„Wir müssen an die Wurzeln der gegenwärtigen Machtverhältnisse gehen.“ | „„System Change, not Climate Change!““

» […] Das Klimaproblem ist untrennbar mit der Frage verbunden, in welcher Art von Gesellschaft und in welcher Wirtschaftsordnung wir nicht nur überleben, sondern auch menschenwürdig leben können. Dabei geht es buchstäblich um alles, nämlich die menschliche Zivilisation.
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Die Fridays for Future-Bewegung und andere Klimabewegungen sind notwendig, erfreulich und begrüßenswert!
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In der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation […] ist jede Form außerparlamentarischer emanzipatorischer Bewegungen zu begrüßen.

Bei dem lange verdrängten Thema einer drohenden Klimakatastrophe haben die Fridays for Future- und die Extinction Rebellion-Bewegung überhaupt erst wieder für die erforderliche mediale Aufmerksamkeit gesorgt. Zugleich haben sie in der jüngeren Generation eine erfreuliche Repolitisierung bewirkt.
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Nie zuvor war einer Generation die Entscheidung darüber aufgebürdet, ob die menschliche Zivilisation, wie wir sie kennen, weiter bestehen kann oder nicht.
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handelt es sich ja gar nicht um Aspekte einer ernsthaften Debatte, also um einen halbwegs rationalen Austausch von Argumenten. In diesem Sinne ist es auch wenig sinnvoll, davon zu sprechen, dass sich hier zwei Positionen gegenüberstehen, zwischen denen man in rationaler Weise vermitteln könnte. Man würde ja auch nicht davon sprechen wollen, dass sich mit Vernunft und Unvernunft zwei vermittelbare Positionen gegenüberstehen.
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Durch die historische Entwurzelung fehlt vielen ein stabiler innerer politischer Kompass. Das ist natürlich von den Zentren der Macht intendiert, und sie verfügen über ausgefeilte Mittel, diese Verluste politischer Orientierung zu erzeugen und zu fördern.
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Tatsächlich zeigt diese Personalisierungsdiskussion noch einmal, wie erfolgreich die Zentren der Macht bewährte Spaltungstechniken einsetzen, mit denen sich Erfolg versprechende, das heißt für sie möglicherweise bedrohliche emanzipatorische Bewegungen zersetzen und neutralisieren lassen.

Bei der Klimadebatte können wir zwei bewährte Spaltungstechniken erkennen: Eine besteht darin, ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem auf so hochgradig technische Teilaspekte zu verengen, dass ein erheblicher Teil der öffentlichen Veränderungsenergie in Pseudodiskussionen dieser technischen Aspekte absorbiert und somit neutralisiert wird. Die zweite Technik macht sich unsere natürliche Vorliebe für Personalisierungen zunutze.

Diese Vorliebe ist gleichsam eine ‚Schwachstelle‘ unseres Geistes, die sich für alle möglichen Manipulationen wirkungsvoll nutzen lässt; auch die Regenbogenpresse lebt von ihr. Um sie für Spaltungszwecke zu nutzen, muss man zunächst darauf zielen, dass eine soziale Bewegung mit einzelnen öffentlich besonders sichtbaren Vertretern identifiziert wird.

Man muss also gezielt einzelnen Personen große mediale Resonanz und Prominenz verleihen. Wenn dann die Bewegung aus Sicht der Herrschenden zu erfolgreich wird, lässt sich die gesamte Bewegung leicht spalten, indem man ihre prominenten Vertreter durch einen geeigneten Rufmord diskreditiert.
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die Klimabewegung hat zwar in der momentanen medialen Breitenwirkung etwas mit Greta Thunberg zu tun. In ihren objektiven Ursprüngen, im Klimaproblem ist sie jedoch von Greta Thunberg völlig unabhängig.
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Personalisierungen sind ein bewährtes Spaltungsinstrument.
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allgemein sprechen historische Erfahrungen dafür, dass die jeweils Herrschenden grundsätzlich versuchen, alle an die Wurzeln ihrer Machtverhältnisse gehenden Lösungen zu verhindern und damit insbesondere alle demokratischen. Daher zielen sie seit jeher darauf ab, soziale Bewegungen, die sich möglicherweise einmal zu einer kritischen Masse formen und somit politisch wirksam werden könnten, gleichsam präventiv zu spalten und zu neutralisieren.
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Daher betreiben die ökonomischen Machtzentren schon jetzt einen erheblichen Aufwand, um zu verhindern, dass der Klimadiskurs „aus dem Ruder läuft“ und die wirklichen Ursachen in den Blick geraten könnten. Wie stets werden sie dabei von den großen Medien und willfährigen Intellektuellen massiv unterstützt.
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Tatsächlich jedoch sah Martin Luther King kapitalistische Gewalt als wesentliche Wurzel rassistischer Gewalt an. Er kritisierte den Kapitalismus scharf und sprach sich für einen demokratischen Sozialismus und eine radikale Transformation der Gesellschaft aus.
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Es gibt mittlerweile Beispiele genug, die zeigen, dass von oben verordnete Kämpfe — sei es gegen Populismus, gegen fake news, gegen rechts, gegen den Terror — in Wirklichkeit nicht der Bekämpfung dessen dienen, was sie zu bekämpfen vorgeben, sondern vielmehr zur Stabilisierung von Machtverhältnissen.

