein Gegenüber im realen Leben anzusprechen, diese Hürde scheint heutzutage zu hoch. Da sitzen sich zwei Menschen lange im Zug gegenüber, finden sich im Blickkontakt sympathisch und sprechen sich einfach nicht an, tauschen keine „Adressen“ aus. Kaum, dass man den Zug verlassen hat, greift einer der beiden zur Spotify-App und schreibt: „Er: Hi, ich suche die die heute zwischen Stuttgart und Mainz im IC 2218 mir von 10 bis 11 Uhr gegenüber saß aber ich war leider so fasziniert von dir das ich dich nix fragen konnte und möchte das gern wiederholen und dich wieder sehen du warst schätzungsweise 1,75 dunke Jenas hattest du an schwarze Jacke Walls du dich erkennst melde dich bitte“ Gestörte Kommunikation. Liebe Grüße, Bernd

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      • kat. schreibt:

        Total! Ich hab früher oft Leute im Zug kennengelernt, spannend, aber heute gibt es zu oft die Option, das ich ja auch noch andere Möglichkeiten habe. Sollte ich bereuen nicht schnell genug gehandelt zu haben.

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  4. Anna-Lena schreibt:

    Wo die Liebe hinfällt – oder auch nicht …
    Man kann sie nicht erzwingen, auch trotz modernster Medien nicht.

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