„Wir haben Verantwortung, aber sie besteht zunächst darin, zu erkennen, wofür wir nicht verantwortlich sind.“

» […] Der Neoliberalismus missbraucht unser Verantwortungsgefühl, um uns die Schuld für sein Versagen aufzuhalsen.
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„Es liegt an dir“
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„Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“
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Unser Verantwortungsbereich scheint immer mehr zu wachsen, während durch die autoritäre Politik der Mächtigen unser tatsächlicher Einfluss nach und nach schrumpft. Der Einzelne wird dazu angehalten, durch ethische Konsumentscheidungen auf eigene Kosten die Fehler von Politik und Wirtschaft zu korrigieren. Von „Eigenverantwortung“ wird immer dann gesprochen, wenn sich die Institutionen aus der Verantwortung zurückziehen. Und wenn sie uns eine Verschlimmerung unserer Situation aufzwingen wollen. Somit ist Eigenverantwortung heutzutage vor allem das Lieblingswort der Verantwortungslosen.
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Ich putze meine Zähne so gut, dass der Zahnarzt seit vielen Jahren nichts zu meckern hat. Obendrein gehe ich regelmäßig zur Vorsorge. Ich bin meiner Verantwortung also beispielhaft nachgekommen. Die Prophylaxe zahle ich trotzdem aus eigener Tasche, zuzüglich Praxisgebühr. Eine Art Geldstrafe für vernünftiges Verhalten.
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Es wird so getan, als ob in der Verwendung der richtigen Glühbirne der Dreh- und Angelpunkt für die Rettung der Welt läge. Die Wahrheit ist: Nur etwa ein Zehntel des CO2-Ausstoßes entfällt überhaupt auf Privathaushalte, davon circa ein Zwanzigstel auf Beleuchtung, also ein Zweihundertstel. Und von den großen Energienutzern, zum Beispiel der Atomindustrie, werden gewaltige Mengen CO2 sinnlos in die Luft geblasen.
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„Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“
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Die Prasser sind vor allem die reichsten zehn Prozent. Und die Politik tut alles, um deren Riesenvermögen noch weiter anschwellen zu lassen.
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„Mit sich selbst im Frieden zu sein ist auch schön. Aber selbst wenn 99 Prozent der Weltbevölkerung im Frieden sind und 1 Prozent ist es nicht, dann reicht das völlig aus, um Kriege zu führen.“
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Warum kaufen mächtige Multis nicht zum vornherein nur faire Produkte ein? Oder warum verbietet der Staat nicht einfach den unfairen Handel?
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„Wenn ich korrekt einkaufe, gibt es keine Ausbeutung mehr“. Dies könnte ein Fehlschluss sein.
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Die wesentlichen Probleme können nur durch Strukturveränderung und politische Entscheidungen im Großen gelöst werden.
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Naheliegend wäre es zum Beispiel, die Gewinnspanne der Aldi-Brüder bzw. ihrer Erben (Vermögen geschätzte 34 Milliarden) drastisch zu reduzieren. Das Geld könnte eingesetzt werden, um Herstellern fairere Preise zu bezahlen. Auch müsste die Gewinnabschöpfung durch Personen verhindert werden, die keine Eigenleistung erbringen (Aktionäre).
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„Wir werden vom eigentlichen Platz des politischen Geschehens ferngehalten und in die Supermärkte gelotst, wo wir unsere demokratische Verantwortung ausleben sollen, in einem zugewiesenen Reservat der Wahlfreiheit als Ersatz für echte Demokratie.“
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Die Bürger werden von wichtigen Entscheidungen systematisch ausgeschlossen. Zum Beispiel durch die Verweigerung direkter Demokratie […] und durch Verlagerung von Entscheidungen auf die EU-Ebene. Gleichzeitig sollen wir uns „immer verantwortlicher“ fühlen.
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Eigenverantwortung wird immer dann angemahnt, wenn uns jemand dazu zwingen will, Verschlechterungen unserer Lebenssituation hinzunehmen.
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Eigenverantwortung wird von denen angemahnt, die sich aus der Verantwortung zurückziehen wollen, obwohl sie gut dafür bezahlt werden, diese zu tragen.
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„Eigenverantwortung“ ist heute vor allem der Kampfbegriff der Unverantwortlichen.
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Besonders problematisch ist der Satz: „Wer zuschaut, ist mitschuldig“. Er führt, wörtlich genommen, sehr schnell zu einem „Zuständigkeitsburnout“.
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Wer sich allerdings für den ganzen Globus zuständig fühlt, kommt schnell an seine Grenzen.
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Da sich das Kollektiv zunehmend weigert, Verantwortung für uns zu übernehmen, sind wir dauernd damit beschäftigt, für uns selbst zu sorgen. In der Folge haben wir nicht mehr die Kraft, Verantwortung für das Kollektiv zu übernehmen.
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Es stellt sich die Frage, wie es möglich war, Verantwortung so massiv auf den „einfachen Bürger“ abzuwälzen. Zunächst ist der Verantwortungstransfer natürlich eine psychische Selbstentlastung der wirklich Mächtigen.
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Zweitens sollen natürlich die finanziellen Nachteile verantwortlichen Handelns auf uns verschoben werden. Mir erscheint aber noch ein dritter Grund wichtig: Die dunkle Schwester der Verantwortung ist die Schuld. Und mit Schuldgefühlen kann man Menschen manipulieren.
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„Die Menschheit soll denken, sie sei wegen zu wenig Intelligenz, Kompetenz oder Bemühungen die einzig Schuldige ihres Nicht-Erfolgs. Das ‚System’ wirkt also einer Rebellion der Bevölkerung entgegen, indem dem Bürger suggeriert wird, dass er an allem Übel schuld sei, und mindert damit sein Selbstwertgefühl.“
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Sie [die Verantwortung] besteht darin, die bestehenden Machtstrukturen anzugreifen und zu stürzen. Die Kräfte also, die darüber entscheiden, dass unsere Steuergelder in Kriegsgerät fließen. Jene, die bestimmen, dass das Volk Geld nur als Schuldgeld von Privatbanken beziehen kann. Jene, die das Geld in einem wahnwitzigen legalen Raubzug ständig von unten nach oben pumpen.
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Wer die Verantwortung für alles übernimmt, neigt zur Nabelschau, anstatt an der Umwälzung der Verhältnisse zu arbeiten.
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Das kann bedeuten, auf die Strasse zu gehen, Plätze zu besetzen und Banken zu umzingeln. Das kann bedeuten, bei Regen und Kälte draußen zu stehen und durch die bedrohlichen Spaliere hochgerüsteter Polizisten zu marschieren. Das kann auch bedeuten, den Ungehorsam zu proben und dafür negative Konsequenzen in Kauf zu nehmen.
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Es ist einfach bequemer, Fairtrade-Rosen für 3 Euro zu kaufen, als auf die Strasse zu gehen und sich mit der Macht anzulegen.
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Das […] verursacht Angst, ist riskant.
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die Veränderung muss bei jedem Einzelnen anfangen. Aber sie darf nicht dort aufhören. Wir haben Verantwortung, aber sie besteht zunächst darin, zu erkennen, wofür wir nicht verantwortlich sind. «

Roland Rottenfußer | RUB|KON | 27.07.2019 | Die Verantwortungslüge | https://www.rubikon.news/artikel/die-verantwortungsluge

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