Wenn nun von oben ein Kampf gegen den Klimawandel ausgerufen wird, so kann man annehmen, dass die ökonomisch und politisch Mächtigen weniger das Gemeinwohl als ihr eigenes im Auge haben.
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Die Frage, wie sich eine Klimakatastrophe abwenden lässt, ist also für sie eher nachgeordnet, weil sie die Chancen hierfür eher gering einschätzen. Was sie jedoch hier und heute interessiert, sind die wahrlich paradiesischen Möglichkeiten, aus den wachsenden gesellschaftlichen Ängsten vor einer Katastrophe Gewinne nie gekannten Ausmaßes zu erwirtschaften.
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Machteliten: Sie wollen schon jetzt so gut es geht sicherstellen, dass sie dann, wenn es schließlich zu einer Klimakatastrophe kommt, immer noch sehr viel besser dastehen als der Rest der Bevölkerung.
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Denn den ökonomischen Zentren der Macht ist natürlich nur allzu bewusst, dass sich bei der ohnehin schon gegebenen gigantischen sozialen Ungleichheit auf demokratischem Wege keine Maßnahmen durchsetzen lassen, die die Kosten einer drohenden Klimakatastrophe überwiegend den nicht-besitzenden Schichten auferlegen.

Den ökonomischen Zentren der Macht geht es daher darum, heute schon die gesellschaftlichen Plätze für die durch eine Klimakatastrophe hervorgerufenen schweren sozialen Verwerfungen zu ihren Gunsten festzuzurren und entsprechend Platzkärtchen für Gewinner und Verlierer zuzuweisen. Diejenigen, die heute schon zu den Verlierern gehören, sollen auch dann — und zwar in verschärfter — Weise wieder zu den Verlierern gehören.
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Es entbrennt also gerade ein ganz realer Kampf um die letzten Plätze auf der neuen Arche, der bereits heute geplant und vorbereitet wird; die immensen und beständig wachsenden totalitären Tendenzen sind ja nicht mehr zu leugnen.
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Hoffnung auf eine wirkliche Lösung des Klimaproblems kann es de facto nur geben, wenn wir die Probleme wieder dort lokalisieren und behandeln, wo sie liegen: auf der politischen Ebene, insbesondere der Ebene unserer Wirtschaftsordnung und ihrer zerstörerischen Auswirkungen.
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In jedem Fall sollten wir aber nicht vergessen, dass der Kapitalismus einen großen Magen hat und sich wirklich alles einverleiben kann, selbst den Widerstand gegen ihn. Auch Hoffnung und Optimismus sind ja längst etwas, das sich für machtpolitische Zwecke gezielt manipulieren lässt — Barack Obama verstand sich ja in besonderer Virtuosität darauf, Hoffnung in eine Stabilisierung von Macht zu verwandeln.
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Auch müssen wir uns klarmachen, dass wir emanzipatorische Kämpfe für spezifische Einzelziele, seien es Klima, Frieden oder Menschenrechte oder sei es gegen ökologische Zerstörungen, gegen Hunger, gegen Rassismus oder gegen Neokolonialismus, nicht voneinander isoliert betrachten dürfen. In dem Maße, in dem die genannten Probleme mit der Funktionslogik des Kapitalismus verbunden sind, müssen sie auch als verbunden behandelt sowie bekämpft werden, sonst bleibt der Kampf letztlich wirkungslos.

