Verwahrlost.

Er hatte nie ein harmonisches Familienleben kennengelernt – weder bei sich noch bei seinen Freunden – deshalb würde er sich auch keines wünschen können.

abc.etüden | Füße, harmonisch, wünschen

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Es gab Babybilder von ihm, da schob seine Mama den Kinderwagen mit dem Bauch, in der linken Hand die Zigarette und in der rechten das Smartphone.

Ihren sexuellen Trieb lebten seine Eltern ohne Rücksicht auf seine Anwesenheit aus – Mama machte sich auch für fremde Männder nackig; als Kind spielte er das mit seinem Teddybären nach.
Auf einem der drei Fernseher lief YouPorn in Dauerschleife.
Sie schlugen ihn und sagten ihm, was in der Familie abgeht, das bleibe in der Familie, sonst würde er die nächsten Schläge nicht überleben.

In Kindergarten und Schule war er ein blässliches, dünnes und überangepasstes Kind; Elternabende, Sprechtage und Kindergarten- und Schulfeste besuchten er und seine Eltern nie.

Die Versetzungen schaffte er immer nur knapp, diesmal blieb er in der Siebten sitzen.

In seiner Siedlung gehörte er seit sechs Jahren einer festen Gang an; der Stärkere setzte sich durch und hatte das Sagen über die anderen Vier.

Dann kam der Freitagabend, an dem sie die geil aussehende Achtzehnjährige von der Straße weg hinter die Büsche zerrten, ihre Beine an den Füßen auseinanderspreizten und nacheinander das taten, was später ein „schweres Sexualdelikt“ genannt wurde.

Am Montagnachmittag sprachen MitarbeiterInnen des Jugendamtes mit den immer noch fassungslosen Eltern, die sich das Verhalten ihres Jungen nicht erklären konnten, aber froh darüber waren, dass er in Obhut genommen wird; mit dem Begriff „Kindeswohlgefährdung“ konnten sie dabei nichts anfangen.

 

Die Personen und die Handlung der Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2019/07/07/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-28-29-19-wortspende-von-kopf-und-gestalt/

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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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22 Antworten zu Verwahrlost.

  1. Pingback: Etüdensommerpausenintermezzo 2019-I: Die Sache mit dem Adventskalender | Irgendwas ist immer

  2. Werner Kastens schreibt:

    Wenn solche Musik bei uns kursiert: kein Wunder!

    Text dazu (nur für Hartgesottene):
    https://www.google.de/search?safe=active&source=hp&ei=DwwqXYq2JYqMmwWBiavoAQ&q=sex+und+gewalt+lyrics&oq=sex+und&gs_l=psy-ab.1.0.35i39j0i67j0l5j0i67j0l2.1221.5026..8334…0.0..0.101.606.7j1……0….1..gws-wiz…..0..0i131j0i20i263.VR18QPYNmJc

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  3. Anna-Lena schreibt:

    Hammerhart und leider immer wieder bittere Realität.

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  4. violaetcetera schreibt:

    Es ist wirklich schwer, Werte und Mitgefühl zu entwickeln, wenn sie nicht vorgelebt wurden. Und die Eltern, die auch eine Mitschuld tragen, kommen ungeschoren davon. Und eben weil du die Geschichte ohne jede Wertung erzählst, regt sie zum Nachdenken an.

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    • Die jugendlichen Täter sind die letzten Glieder einer verketteten Entwicklung, für die sie nichts können. Die Eltern sind bestraft mit Hoffnungslosigkeit. Sie werden keine Chance haben, ihre prekären Lebensverhältnisse jemals zu überwinden. Die Kraftanstrenung, die nötig ist, Menschen in prekären Lebensverhältnissen wieder eine Aussicht auf „Aufstieg“ zu geben ist genauso groß, wie die Anstrengung, die wir unternehmen müssen, um die Klimakatastrophe/das Klimatrauma abzufedern. Wir brauchen einen Ruck, der durch die Gesellschaft geht. Vielen Dank & liebe Grüße, Bernd

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  5. Christiane schreibt:

    Ich persönlich glaube, dass es solche Leute durch alle Zeiten hindurch gegeben hat: Menschen ohne Moral und Werte, die nicht mal wissen, was das ist.
    Ja, schockiert mich zutiefst und lässt mich ratlos zurück. Nur, wie gesagt: Das ist nicht neu. Aber offenbar sind wir unfähig, aus der Geschichte zu lernen und es besser zu machen. Auch nicht sehr neu, die Einsicht.
    Düstere Geschichte. Sehr schlimm, gerade vor dem aktuellen Hintergrund.
    Liebe Grüße
    Christiane

