„Mitgefühl!“

» […] „Die Hölle brach los. Die Unterwelt hat ihre Pforten aufgetan und ihre niedrigsten, scheußlichsten, unreinsten Geister losgelassen. Die Stadt verwandelte sich in ein Albtraumgemälde des Hieronymus Bosch: Lemuren und Halbdämonen schienen aus Schmutzeiern gekrochen und aus versumpften Erdlöchern gestiegen. Was hier entfesselt wurde, war der Aufstand des Neids, der Missgunst, der Verbitterung, der blinden, böswilligen Rachsucht und alle anderen Stimmen waren zum Schweigen verurteilt. Hier war nichts losgelassen, als die dumpfe Masse. Die blinde Zerstörungswut und ihr Hass richtete sich gegen alles, durch Natur oder Geist veredelte. Es war ein Hexensabbat des Pöbels und ein Begräbnis aller menschlichen Würde.“
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eine der grausamsten Säulen von mörderischen Diktaturen ist seit jeher, die Schaffung von Sündenböcken, die immer und an allem Schuld zu sein haben und denen man dafür die oft bestialischsten Bußen auferlegt.
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dass ihn seine Mutter oft ermahnte, keine Erdbeeren aus dem Garten zu essen, weil sie zu grau wären. Eines Tages begriff er, dass der graue Farbton von der Asche der Leichenverbrennungsöfen kam;
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Vergessen wir nicht, dass am Anfang der nationalsozialistischen Herrschaft nicht Ausschwitz, sondern die Ausgrenzung von Menschen, die als störend, als schädlich betrachtet wurden, stand.
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„Für dich und alle aus deiner Generation in Österreich, die ihr die Gnade hattet, in Frieden, Freiheit und Wohlstand aufzuwachsen, darf schon aus Dankbarkeit für euer Glück, die Feigheit keine Option sein. Und seid gefälligst euer Leben lang solidarisch mit den Schwachen und jenen, die Unrecht ausgesetzt sind.“
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Die Probleme dieses, an Schönheit, an Qualität, an Chancenreichtum, so unermesslich großartigen und durch die menschliche Dummheit, Gier, Bösartigkeit und dumpfe Ignoranz so sehr gefährdeten Planeten haben sich aber keine Camouflage verdient, kein Leugnen der, mit mindestens 400. 000 Toten im Jahr zu Buche stehenden, Klimakatastrophe, denn es gibt keinen Zweifel: wir vergiften die Erde, wir verseuchen die Flüsse und wir verpesten die Luft. Kein Leugnen des Endes der Vollbeschäftigung, aufgrund von Digitalisierung und Robotisierung, kein Leugnen, dass eine zentrale Grundlage unseres Wohlstandes und Komforts, vom Handy bis zur Jeans, das Elend und die skrupellose Ausbeutung von Arbeiterinnen und Arbeitern, darunter zahllosen Kindern, in der Dritten Welt sind. Allein 48 Millionen von ihnen sind Sklaven.
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Wir leben an einem der sichersten, reichsten und insgesamt privilegiertesten Plätze der Welt. Wir haben den Haupttreffer in der Geburtsort-Lotterie gewonnen. Nun müssen wir bereit sein, faire Preise zu bezahlen und permanent, etwas abzugeben und mit jenen zu teilen, die etwa von den katastrophalen Umständen in ihren Ländern zur Flucht gezwungen sind.
Wir müssen dazu beitragen ihnen ein, zumindest einigermaßen, würdevolles Dasein in Frieden, mit gerechtem Einkommen, medizinischer Versorgung, sauberem Wasser und gesunder Nahrung in ihren Heimatregionen zu ermöglichen. Das Verdrängen, das Ausblenden, das Wegschauen im Antlitz der grausamen Tatsachen […] befördern logischerweise die Katastrophe.
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In einer Art von Blitzschlag in mein Bewusstsein, erkannte ich, dass jede und jeder von diesen Frauen und Männern, alten und jungen, hoffnungsfrohen und verzweifelten, auch ich selbst bin und nicht Deutsch, Englisch, Russisch, Chinesisch, Spanisch, Arabisch oder Swahili unsere wirkliche Muttersprache ist, sondern die Weltmuttersprache ist und sollte das Mitgefühl sein. Es ermöglicht uns in jedem anderen, uns selbst zu erkennen und mit ihm innigst und liebevoll verbunden zu sein und diese Erkenntnis in weiterer Folge in all unseren Gedanken und Taten zu berücksichtigen. […] «

André Heller | Gedenkrede | 12.03.2018 | Mitgefühl! | https://estherstagebuchauszichronyaacov.wordpress.com/2018/03/14/gedenkrede-von-andre-heller-zum-80-jahrestag-des-12-maerz-1938/

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5 Antworten zu „Mitgefühl!“

  1. Ulli schreibt:

    Bei all dem Gemecker, gerade in unserem Land, sollte man eben nicht vergessen, dass wir – trotz allem – in einem vergoldetem Mustopf sitzen, das hat Herr Heller gut ausgedrückt. Sein Plädoyer für mehr und immer mehr Mitgefühl in dieser Welt kann ich nur unterschreiben.
    Liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 1 Person

  2. Christiane schreibt:

    Dieser Satz zur Ausgrenzung von Menschen, an den denke ich oft.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, gerade weil er so aktuell ist. Ich glaube, ich füge diesen den Stolpersteinen noch hinzu. Ob die Ausgrenzung der Anfang des Nationalsozialismus war, ist vielleicht zu kurz gedacht, wenn ich da so an einen Film wie „Das weiße Band“ denke. Liebe Grüße, Bernd

      Gefällt 1 Person

      • Christiane schreibt:

        Ja, es ist zu kurz gedacht, denn jede Form von Hierarchie (im Sinne einer Machtausübung) arbeitet mit Ausgrenzung. Ich suche nach einem nicht politischen Ausdruck dafür, aber mir fällt spontan keiner ein …
        Wahr ist jedoch, dass in Dachau, dem ersten KZ, zuerst nicht primär Juden saßen, sondern die politischen Gegner, die Andersdenkenden: Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen und und und. Im Sinne von „Wehret den Anfängen“ muss man daran verstärkt erinnern, finde ich.

        Gefällt 1 Person

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