Der gegenwärtige globalisierte Finanz- und Konzernkapitalismus verschont in seinen neokolonialen Aneignungs- und Ausbeutungsbedürfnissen keinen Winkel der Erde mehr. Dieser kapitalismusgetriebene Raubbau an unseren ökologischen Lebensgrundlagen — Wasser, Luft, Land und das gesamte Ökosystem — ist ein Raubbau an unserer Zukunft.
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Raubbau an den ökologischen Lebensgrundlagen ist Raubbau an der Zukunft künftiger Generationen sowie der menschlichen Zivilisation insgesamt. Daran muss tagtäglich erinnert werden, um die Öffentlichkeit für die notwendigen Transformationen zu gewinnen.
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„Klimaskeptiker“ […]: 1. in der Sache gibt es keinerlei wissenschaftlichen Spielraum für eine solche Gegenbewegung und 2. eine solche Gegenbewegung ist im Wesentlichen eine Astroturf-Bewegung, das heißt, sie gibt vor, von unten zu kommen, ist tatsächlich jedoch als Bewegung von oben erst konzipiert und schließlich produziert und orchestriert worden.
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der hohe Grad an subjektiver Überzeugtheit, mit dem Teilzeit-Hobby-Geophysiker ihre Intuitionen gegen wissenschaftliche Einsichten geltend zu machen suchen.
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wenn wir uns zunächst klarmachen, dass es unter allen Herausforderungen der Natur, mit denen der Mensch in der Zivilisationsentwicklung konfrontiert war, keine gegeben hat, für deren Bewältigung wir in unseren evolutionär geformten Möglichkeiten so schlecht mental ausgestattet sind wie für eine Bewältigung einer anthropogenen Klimakatastrophe.

Nie zuvor in der Zivilisationsgeschichte des Menschen ergab sich eine Notwendigkeit, unsere ökologischen Lebensbedingungen in der dynamischen Ganzheit ihres Zusammenspiels theoretisch zu erfassen und zu verstehen — um als menschliche Zivilisation oder gar als Spezies überleben zu können.

[…] Erst der durch unsere Wirtschaftsordnung herbeigeführte Raubbau an unseren Lebensgrundlagen führte zur gegenwärtigen Bedrohungssituation.
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Das bedeutet konkret, dass wir unsere entsprechenden natürlichen geistigen Beschränkungen nur durch kollektive intellektuelle Anstrengungen, also mit den Mitteln der Wissenschaft überwinden können.
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Die einen haben Angst vor einer Zerstörung der Lebensgrundlagen. Die anderen haben Angst vor einer „Ökodikatur“.
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Auch eignet sich das Klimathema in besonderer Weise für Herrschaftstechniken einer systematischen Angsterzeugung.

Die ökonomischen Zentren der Macht werden bei einer kommenden Klimakrise in jedem Fall ein breites Spektrum von Techniken eines Angstmanagements nutzen, um ihre Interessen zu verteidigen.
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eine demokratische Legitimation bedeutet ja gerade, dass Lösungen nicht durchsetzbar sind, die zu Lasten der Mehrheit der Bevölkerung gehen.
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die schon mehrfach angesprochenen autoritären Entwicklungen, […] dass auf allen Ebenen gesellschaftlicher Organisation, insbesondere auf allen Ebenen der exekutivischen Apparate, zunehmend autoritäre Strukturen eingeführt und verrechtlicht werden.

Dieser Prozess wird bereits seit längerem intensiv, wenn auch für die Bevölkerung kaum wahrnehmbar, vorangetrieben — von Polizeigesetzen über alle möglichen Arten exekutivischer Ausführungsgesetze bis hin zu einem autoritären Konstitutionalismus. Er ist eine zwangsläufige Folge davon, dass Kapitalismus und Demokratie trotz ihrer zeitweiligen Symbiose letztlich miteinander unverträglich sind und dass die neoliberalen Spätformen des Kapitalismus nur in Verbindung mit einem autoritären Sicherheits- und Überwachungsstaat lebensfähig sind.
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Wir benötigen in mehrfacher Hinsicht eine breitere Perspektive, da der Klimawandel lediglich ein Symptom ist und wir daher auch bei den Mitteln zu seiner Bewältigung sehr viel grundsätzlicher vorgehen müssen.
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dass die Politik ihre Versprechen grundlegender Änderungen allein schon deswegen gar nicht einlösen kann, weil die erforderlichen Änderungen Eigentumsverhältnisse berühren, die mittlerweile durch nationales und internationales Recht nahezu unantastbar sind.
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Der globalisierte Kapitalismus hat ihre Verrechtlichung [des Eigentums] zu einem Extrempunkt getrieben und sie ein für allemal einer demokratischen Kontrolle entzogen. Damit hat er sich selbst gleichsam auf Ewigkeit verrechtlicht, sich also eine Art Ewigkeitsgarantie verschafft. […] «

Rainer Maufeld, Jens Wernicke | RUB|KON | 08.10.2019 | Die neue Arche | https://www.rubikon.news/artikel/die-neue-arche

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