Letzte Ausfahrt Pellkartoffel.

Während er jeden Abend sein Billig-Fleisch in sich verschlang, mit Bier hinunterspülte und sein Schmerbauch immer voluminöser wurde, diätete sie.

abc.etüden | Tulpenzwiebel, kurzweilig, auferstehen

abc.etüden | Tulpenzwiebel, kurzweilig, auferstehen

„Na, was zeigte die Autowaage an?“, „Im Spiegel siehst du doch nur noch die Hälfte deines Körpers.“ oder „Kannst du dich in der Dusche überhaupt noch bewegen?“, waren die netteren anzüglichen Bemerkungen.

Ja, nach dem vierten Kind nach Gang und dem anschließenden jahrelangen Stress mit Kindern, Haushalt, knapper Haushaltskasse und arbeitslosem Mann, hatte sie sich nahezu verdreifacht.

Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, fing er an, sie allumfassend zu bevormunden: wann sie das Haus verlassen durfte und wieder zurück sein sollte, wieviel Geld sie ausgeben durfte und was sie kochen sollte, wann sie still sein musste und was im Fernsehen geschaut wurde, ob und wie lange sie telefonieren durfte und wann er sich auf sie legte.

Von den Schreien und Narben ihrer Mutter hatte sie gelernt, den Mund zu halten, es auszuhalten, es zu ertragen.

Doch sie wollte etwas verändern und fand, abzunehmen, sei für den Anfang das Leichteste.
Ein Fünftel ihres Übergewichtes hatte sie schon verloren.
Mit dem Gewicht änderten sich auch die Beleidigungen: „Ah, es erscheint: Miss Twiggy.“, „Jetzt kommen alle deine Falten mal richtig zur Geltung.“ oder „Bald spüre ich dich ja gar nicht mehr, wenn ich auf dir liege.“.

Wieder einmal war er volltrunken auf ihr eingeschlafen und blies ihr seine Fahne ins Gesicht – da vergegenwärtigten sich alle Erniedrigungen und trieben sie an.

Sie hob ihr Becken, er rollte zur Seite und blieb rücklings liegen, holte aus der Küche die Schüssel mit den übrig gebliebenen Kartoffeln, es gab vorhin Pellkartoffeln; wieder im Schlafzimmer, kniete sie sich auf seinen Brustkorb, stopfte ihm eine Kartoffel nach der anderen in den Mund, Schlund, Speiseröhre und presste ihn solange in die durchgelegene Matratze, bis er nicht mehr zuckte.

 

Die Personen und die Handlung der Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2019/04/21/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-17-18-19-wortspende-von-agnes-podczeck/

Dieser Artikel ist unter CC BY-NC-ND 4.0 lizenziert.
[Teilen erlaubt mit Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitung]


Impressum/Datenschutz/Datensicherheit

Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
Dieser Beitrag wurde unter RSOPfiction abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

25 Antworten zu Letzte Ausfahrt Pellkartoffel.

  1. Nicole Vergin schreibt:

    Beim lesen war ich so in der Geschichte drin, dass ich Erleichterung verspürte, als sie es zu einem Ende gebracht hat. Wozu Kartoffeln doch alles gut sein können…
    LIebe Grüße
    Nicole

    Liken

  2. Agnes Podczeck schreibt:

    Lebending beschrieben. Und ja, leider so oder so ähnlich gewiss schon mehrfach passiert. Ja, meist haben jene Frauen von ihren Müttern solche Verhaltensweisen übernommen; bzw. niemals gelernt und vorgelebt bekommen Nein zu sagen und sich zu wehren.

    Gefällt 1 Person

  3. violaetcetera schreibt:

    Es ist traurig, wie sich eine Beziehung entwickeln kann, aber du hast es sehr lebendig beschrieben.

    Gefällt 1 Person

  4. Katharina schreibt:

    Immerhin sind Pellkartoffeln gesund…krasse Geschichte und wahrscheinlich – abgesehen vom Ende – vielfach Realität.
    Grüße, Katharina

    Gefällt 1 Person

  5. Ulli schreibt:

    Heftig, aber leider vorstellbar.
    liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 1 Person

  6. Anna-Lena schreibt:

    Toll geschrieben, mein Kopfkino hat jeden Satz live erlebt.
    Herzlichen Gruß
    Anna-Lena

    Gefällt 1 Person

  7. Werner Kastens schreibt:

    In Zukunft gibt es bei uns nur noch Kartoffelbrei!

    Gefällt 2 Personen

  8. Myriade schreibt:

    Sehr eindrucksvoll ……

    Gefällt 3 Personen

  9. gkazakou schreibt:

    eine traurige Beziehungsgeschichte, die viel zu lange dauerte, um glücklich zu enden. Toll geschrieben.

    Gefällt 3 Personen

  10. dergl schreibt:

    Fein! Auch das kann passieren, wenn Gewalt in der Beziehung im Spiel ist. Ich nehme sie nicht in Schutz, aber es gibt Frauen wie sie, die keinen andern Weg sehen oder auch nicht wissen, dass es Angebote wie das Hilfetelefon etc. gibt bzw. sich nicht trauen die zu nutzen.

    Gefällt 3 Personen

  11. Gefällt mir – toll geschrieben (auch wenn die Pellkartoffeln fast zu schade für ihn sind). Und die Überschrift dazu – Hammer!

    Gefällt 3 Personen

  12. Christiane schreibt:

    Gruselige Vorstellung, deine Etüde.
    Ich brauche bitte noch einen Kommentar von dir mit dem Link, es ist kein Ping da.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 4 Personen

Hinterlasse hier deinen Kommentar und beachte dabei das Menü/die Seite 'Impressum/Datenschutz/Datensicherheit'. Mit dem Absenden dieses Kommentars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch *.wordpress.com einverstanden:

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.