Überfordert.

Inhaltshinweise: Dieser Text enthält Szenen physischer oder psychischer Gewalt, die für sensible Menschen belastend sein können (hier z.B. Selbsttötung, Selbstverletzung, Vernachlässigung)! Die entstehenden Bilder können Flashbacks auslösen und bisher blockierte Erinnerungen freisetzen. Der Autor übernimmt keine Haftung für entstehende psychische oder seelische Schäden. Lesen Sie den Text bitte nicht, wenn Sie entsprechend sensibel oder sensitiv sind.


Festgebunden im Maxi-Cosi saß sie die ersten sechs Monate ihres Lebens vor dem riesigen Fernseher; ihre Mutter, psychisch krank, ging ihren Interessen nach, befriedigte die Bedürfnisse des Babys nicht – mit dieser Traumatisierung musste sie nun den Rest ihres Lebens klarkommen.

abc.etüden | Verzweiflungstat, ambivalent, hingeben

abc.etüden | Verzweiflungstat, ambivalent, hingeben

Mit sieben Monaten kam sie in eine Pflegefamilie; mit sechs wurde sie eingeschult und seitdem war ihr Glas nur noch halbvoll und sie testete täglich, ob man sie noch liebe und das blieb über all die Jahre – man lernte, damit umzugehen und füllte ihr Glas täglich auf.

Mit 13 verliebte sich eine Mitschülerin in sie und sie erwiderte diese Liebe – sie erkannten einander und die Ähnlichkeiten ihres Schicksals.
Sie gaben sich gegenseitig ihrer Liebe hin, verbrachten in der Schule jede freie Minute miteinander und den restlichen Tag chatteten sie; manchmal trafen sie sich außerhab der Schule.

Die Andere testete auch täglich, ob sie sie noch liebe und es entwickelte sich eine On-Off-Beziehung.

Das überforderte sie, ihre Gefühle für die Andere wurden ambivalent, sie liebte und sie hasste sie.

Was folgte, bezeichnete ihre Therapeutin in der Klinik als Verzweiflungstat: eines Abends bekam sie einen Tunnelblick und versuchte, verzweifelt, erfolglos, sich zu ertränken.

Ihrem älteren Bruder vertraute sie sich an, er fand tröstende Worte und beide behielten das Geheimnis für sich.

Dann begann sie sich zu ritzen, was ihrer Mutter nicht verborgen blieb, die sie unverzüglich in eine Klinik für Kinder- und Jugend-Psychiatrie brachte.

Sie lernte, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und deutlich zu artikulieren, sie lernte, Nein zu sagen und sie lernte, loszulassen – gereift konnte sie nach wenigen Wochen die Klinik wieder verlassen.

Die Geschichte wird fortgesetzt (ab 21.09.19): https://redskiesoverparadise.wordpress.com/2019/09/21/ueberfordert-fortsetzung/

Die Personen und die Handlung der Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2019/09/01/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-36-37-19-wortspende-von-ludwig-zeidler/

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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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18 Antworten zu Überfordert.

  1. Pingback: Überfordert (Fortsetzung). | Red Skies over Paradise

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  3. Katharina schreibt:

    Es gibt zu wenig gute Ende bei so Schicksalen, schön dass deine Geschichte eines hat.
    Grüße, Katharina

    Gefällt 1 Person

  4. fundevogelnest schreibt:

    „Das Glas täglich auffüllen“, ja man könnte sagen das ist meine Hauptbeschäftigung seit Jahren.
    Und kaum jemand glaubt einem was ein paar Monate anrichten können.
    Vielen Dank
    Natalie

    Gefällt 2 Personen

  5. violaetcetera schreibt:

    Jeder/m wäre ein so wachsames Umfeld zu wünschen wie die Pflegeeltern deiner Protagonistin. Wenn so ein Verhalten sich über Jahre im Gehirn eingraben kann, wird es schwierig. Und die langen Wartezeiten tun ein Übriges dazu.

    Gefällt 3 Personen

  6. Christiane schreibt:

    Wieder einmal fühle ich mich dir für Wort und Tat zu Dank verpflichtet, hier speziell für die Triggerwarnung.
    1. Darf ich die auch nutzen bzw. als Beispiel verwenden, falls ich sie brauche?
    2. Falls du dafür Quellen genutzt hast (wann sollte man eine setzen, wie formuliert man die), magst du sie mit uns teilen?
    3. Ich freue mich, dass du dich für einen positiven Ausgang entschieden hast. Der ist bei den (immer zu) wenigen zur Verfügung stehenden Plätzen nicht selbstverständlich.
    Liebe Grüße und danke
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

    • Die mehr oder weniger selbstgestrickte Triggerwarnung ist frei verwendbar. Ich habe keine direkte Quelle benutzt, sondern ich erinnerte mich an entsprechende Warnhinweise vor Filmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine Vorschrift für Warnungen gibt. Die FSK wird es lediglich vorbeugend tun, um Diskussionnen von vornherein zu vermeiden. Netflix hat z.B. freiweillig die Selbstmordszene in „Tote Mädchen lügen nicht“ entschärft, aufgrund der öffentlichen Diskussion. Gibt es für schriftliche Veröffentlichungen Altersbeschränkungen? Mir ist nur bekannt, dass Veröffentlichungen jugendgefährdet sein und deshalb von der entsprechenden Bundesprüfstelle indiziert werden können (sie dürfen dann nur von Erwachsenen „erworben“ werden).
      Ich bin davon überzeugt, dass die meisten gleichgelagerten Fälle „gut“ ausgehen.

      Liebe Grüße, Bernd

      Gefällt 1 Person

  7. Myriade schreibt:

    Eine rundum gelungene Triggerwarnung ! Darf ich sie mir bei Bedarf „ausborgen“ ?

    Gefällt 2 Personen

  8. Hoffende schreibt:

    Ach ja, wenn das Ende mal immer so aussehen würde… Ergreifende Geschichte, wie viele mag es davon geben? Es ist einfach traurig.

    Gefällt 3 Personen

    • Die Plätze in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sind dauerhaft belegt; die Kinder und Jugendlichen geben sich die Klinke in die Hand. Und wenn eingespielte Teams auf verständnisvolle Eltern und Schulen treffen, ist die Chance eines Happy-Endes groß. Liebe Grüße, Bernd

      Gefällt 4 Personen

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