Zeichen 240.

Der Himmel war blau, die Sonne schien bei 21 Grad, die Lastkähne fuhren leise tuckernd den Rhein stromauf- und abwärts und das Abbruchgerät des Kühlturmes des AKW Mülheim-Kärlich drehte in 160 Metern Höhe schneckenlangsam seine Runde.

Es war einer dieser goldenen Oktobertage, der die quälende Sommerhitze vergessen machte, die Gedanken an einen kalten Winter verdrängen ließ und die Sinne mit laubbunten Farben, erdigem Geruch und dem letzten Surren der Insekten erfreute.

Spazieren gingen Andreas und seine Tochter Leah auf einem dieser schönen Leinpfade, die es an beiden Ufern des Rheins gab; ein Leinpfad, ausgebaut, für Fußgänger und Fahrradfahrer gleichberechtigt nutzbar, ausreichend breit, um fünf Personen nebeneinander Platz bieten zu können.

Skrupulös achtete Andreas darauf, dass er, Leah zur Rechten, die gedachte Mittellinie nicht überschritt.
Andreas war einer der mitdachte, der vorausschaute und Rücksicht nahm und so konnte der Fahrrad fahrende Gegenverkehr ungestört passieren und der rückwärtige sicher überholen.

Sein nach vorne gerichteter Blick sichtete bei Rheinkilometer 606 einen Fahradfahrer, zeitgleich klingelte es hinter ihnen einmal und Andreas erwartete deshalb einen rücksichtsvollen Fahrradfahrer.
Doch es klingelte ein zweites Mal und unterbrochen von einer kurzen Pause klingelte es dann: Sturm.

Knapp bevor der entgegenkommende Fahrradfahrer Andreas und Leah passierte, überholte der klingelnde Fahrradfahrer sie forsch schneidend, in seinem rasanten Windschatten eine Frau auf einem zweiten Fahrrad folgend, und beschimpfte Andreas und Leah wie ein Rohrspatz, dass es unverschämt von ihnen ist, keinen Platz zu machen.

Mit unflätigen Worten antwortete der Fahrradfahrer auf Andreas‘ laut und deutlich dem Paar in den Rücken gerufene Worte, dass hier Fußgänger gleichberechtigt gehen dürfen und ja wohl ausreichend Platz zum Überholen vorhanden war; die Frau (!) reckte den Arm drohend zur Faust.

Das leckere, auf der Zunge fruchtig schmelzende Eis in zitronengelb, mango-orange, himbeer- und erdbeerrot im italienischen Eiscafé Venezia war Andreas und Leah trotzdem ein Genuss.

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/10/07/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-41-42-18-wortspende-von-gerda-kazakou/

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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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8 Antworten zu Zeichen 240.

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 43.44.18 | Wortspende von redskiesoverparadise | Irgendwas ist immer

  2. Christiane schreibt:

    Das ist dieses Klima der Rücksichtslosigkeit, das sich immer mehr zu verbreiten scheint. Ich sehe es überall sprießen, aber eigentlich verstehe ich es nicht. Es geht doch viel einfacher, wenn jeder auf den anderen wenigstens ein bisschen Rücksicht nimmt.
    Kopfschüttelnd
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

  3. Anna-Lena schreibt:

    Es hätte so schön und friedlich ausgehen können, doch es ist Krieg auf den Straßen. Entweder ist die Sommerhitze noch in manchen Gehirnen und legt das Denken lahm oder es kommt wirklich nur noch der mit dem dicksten Fell weiter …
    Ich bin froh, dass es keine wahren Toten gegeben hat.

    LG Anna-Lena

    Gefällt 1 Person

    • Es ist eine grassierende Hirnlosigkeit. Am Rhein ist ein Biergarten, der von einem Leinpfad durchtrennt wird. Vor den beiden Durchgängen ist ein Schild: Fahrradfahrer bitte absteigen. Ich habe noch nie einen Fahrradfahrer gesehen, der abstieg. Durch den hiesigen Park führt ein Fußweg (Zeichen 239 mit 1022-10 StVO Fußweg, Radverkehr zugelassen). Soll: Fahr­rad­fah­rer müssen in diesem Fall auf Fußgänger Rücksicht nehmen und die Geschwin­dig­keit an den Fuß­gän­ger­ver­kehr anpassen. Fußgänger dürfen weder gefährdet noch behin­der­t wer­den. Wenn nötig, müssen Fahrrad­fah­rer warten. Ist: Fahrradfahrer fahren oftmals in Hochgeschwindigkeit; Fußgänger werden zur Seite geklingelt und teilweise beschimpft. Am Rande sei nur erwähnt, dass Fußgänger nicht rechts gehen, den Fußweg in seiner gesamten Breite einnehmen und auf Fahrradfahrer und Jogger keine Rücksicht genommen wird. – In Hannover hat ein Fahrradfahrer vor wenigen Tagen einen Fußgänger erschlagen! Liebe Grüße, Bernd

      Gefällt 2 Personen

      • Anna-Lena schreibt:

        Ich erlebe es jede Woche in Berlin, lieber Bernd und auch hier bei uns im Berliner Speckgürtel vergeht kein Tag, an dem nicht Unfallmeldungen, gerade jetzt auch mit Rad- und Motorradfahrern, in der Zeitung stehen.
        Dabei ist doch ein wenig guter Wille und etwas Rücksicht aufeinander keine große Aktion und u.U. Leben rettend.
        Aber in so vielen Dingen können wir die Welt nicht retten, sondern nur mit gutem Vorbild vorangehen. Das allerdings wird oft auch belächelt, doch ich persönlich möchte weiterhin in den Spiegel schauen können.

        Liebe Grüße
        Anna-Lena

        Gefällt 1 Person

  4. nandalya schreibt:

    Keine Toten? Ich bin enttäuscht. :D

    Gefällt 1 Person

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