Schattenkind.

Er würde seine Eltern nicht pflegen; nicht pflegen können.

Dafür fehlte die professionelle Distanz oder die dazu erforderliche Liebe.
Doch ein Echo der Liebe kann nur erschallen, wenn ins Kind Liebe hineingerufen wurde.
Er vernahm kein Echo; er entsprach nicht ihren Vorstellungen, ein schwarzes Schaf liebten sie nicht – er würde sie nicht pflegen.

All die Lieblosigkeiten, all die Erniedrigungen in den Kinderjahren legte er ab, als gedachtes Lesezeichen, unter „ich genüge nicht“ oder „ich werde nicht geliebt“.

Diabetes, Hüftgelenke kaputt, das Ringen um Worte und Namen, der Starrsinn, die gerade noch vor dem Verfaulen geretteten Beine, den Internet-Browser auf 300% gezoomt und trotzdem nichts mehr erkennen können aber den Gang zum Augenarzt nicht antretend, das Besserwisserische und sich jeden Ratschlag verbittend – altersschwach.
Und die einsame Entscheidung, ohne die Kinder beteiligt zu haben, nicht ins Altersheim gehen zu wollen – dem Traum vom Eigenheim wurde damals alles untergeordnet, eine solche Heimstatt wird dann zum Mausoleum – bei gleichzeitigem Ablehnen einer Vorsorgevollmacht.

Er würde sie nicht pflegen.

Er würde sich nicht pflegen lassen – nicht von seinen Kindern.

Sie sollen ausgelassen und hüpfend durchs Leben gehen können – Sonnenkinder sein.

 

 

Die Personen und die Handlung der Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Inspiration I: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2019/02/17/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-08-09-19-wortspende-von-wortgeflumselkritzelkram/

Inspiration II: https://projekttxt.net/2018/11/07/das-elfte-wort-2018/

Dieser Artikel ist unter CC BY-NC-ND 4.0 lizenziert.
[Teilen erlaubt mit Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitung]


Impressum/Datenschutz/Datensicherheit

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
Dieser Beitrag wurde unter RSOPfiction abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

20 Antworten zu Schattenkind.

  1. Nicole Vergin schreibt:

    Rechtzeitig darüber sprechen; ja auch ich halte das für wichtig und sinnvoll. Meine Mutter hat immer gesagt, dass sie nie mit meiner Schwester und mir unter einem Dach – pflegebedürftig – leben möchte. Für sich und für uns nicht. Sie war in ihrem letzten Jahr in einem guten Pflegeheim, wo wir sie häufig besucht haben und weiter eine liebevolle Beziehung bis in den Tod hinein pflegen konnten.
    Liebe Grüße
    Nicole – die sich von ihrem Sohn auch nicht pflegen lassen möchte. Aber gerne besuchen!

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.19 | Wortspende aus dem Fundevogelnest | Irgendwas ist immer

  3. Ich antworte allen, die kommentiert haben in einer einzigen Antwort:

    Zunächst herzlichen Dank für eure Kommentare, fürs Euch-Berühren-Lasen, Mitdenken und die anerkennenden Worte.

    Ich betrachte diese Geschichte als Momentaufnahme. Der Protagonist, er, nimmt sich zwei Dinge vor, seine Eltern nicht zu pflegen und seinen Kindern seine Pflege zu ersparen.
    Davon ausgehend könnte die Geschichte sich in mehreren Richtungen fortbewegen.
    Wird er die Pflege seiner Eltern sachlich und nüchtern durch Dritte organisieren?
    Oder obsiegt sein Mitleiden angesichts der hilflosen Eltern und er wird zumindest einen Teil der Pflege übernehmen?
    Wäre es nicht seine letzte Chance, seinen Eltern zu verzeihen, Frieden mit ihnen und somit auch mit sich zu schließen?

    Wieviel Liebe gab er seinen Kindern? Werden sie seinen Wunsch, ihn nicht zu pflegen, respektieren oder empört von sich weisen, weil sie ihm die Liebe spiegeln möchten, die er ihnen angedeihen ließ?

    Wird er seinem Leben ein selbstbestimmtes Ende geben wollen, bevor er vollends pflegebedürftig und belastend für Andere wird?

    Diese Gedanken ließen sich noch in weiteren Varianten weiterspinnen.

    Ich plädiere an alle Eltern, sich rechtzeitig mit ihren Kindern über das Thema Alter/Pflege zu unterhalten. Die Ängst aller Beteiligten müssen ausgesprochen werden. Danach können Entscheidungen getroffen werden, die vielleicht alle mittragen können und die verhindern, das Gefühle der Schuld und Scham entstehen und zurückbleiben.

    Liebe Grüße, Bernd

    Gefällt 10 Personen

  4. windsucher schreibt:

    Treffend und so oder an anderen Erlebnissen festzumachend in jeder Familie so erlebt ..und doch der Umgang damit anders ..für mich nicht kalt seinen Eltern gegenüber, sondern konsequent und ehrlich und nicht zuletzt auch Ausdruck von Respekt gegenüber der Selbstbestimmung und der Meinung seiner Eltern gegenüber ..nicht immer die Entscheidung anderer ungefragt in Frage stellen. Dafür seine eigenen Entscheidungen klar kommunizieren und am Ende kann er nur hoffen, dass seine Entscheidung von seinen Kindern akzeptiert wird und nicht aufgrund irgendwelcher gesellschaftlicher Zwänge sein Wille nicht mehr zählt wenn er sich nicht mehr dagegen wehren kann .

    Gefällt 1 Person

  5. Anna-Lena schreibt:

    Sehr realitätsnah und sicherlich für viele Familien zutreffend. Er handelt richtig seinen eigenen Kindern gegenüber. Den Eltern gegenüber so hart und konsequent zu sein, ist eine Herausforderung, die nicht jeder schafft.

    Berührend uns glasklar, wie alle deine Beiträge.
    Lieben Gruß
    Anna-Lena

    Gefällt 1 Person

  6. diespringerin schreibt:

    Wenn wir ins Licht treten, werfen wir je nach Tageszeit kürzere oder längere Schatten. Wir können die Schatten ebensowenig vermeiden wie im Grunde das Licht, aber wir können in Bewegung bleiben, damit sich sowohl Licht als auch Schatten verteilen und es nicht ausschließlich Sonnen- oder Schattenkinder gibt, sondern einfach nur: geliebte Kinder. In diese Richtung gehen wir Menschen, oder? Gut gezeichnetes Bild, präzise beschrieben, auf den Punkt gebracht. Ganz herzliche Grüße! Silvia

    Gefällt 3 Personen

  7. Wie heftig. Wie traurig. Das berührt mich sehr. Und: jeder ist für sich selber verantwortlich! Das muss sich nicht weitertragen!

    Gefällt 2 Personen

  8. Karin schreibt:

    Er trifft für sich und seine Kinder die einzig richtige Entscheidung, tritt endlich aus dem Schatten heraus.

    Gefällt 2 Personen

  9. Christiane schreibt:

    Und so zieht es sich dann durch, Generation nach Generation? Wie traurig. Wie kalt. Wie hoffnungslos. Ich würde ja gern hoffen, dass ich dich missverstehe …
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

Hinterlasse hier deinen Kommentar und beachte dabei das Menü/die Seite 'Impressum/Datenschutz/Datensicherheit'. Mit dem Absenden dieses Kommentars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch *.wordpress.com einverstanden:

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.