„Eine Toleranz gegenüber den Feinden der toleranten Gesellschaft ist falsch.“

» […] Walter Lübcke war mutig. Er hat gesagt, man müsse für Werte eintreten, wer das nicht wolle, könne das Land jederzeit verlassen, das sei die Freiheit eines jeden. Deshalb ist er beschimpft und bedroht worden. Deshalb ist er ermordet worden. Deshalb ist er ein Held, dessen Tod nicht vergeblich gewesen sein darf.
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Mordanschläge von Rechtsextremen sind kein neues Phänomen. Bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden zahlreiche Menschen von rechten Tätern ermordet. Eine „schöne“ Auflistung findet man u.a. bei Wikipedia. [1]
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Nach den offiziellen Zahlen der Bundesregierung wurden 76 Tötungsdelikte mit 83 Todesopfern seit 1990 erfasst.
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Andere Statistiken kommen auf wesentlich höhere Zahlen. Die Liste der Amadeu Antonio Stiftung kommt auf 196 Opfer. Aber selbst, wenn man nur die Zahlen der Bundesregierung nimmt, sollte das eigentlich für ein flächendeckendes Grauen ausgereicht haben. Dass die staatlichen Behörden diesem Grauen angemessen Maßnahmen ergriffen hätten, kann ich nicht erkennen. Zu gerne wurde uns vorgemacht, es habe sich jeweils um Einzeltäter gehandelt. Zu gerne sah man die Gefahr von links.
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Allerspätestens seit den NSU-Morden musste jedem klar sein, dass die rechtsterroristische Szene durchaus groß und auch gut organisiert ist.
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Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und als Patriotismus getarnter Nationalismus sind seit Jahren erkennbar. Bereits 2012 schrieb ich in einer Notiz bei Facebook:

Früher war zwar nicht alles besser, aber es war einfacher. Ganz früher trugen sie ihre kackbraunen Hemden, später Glatzen, Bomberjacken und Springerstiefel, rochen nach Bier, grölten dumme Parolen und liefen mit Hakenkreuzen durch die Fußgängerzonen. Sie waren leicht zu erkennen und den meisten Menschen einfach nur zuwider.

Heute gehen sie geschickter vor. Auf den meisten Glatzen sprießen Haare. Die Klamotten sind dezent bis chic. Ihre Propaganda klug, geradezu perfide. Die tumben Schläger sieht man nur noch selten, meist in Fangruppen bei Fußballspielen, ansonsten scheinen die im Keller zu bleiben.
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die Naziterroristen […] vergreifen sich lieber an harm- und wehrlosen Menschen, nicht an denen die mit Polizeieskorte und Personenschutz ausgestattet sind. Insoweit ist auch der Begriff einer braunen RAF reichlich schief. Nö, die knöpfen sich nur leichte Beute vor.
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diese Menschen machen die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gesellschaftsfähig, sie haben keine Berührungsängste zu Nazis und sie dehnen die Grenze des Sagbaren immer weiter aus
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An ihrem süffisanten Grinsen erkennt man schon, dass sie ganz genau wissen, dass ihre Botschaft von den Gesinnungskameraden schon richtig verstanden wird, auch wenn sie immer knapp unter dem Radar der Strafverfolgungsbehörden zu segeln verstehen.
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Jedes Podium, jede Talkshow und jede andere Form der öffentlichen Diskussion mit diesen Feinden der offenen Gesellschaft, ist für die ein Gewinn. Entweder gewinnen sie tatsächlich, weil das Gegenüber ihnen rhetorisch nicht gewachsen ist oder aber sie schlüpfen im Nachhinein in die blaubraune Opferrolle und erklären sich in der Nachbearbeitung zu armen Opfern der bösen Systemmedien.

Ich hoffe […] dass die Befürworter des Dialogs mit Rechten, endlich ihre Bemühungen einstellen, diese zu „demaskieren“ oder Zuhörer durch ihre Diskussionen zum „Umkehren“ zu bewegen. Derartige Versuche […] stärken sogar den Eindruck, es handele sich bei den von diesen Diskussionspartnern vertretenen Positionen um solche, die durchaus gesellschaftsfähig wären.
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Dieses Gedankengut gehört ausgegrenzt, so wie es der evangelische Kirchtag richtig vorgemacht hat.
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Eine Toleranz gegenüber den Feinden der toleranten Gesellschaft ist falsch. […] «

Heinrich Schmitz | Die Kolumnisten | 22.06.2019 | Walter Lübcke darf nicht vergeblich gestorben sein | https://diekolumnisten.de/2019/06/22/walter-luebcke-darf-nicht-vergeblich-gestorben-sein/

[1]: https://de.wikipedia.org/wiki/Todesopfer_rechtsextremer_Gewalt_in_der_Bundesrepublik_Deutschland

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5 Antworten zu „Eine Toleranz gegenüber den Feinden der toleranten Gesellschaft ist falsch.“

  1. nandalya schreibt:

    Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte. Martin Niemöller, deutscher evangelischer Theologe (1892 – 1984)

    Darüber sollten all die „Toleranten“ nachdenken, bevor es ihnen ebenso geht. Der Dialog hat noch nie geschadet, Ausgrenzung schon.

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    • Niemöller meinte aber nicht die Diskussion mit Nazis, sondern die Stimme gegen sie zu erheben und ihnen in den Arm zu fallen. Auch damals gab es zu viele, die gerne mit Nazis diskutierten, meinten, man könne sie „bekehren“ und glaubten, das werde alles schon nicht so schlimm kommen. Der Dialog scheitert daran, weil Feinde der toleranten Gesellschaft lediglich Schein-Dialoge führen.

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      • nandalya schreibt:

        Zugegeben habe ich noch nie mit Nazis geredet, meiner Meinung nach sind die seit 1945 „tot.“ Wer aber andere ausgrenzt, ich spreche von Leuten wie Professor Jörg Meuthen, der nun bestimmt kein „Nazi“ ist, der verweigert einem Mitmenschen den Dialog. Niemand muss Meuthens Meinung teilen, aber reden kann man mit dem Mann. Auch mit den Millionen, für die AfD stimmten. Will man die alle Lager sperren? Ist es wieder soweit? Das politische Versagen gipfelt nun in Intoleranz. Dieses Spiel spiele ich nicht mit. Die Stimme zu erheben bedeutet, dass man Argumente und nicht nur Trillerpfeifen hat.

        Sogar in SPON war vor einigen Tagen ein einigermaßen guter Artikel zum Thema Dialog. Dieser Hass aufeinander, der doch bewusst gegen euch eingesetzt wird, ist nicht mehr normal. Teile und herrsche! Der Staat lacht dabei.

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        • Grundsätzlich hast du recht. | Doch weder diskutiere ich mit einem Raucher über die Schadlichkeit des aktiv und passiv Rauchens noch mit einem Menschen, der der überzeugt ist, dass die Würde von bestimmten Menschen antastbar sei. Und dazu gehört jemand, der meint, er besäße das Recht einen Politiker zu ermorden, dazu gehören diejenigen, die dabei klammheimliche und offen Freude empfinden und dazu gehören die geistigen Wegbereiter solcher Untaten.

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  2. Toleranz gegenüber den Worten und Taten von Intoleranten ist das Ende jeglicher Toleranz.

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