Advent.

Rilke fiel ihr in die Hände: “ … Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben. … „.

Tränen rannen ihr die Wangen hinab.
Sie dachte an die Handvoll nicht erwiderter Lieben ihres Lebens.

Bin allein.

Sie war über die Jahrzehnte unzähligen Männern begegnet und nur bei diesen Fünfen waren sich Herz, Bauch und Verstand einig.
Jedem Einzelnen trauerte sie nach.

Fröstelnd hüllte sie sich in eine Decke; nasskalt fühlte sich ihr Inneres an.
Sie glich einem Winterbaum: aschfahl, alle Adern verschlossen, alle Kraft in seinen Wurzeln konzentriert.
Oder, wie eine Schnecke in ihr Haus, war sie in sich zurückgezogen.

Die Ankunft des nächsten Frühlings erwartend.

 

Die Personen und die Handlung der Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/12/02/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-49-50-18-wortspende-von-elke-h-speidel/

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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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19 Antworten zu Advent.

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 51.52.18 | Wortspende von dergl | Irgendwas ist immer

  2. Anna-Lena schreibt:

    In der lichtvollen Jahreszeit scheint die Einsamkeit am größten!
    Herzlich,
    Anna-Lena

    Gefällt 1 Person

  3. Werner Kastens schreibt:

    Müssen wir AUCH die Liebe und ihre 1000-fachen Lichter wirklich in Kästchen sortieren oder nicht einfach dann genießen, wenn sie uns ergreift?

    Gefällt mir

  4. violaetcetera schreibt:

    Deine Geschichte gibt so viele Denkanstöße, auch für jemanden wie mich nach fast 24 Ehejahren.
    Und ja, es gibt diese Zeiten im Leben, in denen wir nur auf den Frühling warten können. Das ist ganz schön schwer auszuhalten.

    Gefällt 2 Personen

  5. Christiane schreibt:

    Den Rilke kann ich auswendig 😉. Und ich hätte anstatt „nicht erwiderter“ lieber „gescheiterter“ Lieben gelesen, es macht sie aktiver.
    Ansonsten kommt deine Etüde der Wahrheit vieler sehr nahe, glaube ich. Danke dafür.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

    • Das wäre dann eine andere Geschichte, die noch zu erzählen wäre. Gescheitert würde bedeuten, die Lieben hätten zeitweise gelebt werden können. Es gibt Menschen, die lieben regelmäßig knapp daneben, sind überaus beliebt aber werden nicht geliebt. Die, in die sie sich verlieben, verlieben sich nicht in sie, und die, die sich in sie verlieben, in die verliebt sie sich nicht. Ich habe das Phänomen beobachtet und habe mich noch nicht mit möglichen Ursachen tiefergehend beschäftigt. Wann und bei welcher Gelegenheit findet eine Prägung auf einen bestimmten Partnertyp statt? Bei Herkunftsfamilien mit Sucht- oder Gewalthintergrund ist es ja überdurchschnittlich oft der Fall, dass die Kinder sich ebenfalls an Partner binden, die Sucht- oder Gewaltpotenzial haben. Aber wie ist es, außerhalb des Auffälligen?
      Liebe Grüße, Bernd

      Gefällt 2 Personen

      • Christiane schreibt:

        Ich habe überdurchschnittlich oft beobachtet, dass Männer sich in Frauen verlieben, von denen es mir schien, dass die bestimmte Aspekte ihrer Mütter verkörperten. (Umgekehrt vermute ich, dass es auch so ist.)
        Warum es gerade diese Aspekte sind oder waren (außer der Suche nach etwas Vertrautem, Sicherheit gebendem, Geliebtem)? Keine Ahnung. Und ich glaube auch, dass das oft die Probleme zwischen Schwiegermüttern und -Tochter begründet/verstärkt, sie sind einander zu ähnlich und daher noch mehr Konkurrenz. Hannibal Lecter erinnert Clarice Starling im „Schweigen der Lämmer“ (Buch) daran, dass wir alles zu begehren beginnen, was wir täglich sehen (wobei ich nicht weiß, ob der Gedanke nicht von Mark Aurel stammt, auf den er sich an der Stelle auch beruft). Ich glaube, da ist was dran. Man liebt, was man kennt. Gegensätze mögen sich anziehen, aber die Untersuchungen zeigen, dass schlussendlich die Paare mit den meisten Gemeinsamkeiten lange zusammenbleiben …
        Liebe Grüße
        Christiane

        Gefällt 3 Personen

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