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    • Ja, es hat es immer gegeben. Der Unterschied zu den 1950er bis 1980er Jahren ist, dass diese Leute heute keine Aussicht mehr haben, ihre Lebensverhältnisse verbessern zu können. Sie sind Opfer einer Umverteilung von unten nach oben. Statt Ressourcen in ErzieherInnen, LehrerInnen, Sozailpädagogen usw usf zu stecken, wird das Geld in den Rachen des militärisch-industriellen Komplexes gesteckt. Das entschuldigt nicht die Taten, lässt sie aber Verstehen und sollte eine Hexenjagd verhindern. Danke & liebe Grüße, Bernd

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  6. gkazakou schreibt:

    Durchaus realistisch. Übel. Und wie geht es nun weiter mit diesem und den anderen drei?
    Ich las übrigens gestern über diese alte Vergewaltigungsgeschichte im Central Park, wo vier schwarze Jungen verurteilt wurden, der eine, 16, kam gleich in Erwachsenenvollzug zu Schwerstverbrechern. Er war, wie sich durch das Geständnis des tatsächlichen Täters nach zehn Jahren herausstellte, unschuldig. Du wirst das alles kennen, aber ich wollte es doch anführen, denn nicht immer ist das Augenscheinliche auch das Wahre. Wenn ich an den massenhaften Missbrauch von Halbwüchsigen durch reiche und sehr „ordentlich“ erzogene Menschen denke, die kaum mal eingesperrt wurden (Beispiel Epsteinund die ihn deckende Cique)…

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    • Um die nicht Strafmündigen wird sich das Jugendamt kümmern, deren Decke immer zu klein ist. D.h. während sich das Jugendamt intensiv um diese Kids bemühen wird, werden andere aus dem Fokus fallen. Um die Strafmündigen wird sich ein Jugendgericht kümmern und die „Strafe“ wird abhängig von deren Vorgeschichte und der Schuld des Einzelnen und der Prognose sein. Vielen Dank & liebe Grüße, Bernd

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  7. diespringerin schreibt:

    Gut beschrieben, nicht zu liken, aber das ist ja auch nicht deine Intention … einen besonders herzlichen Gruß, denn Herz braucht die Welt, nicht wahr, ganz viel Liebesfähigkeit, um nicht zu brechen.

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  8. Katharina schreibt:

    Da ist die Frage nicht weit, wie die Eltern aufgewachsen sind. Sowas trägt sich immer weiter bis es jm schafft das zu durchbrechen.
    Sehr deprimierend, aber toll beschrieben. Man fühlt Entsetzen und Empathie.
    Grüße, Katharina

    Gefällt 3 Personen

    • Ja, es werden immer mehr Familien, die schon seit Generationen in prekären Lebensverhältnissen leben. Es wachsen Kinder heran, die kennen keine (regelmäßig) arbeitenden Eltern. Und spätestens seit Gerhard Schröders SPD und der Regierungsbeteiligung von Grünen sind prekäre Lebensverhältnisse zementiert; keine Aussicht mehr auf Besserung. | Vielen Dank & liebe Grüße, Bernd

      Gefällt 2 Personen

  9. Ariana schreibt:

    Diese ganze Verrohung ist schrecklich…

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    • Die zu einer Verrohung führenden Lebensverhältnisse hat es immer gegeben. Der Unterschied zu der Nachkriegszeit und der Wirtschaftswunderzeit ist, dass die Menschen aktuell keine Aussicht mehr darauf haben, diesen Verhältnissen durch eigene Leistung zu entkommen. Liebe Grüße, Bernd

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  10. dergl schreibt:

    Recht aktuell und ich vermute, dass es Leute gibt, die Ähnlichkeiten sind nicht ganz so zufällig finden, weil es doch seht von aktuellen schlimmen Ereignissen inspiriert wirkt. Ich habe oft in Mülheim zu tun, da ist es noch sehr präsent und fast alles, was in deiner Etüde vorkommt kam da mittlerweile mindestens als Spekulation irgendwo auf den Tisch.

    Gefällt 2 Personen

  11. Sovely Matters schreibt:

    Nach dem Lesen musste ich erst einmal tief durchatmen. Sehr berührend geschrieben.

    Gefällt 3 Personen

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