Wann hast du zuletzt vor jemand anderem geweint? | 170/1000 Fragen

Hannah Baker ist tot. Sie hat sich umgebracht. Unmittelbar davor hat sie 13 Seiten von 7 (Musik-)Kassetten besprochen und 13 Gründe/Personen genannt/benannt, warum/derentwegen sie sich umgebracht hat. Jeder Kassettenseite/Grund/Person ist eine Folge der ersten Staffel der Netflix-Serie „13 reasons why/Tote Mädchen lügen nicht“ gewidmet. Wir lernen Hannah in 12 Stunden kennen und lieben. Wir lachen mit ihr. Wir leiden mit ihr. Und wir sterben mit ihr (gefühlt). In der letzten Folge wird gezeigt, wie Hannah „Bade“-Wasser einlässt, sich in die Wanne legt, mit einer Rasierklinge die Pulsadern aufschneidet und langsam verblutend stirbt. Unerträgliche 3 Minuten lang. Die nächste Szene zeigt, wie Hannahs Mutter sie findet, mit einem Gesichtsausdruck, der gleichzeitig zeigt, dass ihr die Endgültigkeit der Szene bewusst ist und sie es nicht wahrhaben will.

Meine fast vierzehnjährige Tochter hat mich in den Ferien zwei Wochen lang besucht, und sich gewünscht, sich mit mir diese Serie anzuschauen. Die Serie ist jugendgeschützt (PIN-Eingabe erforderlich). Jugendliche sollen sich – zurecht – die Serie nur in Begleitung eines Erwachsenen anschauen. Es ist eine Serie, über die man miteinander sprechen muss, ins Gespräch kommen wird. Wir sehen, welche Kleinigkeiten bereits Mobbing sind, wir erleben, dass die Hilferufe Jugendlicher sehr versteckt sein und im Alltag der Beteiligten nicht wahrgenommen werden können, wir erleben sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen (die leisen, schleichenden, unbemerkten), welche Rolle Drogen spielen können, Allmachtsphantasien Pubertierender und wie wichtig tiefgründige Freundschaften sind. Mein Urteil (auch nach dem zweiten Sehen): hervorragend und besonders wertvoll (nur nicht für Jugendliche allein vor dem Fernseher). Einzelne Rollen/Schauspieler sind nicht hervorzuheben; hier hat jede* sein/ihr bestes gegeben (Kate Walsh als Hannahs Mutter möchte ich trotzdem erwähnen); oft vergisst man, dass man Schauspielern bei der Arbeit zusieht.

Da uns, meiner Tochter und mir, von der ersten Folge an bewusst war, dass am Ende der Serie ein Tod, ein Selbstmord steht, war es nicht die Selbstmordszene (meine Tochter wendete sich drei Minuten vom Gezeigten ab), sondern die Auffindesituation durch die Mutter, die uns beide bitterlich weinen ließ.

Das war das letzte Mal, dass ich vor jemand anderem geweint habe.


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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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4 Antworten zu Wann hast du zuletzt vor jemand anderem geweint? | 170/1000 Fragen

  1. hummelweb schreibt:

    Auch bei mir hat diese Serie einen bleibenden Eindruck hinterlessen. Besonders beeindruckend fand ich die Darstellung der „Wahrheit“ aus der Sicht der verschiedenen Personen. Wir sehen halt immer nur einen kleinen Ausschnitt, und ich finde, das aufzuzeigen, ist den Machern der Serie hervorragend geglückt.

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  2. violaetcetera schreibt:

    Ich habe die Serie auch gesehen. Und genau dieser Punkt „welche Kleinigkeiten bereits Mobbing sind“ ist mir auch hängen geblieben.

    Gefällt 1 Person

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