„Freude und Empathie sind den Linken eigen, weil sie zutiefst menschlich, verbindend und stärkend sind.“

» […] Es ist sehr einfach, keinerlei Hoffnung zu haben. Oder sich vor der Dummheit und Bösartigkeit des Spätkapitalismus misanthropisch in die eigene Innenwelt zurückzuziehen. Alles deutet fast überall scheinbar auf den Untergang hin.
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Doch dann, wenn ich mich von der überwältigenden Finsternis abwende, durchdringt ein Gegenimpuls meine Gedanken, und ich denke an Goethe und Nietzsche: Lebensbejahung ist trotz allem eine tiefere Wahrheit als Pessimismus und Verzweiflung.
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Letzteres ist genau das, was man – wenn es nach den Chefbürokraten, den Beherrschern der Welt, geht – fühlen soll, damit man nichts unternimmt und sie reicher werden lässt. Kaum eine andere Stimmung ist weniger revolutionär als der Zusammenbruch des Willens, Apathie oder absolute Hoffnungslosigkeit. Es ist anspruchsvoller, produktiver, und in gewisser Weise auch schöner, ja gar moralischer, zu bejahen und nicht nur zu verneinen.

Und so finde ich es wichtig, beim trostlosen Lesen Pausen einzulegen und mich an kleine Freuden und an Hoffnung zu erinnern. Es ist notwendig, seine Willenskraft regelmäßig zu erneuern – ein Imperativ, dem ich persönlich nur dadurch gerecht werde, dass ich meinen Kopf von allem befreie, was auch nur entfernt bürokratisch, institutionell und autoritär erscheint.
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Das ist der Geist, der die Linken animieren sollte und dies auch tut – dieser freiheitsliebende, anarchistische Geist purer kreativer Individualität. Der natürlich mit einem kreativen und demokratischen Kollektiv einhergeht, denn in einer wirklich demokratischen Gesellschaft ist „die freie Entwicklung des einzelnen die Voraussetzung für die freie Entwicklung aller“.

Alles, was Hoffnung und Lebensfreude zerstört, sollten wir den Rechten überlassen, denn schließlich definiert sich die Rechte durch ihr Bekenntnis zum Menschenverachtenden:

Hierarchie, Kapitalakkumulation, Vorrang von Profit vor Menschenliebe, Privatisierung und extreme Vereinzelung, Umweltzerstörung, Hass auf andere, engstirniger Nationalismus, imperialistische Gräuel et cetera. Apathie und Hoffnungslosigkeit sind angemessene rechte Emotionen; Bürokratie und institutionelles Denken sind rechte Phänomene […]. Freude und Empathie sind den Linken eigen, weil sie zutiefst menschlich, verbindend und stärkend sind.

Bei der Aufgabe, sich rechter Charakteristika zu entledigen und einen positiven Blick auf die Zukunft aufrechtzuerhalten, ist es auch wichtig, Unvoreingenommenheit zu pflegen. Von den Rechten erwartet man Voreingenommenheit, nicht nur wegen der grundsätzlichen Abschottung einer „autoritären Persönlichkeit”, sondern auch wegen der Quintessenz reaktionärer Ideologien, die (explizit oder implizit) dem Gedanken der Hierarchie und Autorität verpflichtet sind.

Die linke Wertschätzung von Vernunft, Dialog, Demokratie, Empathie dagegen sollte auch die Bereitschaft mit sich bringen, das Positive an entgegengesetzten Sichtweisen zu berücksichtigen, anstatt sie reflexartig anzugreifen. Es ist daher eine traurige Ironie, dass innerhalb der Linken so viel Borniertheit und Sektierertum vorherrschen.

Ob nun Marxisten, Anarchisten, Leninisten, Feministen, Linksliberale oder eine andere der unzähligen Gedankenschulen – Feindseligkeit gegenüber potentiell konkurrierenden Ideen ist bedauerlicherweise weit verbreitet.
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Mehr Offenheit gegenüber anderen nicht-reaktionären Strömungen und mehr Willen zur Zusammenarbeit mit ihnen bedeuten mehr politische Effizienz, mehr Solidarität und somit mehr „Ermächtigung“ sowie einen weniger verengten, kleinkarierten, bitteren, misanthropischen individuellen Charakter und eine weitläufigere, großzügigere Sicht auf die Menschheit und das Leben selbst. Übrigens ist eine solche Haltung ohnehin ganz grundsätzlich die Verwirklichung einer linken Moral.

