Glaubenssätze.

Angesichts des unaufhörlichen Nieselregens wollte sie heute nicht zu Fuß gehen und stellte sich ins Wartehäuschen der Buslinie.
Ihr Blick fiel auf die gegenüberliegende Haustür des zehnstöckigen Wohnsilos.
Erschrocken sah sie dort, an ihren Sinnen zweifelnd – nein, sie irrte sich nicht – einen Mann mit einem Gewehr ins Haus stürmen. –

abc.etüden | Nieselregen, weich, irren

abc.etüden | Nieselregen, weich, irren

Nach zwanzigjähriger Ehe mit zwei Kindern, achtzehn- und elfjährig, hatte sie ihn verlassen, die Kinder mitgenommen und sie lebten anonym in einer Banlieu weit außerhalb.
Alle drei wollten keinen Kontakt mehr mit ihm.

Früher waren es seine Eltern, die ihm vermittelten, dass er nicht genüge und nicht liebenswert sei, heute war es seine über alles geliebte Familie.

Nach langer Suche fand er die neue Adresse heraus und er wollte seinen Plan endlich umsetzen.
Er griff sich sein Jagdgewehr, fuhr zum Haus, stürmte die Treppen zur achten Etage herauf, und als sie ihm auf sein Sturmklingeln nicht öffneten, schoß er sich den Weg frei.

Er durchschritt die gesamte Wohnung, hörte seine Frau und seinen Kleinen im Badezimmer wimmern, und trat mit nur einem Tritt die Tür ein.

Als er seine Frau und den Kleinen, engumschlungen, verkrümmt, erbärmlich jammernd, tränenüberströmt und am ganzen Körper pulsierend zitternd, in der Badewanne liegen sah, wurde sein Herz ganz plötzlich weich und er sank in sich zusammen.

 

Die Personen und die Handlung der Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

 

Inspiration I: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2019/03/03/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-10-11-19-wortspende-aus-dem-fundevogelnest/

Inspiration II: Jusqu’à la garde/Nach dem Urteil ein Film von Xavier Legrand [https://www.epd-film.de/filmkritiken/nach-dem-urteil-0]

 

Dieser Artikel ist unter CC BY-NC-ND 4.0 lizenziert.
[Teilen erlaubt mit Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitung]


Impressum/Datenschutz/Datensicherheit

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
Dieser Beitrag wurde unter RSOPfiction abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Antworten zu Glaubenssätze.

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 12.13.19 | Wortspende von Geschichtszauberei | Irgendwas ist immer

  2. dergl schreibt:

    Gut gemacht. Ich glaube, du triffst ihn auch recht gut. Ich habe es irgendwann bei mir im Blog erzählt, mein Vater wollte mich abstechen, mich hat eine zufällig woanders geöffnete Tür gerettet. Mir hat ein Psychologe erklärt, dass so etwas durchaus dadurch in der Täterpsyche motiviert sein kann, dass der Täter glaubt, er täte das weil er die Person, die Opfer werden soll liebe, sein inneres Lebensskript aber nach Bestrafung verlangt und es für (versuchte) Tötung natürlich besonders harte Strafen gibt (auch der eventuelle erweiterte Suizid ist im Tätergehirn vielleicht so besetzt) plus, dass dazu eben die Bestrafung von innen käme, weil er einer geliebten Person etwas getan hat. Das ist ähnlich skurril wie die Psyche von Stalker*innen.

    Gefällt 4 Personen

    • Vielen Dank! Ja. Das Üble an Glaubenssätzen ist, dass sie in der (frühesten) Kindheit veranktert sind und wenn der Erwachsene getriggert wird (hier: verlassen zu werden, nicht geliebt zu werden) wird er wieder zum (Schatten-)Kind und neigt zu impulsiven Handlungen. Ich vermute, dass sich bei Amokläufern ähnliches abspielt. Der Impuls verselbständigt sich, ein Tunnelblick entsteht und es kann sein, dass etwas ganz Belangloses den Täter dann von seiner Tat noch abbringt. Liebe Grüße, Bernd

      Gefällt 4 Personen

      • dergl schreibt:

        Mein Vater hatte so ein Verlassenheitstrauma, eigentlich zwei: 1) „Unsere“ Firma war meinen Großeltern wichtiger als die Kinder und das fiel auf, weil es damals noch nicht üblich war, dass eine Frau eine Firma mit 7-8 Fililalen und überregionaler Bekanntheit anführt. Der wird als Kind gesehen haben, dass die anderen Kinder Hausfrauenmütter hatten und seine Mutter stand (teils inoffiziell, weil Frauen einiges damals noch nicht durften, aber es wussten alle, mein Großvater „unterschrieb“ nur und die Kontrolle hatte sie) da vor diesem Riesending und hatte keine Zeit für irgendwas, war also nicht verfügbar. 2) Mein Großvater hat Suizid begangen und mein Vater und seine Schwester haben die Leiche gefunden, das ist ein sehr offensichtliches Verlassenwerden.

        Und dann hab als so einer mal eine Tochter, die allem, was du selbst denkst, dass eine Frau sein und tun muss entgegensteht – ich hatte Bildung, ich habe nicht mit 18 geheiratet, ich war die einzige Person mit Abitur in der Familie, meine Oma hatte immer gesagt, wenn eine*r die Firma wieder hochholt, dann sei ich das – das ist nochmal so ein extremes Verlassenwerden und – zack! – haste den Trigger.

        Das ist keine Rechtfertigung und ich habe auch kein Verständnis für ihn, aber es erklärt die Tat und das kann wichtig sein um damit klarzukommen. Dass man eben merkt, man sollte nicht Opfer werden wegen sich als Person, sondern einfach wegen der Rolle, die man in der Täterprojektion inne hat und das hat gar nichts mit eine*r selber zu tun.

        Hätte mir genauso gut ohne Abi passieren können, hätte mir genauso gut heterosexuell und verheiratet mit Kindern passieren können. Der Trigger war: starke, selbstständige und damit nicht kontrollierbar zu bindende Frau. Punkt. Hat nicht mit mir als Person zu tun.

        Sehr gut möglich, dass es bei Amokläufer*innen zum Teil was ähnliches im Kopf gibt. Ob es irgendeinen belanglosen Schalter im Täterkopf gibt, der dann doch noch als „Stoppschild“ fungiert, hängt vielleicht von der Täter-Opfer-Beziehung und auch der jeweiligen narzisstischen Ausprägung der Täterperson ab.

        Gefällt 4 Personen

  3. Christiane schreibt:

    O Gott. Mir die Szene im Badezimmer vorzustellen, erschüttert mich. Danke für die Erklärung an Myriade, dennoch …
    Haben die Drei in deiner Vorstellung überlebt?
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

    • Die Etüde ist auch inspiriert von dem Film „Nach dem Urteil“. Ich kann ihn nur empfehlen. | Es ist ein schmaler Grat, zwischen abziehen oder Waffe niederlegen. Es gibt unzählige erweiterte Selbstmorde, nur erfahren wir selten davon, da sie in keiner Statistik als solche geführt werden. Und die Dunkelziffer der abgebrochenen erweiterten Selbstmorde wird entsprechend höher sein. Liebe Grüße, Bernd

      Gefällt 3 Personen

  4. Myriade schreibt:

    „über alles geliebte Familie“ ? und er war mit dem Jagdgewehr unterwegs ?

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse hier deinen Kommentar und beachte dabei das Menü/die Seite 'Impressum/Datenschutz/Datensicherheit'. Mit dem Absenden dieses Kommentars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch *.wordpress.com einverstanden:

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.