„Es wird Zeit, den Glauben an die Plackerei zu überwinden, denn er macht krank und dumm.“

» […] Laut der Gewerkschaft Verdi überwacht Amazon seine Lagerarbeiter über Handscanner. Viele Mitarbeiter, so Verdi, trinken während des gesamten Arbeitstages kein Wasser, damit sie nicht zur Toilette müssen. 2008 geriet der Discounter Lidl in die Schlagzeilen, weil in vielen Filialen eine systematische Überwachung der Mitarbeiter durch Kameras und Abhöranlagen erfolgt sein soll. Wenige Jahre später sah sich auch Aldi solchen Vorwürfen ausgesetzt.
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Eine US-Supermarktkette, so berichtet es Ehrenreich, ließ ihre Kassiererinnen jahrelang nicht öfter als einmal pro Schicht zur Toilette. Das Management ermutigte die Mitarbeiter mithilfe eines Belohnungssystems, sich gegenseitig zu überwachen. Aus Angst, nicht durchhalten zu können und darum entlassen zu werden, gingen viele ihrer Arbeit nur noch in Windeln nach.
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Früher musste man die Menschen in die Fabriken hineinknüppeln. Heute muss man sie aus den Betrieben und Büros herausprügeln. So sehr haben sie ihre abhängige Erwerbsarbeit als sinnstiftend, unabdingbar und naturnotwendig akzeptiert. Viele Umfragen zeigen: Selbst wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen gäbe, würden die meisten einer Erwerbsarbeit nachgehen wollen. Vordergründig ist also kein Zwang mehr notwendig, damit die Leute große Teile ihrer Lebenszeit einem Unternehmen übereignen.
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Dass wenige reich sind und viele arm, so Marx, sei nicht auf Fleiß und Sparsamkeit der Einzelnen zurückzuführen, sondern auf einen Prozess der Enteignung, an den sich heute kaum mehr jemand erinnern mag.
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Psychologen berichten seit Langem von Sonntagsdepressionen. Manche Leute können sich demnach an diesem Tag nicht entspannen, weil sie ständig daran denken müssen, dass ab morgen wieder eine neue, womöglich anstrengende Arbeitswoche bevorsteht.
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Erwerbsarbeit steht im Mittelpunkt einer jeden kapitalistischen Gesellschaft. Wer bei einer Party auftaucht, wird von Unbekannten in aller Regel neben dem Namen zuerst nach seinem Beruf gefragt.
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Auf Geld zu verzichten, um Lebenszeit zu gewinnen, das erscheint den meisten unverständlich, weil Erwerbsarbeit und Leben für die Mehrheit identisch geworden sind.
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ein in Vollzeit angestellter Mensch [verbringt] mehr wache Zeit am Arbeitsplatz […] als mit Familie oder Haustieren, mit Freunden oder Hobbys, mit Muße oder sozialem Engagement.
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Dabei üben schon jetzt die meisten Menschen eine Tätigkeit aus, deren Inhalt ihnen gleichgültig ist, weil sie keinerlei Bezug mehr haben zu dem Produkt ihrer Arbeit. […] Entfremdung. Die Menschen schuften nicht allein darum, weil im Falle einer Verweigerung von Erwerbsarbeit die Beschämungs- und Verarmungsmaschinerie namens Hartz IV wartet. Sie tun es auch, weil sie das natürliche Bedürfnis nach Anerkennung verspüren. Und die gegenwärtige Gesellschaft verteilt Anerkennung vor allem nach dem Erwerbsstatus.
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Mit dem Entstehen der protestantischen Arbeitsethik im 16. und 17. Jahrhundert haben diese Machtverhältnisse einen moralischen Schub erhalten. Seine Arbeitskraft zu ungünstigen Bedingungen an die Eigentümer zu verkaufen, erscheint seither als wahrer Zweck des Lebens, dem alle anderen Bedürfnisse unterzuordnen sind. Zur ideologischen Perfektion hat dieser Umstand im Neoliberalismus gefunden. Gerade die Angehörigen der Generationen Y und Z, also die Jahrgänge seit den frühen Achtzigern, sollen Eigenverantwortung und Flexibilität aus unternehmerischer Perspektive denken. Hochqualifizierte erhalten ebenso wie Hilfskräfte immer häufiger nur befristete Arbeitsverträge. Sie erfahren immer weniger soziale Sicherheit. Sie müssen vielfach den Arbeitsplatz und oft sogar den Wohnort wechseln.
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[…] zu viel Erwerbsarbeit [macht] dumm. Lange Arbeitszeiten schädigen das Kurzzeitgedächtnis, sie beeinträchtigen die Fähigkeit zu logischem Denken, und sie hemmen den Sprachfluss.
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Da in den meisten Jobs ein gewisser Grad an Kompetenz eine wichtige Einstellungsvoraussetzung ist, gehen die Forscher davon aus, dass Karrieristen und Workaholics ungesünder leben und an Geisteskraft verlieren.
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Großkonzerne wie Lebensmittelläden, Bekleidungsgeschäfte und Internethändler leben nicht nur von der Überausbeutung der Menschen aus weit entfernten Weltgegenden, sondern auch von der Strategie, jede Solidarität innerhalb der eigenen Belegschaft zu verhindern.
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[…] die Arbeitswelt [wird] immer undemokratischer. Flache Hierarchien verschleiern die Hierarchien der Unfairness, die sich in den Unternehmen etabliert haben, sei es nun zwischen Leiharbeitern und Stammbelegschaft oder zwischen jenen, die für Toilettenpausen eintreten, und jenen, die sie nicht zu brauchen behaupten.

Je weiter unten jemand in der Einkommenspyramide steht, umso weniger frei kann er entscheiden, auf Teilzeit umzuschalten. Gemeinsam ist den Selbstoptimierern der Mittelklasse und den Neosklaven der Unterklasse jedoch, dass abhängige Beschäftigung die totale Unterwerfung verlangt. Damit sich dem möglichst wenige verweigern, haben Wirtschaft und Politik die Erwerbslosigkeit systematisch unbequemer gemacht. […] «

Christian Baron | der Freitag | 27.12.2018 | Du musst dein Leben ändern – Erwerbsarbeit | https://www.freitag.de/autoren/cbaron/du-musst-dein-leben-aendern

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7 Antworten zu „Es wird Zeit, den Glauben an die Plackerei zu überwinden, denn er macht krank und dumm.“

  1. Pingback: Woche 14: Haken dran | Alltägliches + Ausgedachtes

  2. rotewelt schreibt:

    Ja, man darf wohl wirklich von moderner Sklaverei sprechen. In den meisten Aspekten stimme ich dem Autor zu. Allerdings ist es wohl wirklich so, wie schon Kat schreibt, dass einige jüngere Menschen ihr Leben nicht ausschließlich der Schufterei verschreiben möchten. Die Frage ist, ob das in diesem System klappt.

    Gefällt 2 Personen

  3. kat. schreibt:

    Ich merke allerdings an den Freunden meiner Kinder(Generation frühe 90er),dass dieser Gedanke mittlerweile nicht mehr gilt. Viele wollen einen Job der nicht mehr den ganzen Tag frisst, sondern nehmen sich Auszeiten, vermeiden die freie Wirtschaft, um ihr Leben etwas freier zu gestalten. Auch mit weniger Einkommen. Liebe Grüße Kat

    Gefällt 6 Personen

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