Graswuchs.

Christa war tot; sie hinterließ ihrem Sohn Claus unter anderem einen aktuellen Bescheid der Samtgemeinde Selsingen, sich schnellstmöglich um ihr baufälliges Haus zu kümmern.
Claus wusste nichts von einem Haus, weder sein lange verstorbener Vater Curt noch seine Mutter hatten es jemals erwähnt und nirgends etwas notiert; was er wusste: Curts Vater Carl galt seit Ende des Krieges als verschollen, er war ein Bildhauer im Landkreis Rotenburg (Wümme).

Um sich die Immobilie anzusehen und zu recherchieren, fuhr Claus für eine Woche vor Ort.
Es war ein kleines, völlig heruntergekommenes Bauernhaus, das Reetdach konnte nur noch erahnt werden, daneben eine baufällige Scheune, die offensichtlich als Bildhauer-Werkstatt genutzt wurde.
Claus suchte im Ort nach Zeitzeugen, die ihm etwas über das Schicksal seiner Großeltern Claasen erzählen konnten.

Seine Oma Charlotte starb 1942 bei einem Verkehrsunfall und sein Vater, noch ein Knirps damals, wuchs danach in der Familie seiner Tante auf.

Opa Carl Claasen war ein überzeugter Nazi und verehrte Adolf Hitler glühend.
Kurz nachdem er Hitler im März 1945 in seinem Garten in Stein gehauen und ihm ein sehr überdimensionales Denkmal gewidmet hatte – wenigstens dieses sollte das tausendjährige Reich überdauern -, verschwand er spurlos in den Wirren der letzten Kriegstage, als die britische Armee durchs Land zog und das Lager Sandbostel befreite.

Bereits einen Monat später fand Claus einen Käufer für Haus und Grundstück.
Diesem bot sich beim Abtragen des moorigen Bodens der Wiese hinter dem Haus ein grotesker Anblick: zunächst die versunkene Statue Hitlers und darunter die Überreste eines Mannes; der weiche Boden konnte höchstwahrscheinlich das Gewicht der Statue nicht tragen, kippte um und begrub Großvater Carl unter sich – beide versanken zügig und unbemerkt im moorastigen Boden und Gras wuchs über die Sache.

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/11/04/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-45-46-18-wortspende-von-wortgerinnsel/

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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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16 Antworten zu Graswuchs.

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 47.48.18 | Wortspende von umgeBUCHt | Irgendwas ist immer

  2. nandalya schreibt:

    Claus hat einen Käufer gefunden. Diesem – das Wort bezieht sich auf den Käufer – bot sich beim Abtragen des moorigen Bodens der Wiese hinter dem Haus ein grotesker Anblick: zunächst die versunkene Statue Hitlers und darunter die Überreste seines Großvaters …“ Seines Großvaters bezieht sich wieder auf Claus.

    Gefällt 1 Person

  3. windsucher schreibt:

    ich fürchte nur, dass ausgerechnet dort die gefundene Statue wieder in irgendeiner Scheune poliert worden wäre und wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand, dem stolzen Besitzer Anerkennung und Ansehen einbringen würde…

    Gefällt 1 Person

  4. Mrs Postman schreibt:

    So kanns gehen ;-)

    Gefällt 1 Person

  5. Myriade schreibt:

    Makaber! Ich bin auch gerade im Kopf in diesen grausigen Zeiten

    Gefällt 3 Personen

  6. Christiane schreibt:

    Das wünscht man sich öfter, dass so zügig Gras über eine schlimme Sache wächst – und natürlich dort bleibt. Sehr praktisch, die Lösung. 😉
    Liebe Grüße, schönen Sonntag dir
    Christiane

    Gefällt 4 Personen

  7. Anna-Lena schreibt:

    So manches versank unbemerkt im Moor und tauchte nicht wieder auf …
    Liebe Grüße
    Anna-Lena

    Gefällt 2 Personen

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