Eine andere Möglichkeit, Verbitterung und Verzweiflung zu überwinden, liegt darin zu würdigen, in welchem Ausmaß linke Ideale bereits Einzug in den Alltag gefunden haben. Denn die menschliche Natur hat eine feste anarchistische und kommunistische Komponente (vergleiche Kropotkins Klassiker „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“).
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Der einzige Grund, warum eine Gesellschaft überhaupt funktioniert, besteht darin, dass sie von einem engen antikapitalistischen Netz aus Teilen, Helfen und Kooperieren zusammengehalten wird, in dem jeder einem Bedürftigen im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas gibt, und sei es nur ein Rat, Mitgefühl, Hilfe bei einer Aufgabe, oder ein wenig Geld. Ein Linker zu sein bedeutet letztendlich, diesen „Basiskommunismus” zu einem bestimmenden Prinzip sozialer Organisation erheben zu wollen – nicht um seiner selbst willen, sondern weil das Ziel von Freiheit und Macht für das Volk damit näher rücken würde.
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wir [können] in Dankbarkeit spontanen Kommunismus und mitfühlende Freude würdigen, die fortwährend der Tiefe der menschlichen Psyche entspringen.
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in der Ära von Donald Trump ist ein neuer Faktor hinzugekommen – echte Hoffnung, dass eine breite Gegenreaktion auf den Neoliberalismus aufkommt. Endlich! Nach 40 Jahren wird es aber auch Zeit. Und da der Neoliberalismus einfach nur gedopter Kapitalismus ist, wird der Kapitalismus selbst für mehr und mehr Menschen zum Angriffsziel – zum Entsetzen „moderater Demokraten“.

Die einst lebhafte Mitte zerfällt, während semi-faschistische Rechte und semi-sozialistische Linke aus der Asche steigen.
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Geschichte lehrt uns ja auch, dass sich schneller Fortschritt eher in Krisenzeiten vollzieht, wenn Menschen radikalen Ideen gegenüber offen sind.
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Der nächste, unvermeidliche wirtschaftliche Zusammenbruch wird soziale Bewegungen auf die gleiche Weise wachrütteln und den „Widerstand“ stärken und radikalisieren, der gegenwärtig in den Kinderschuhen steckt.
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die Grundidee einer kolossalen finalen Konfrontation zwischen dem Kapital und der Mehrheit der Menschheit war korrekt. Nur wird diese „finale“ Konfrontation über Generationen andauern. Und sie begann nicht vor hundert Jahren, sondern setzt erst jetzt ein. Und auf dem Spiel steht so viel, dass diese Epoche als die Klimax der Menschheitsgeschichte gelten kann.
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wir [müssen] der Hoffnungslosigkeit die Stirn bieten, indem wir uns vergegenwärtigen, dass düstere Zeiten nichts Neues sind, dass Fortschritt selbst in schlimmeren Zeiten als heute erreicht wurde, dass das Leben voller Freuden und Genüsse ist, die wir zu sehr als selbstverständlich ansehen, dass es notwendig ist, sich mit allen Genossen zu vereinen, auch wenn wir in Einzelheiten unterschiedlicher Meinung sind, und dass auch Leute, die nicht oder noch nicht links sind, auf der Grundlage ihrer gemeinsamen Bedürfnisse und Sympathien angesprochen werden können. […] «

Chris Wright | RUB|KON | 23.08.2018 | Jenseits der Verzweiflung | https://www.rubikon.news/artikel/jenseits-der-verzweiflung

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Eine Antwort zu „Freude und Empathie sind den Linken eigen, weil sie zutiefst menschlich, verbindend und stärkend sind.“

  1. alphachamber schreibt:

    Hallo!
    Wenn ein Linker sich auf Nietzsche und Goethe beruft, ist er der Vernunft noch nicht gaenzlich verloren.

    „…wirklich demokratischen Gesellschaft ist „die freie Entwicklung des einzelnen die Voraussetzung für die freie Entwicklung aller“.“
    Das macht Sie aber zu einem Liberitarier.

    „Hierarchie, Kapitalakkumulation, Vorrang von Profit vor Menschenliebe, Privatisierung und extreme Vereinzelung, Umweltzerstörung, Hass auf andere, engstirniger Nationalismus, imperialistische Gräuel et cetera. Apathie und Hoffnungslosigkeit sind angemessene rechte Emotionen; Bürokratie und institutionelles Denken sind rechte Phänomene […]. Freude und Empathie sind den Linken eigen, weil sie zutiefst menschlich, verbindend und stärkend sind.“

    Da haben wir wohl Stalin, Mao, Pol-pot und Kim Jong-un total missverstanden, lol

    Duerfen wir Sie noch sachte darauf hinweisen, dass zwischen links und rechts eine winzige Mehrheit haust: Konservative Bourgeosie, die dem Volk mit Kultur, Traditionen und Sitte ihre Seele verleiht…

    MFG

    Liken

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