Uneinsichtigkeit.

Sie standen am Rheinufer um ein Lagerfeuer, grillten, tranken Bier, der Ghetto-Blaster spielte die neuesten Hits und die Stimmung der neun Jugendlichen war ausgelassen.
Bis die Polizisten erschienen.

abc.etüden | Forsythien, lächerlich, erfrieren

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Sie fragten die Jugendlichen, ob sie die Tage etwas von der Ersten und Zweiten Coronabekämpfungsverordnung Rheinland-Pfalz gehört hätten.

„Yo.“, antworteten sie, und fragten, was sie das anginge, sie wären jung und nicht gefährdet.

Die Polizisten stellten die Personalien der Jugendlichen fest, erteilten einen Platzverweis und ordneten getrenntes Nachhausegehen an; die Personalien leiteten sie weiter ans Ordnungsamt.

Am Nachmittag des nächstens Tages ließ der Leiter des Ordnungsamtes die Jugendlichen zuhause abholen und zum städtischen Krankenhaus fahren; es kam ihnen so lächerlich vor.

Blauer Himmel, Sonnenschein, in den Beeten des Vorplatzes blühten die Forsythien in voller Pracht und die Jugendlichen gingen mit einem süffisanten Lächeln ins Foyer.

Dort ließ man sie Atemmasken und Einmalhandschuhe anziehen und brachte sie an die Glasscheibe der provisorischen Quarantäne-Intensiv-Station.

Konfrontiert mit dem was sie hinter der Scheibe sahen und hörten, erfror ihnen ihr überhebliches Lächeln im Gesicht.

Unzählige PatientInnen an Beatmungsgeräten, ebensoviele röchelnd und nach Luft ringend, gekrümmt in ihren Betten, und gerade zogen Schwestern Decken über die Köpfe zweier gerade Verstorbenen  – –  als sie begriffen schämten sie sich in Grund und Boden.


Die Personen und die Handlung der Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.


Inspiration: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/03/15/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-12-13-20-wortspende-von-elke-h-speidel/


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Über Red Skies Over Paradise

»Das Leben ist nie etwas, es ist nur die Gelegenheit zu einem Etwas.» - Friedrich Hebbel
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7 Antworten zu Uneinsichtigkeit.

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 14.20 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

  2. fundevogelnest schreibt:

    Never ever würde ich das zulassen, falls ich bei so einem Ortsamtsausflug Schichtleitung wäre.
    Ich würde da solche Vollpfosten nicht stehen haben wollen, von denen wohlmöglich noch eine(r) kollabiert. Mit diesem voll krassen Erlebnis gehen die am Ende noch hausieren.
    Schwerkranke und Sterbende sind kein Zoo.
    (Deine immer geschätze Art zu erzählen ist nicht Geghenstand dieser Fundamentalkritik.)
    Liebe Grüße
    Natalie

    Gefällt 1 Person

    • Manchmal hilft nur Konfrontation (mit den Opfern). – Jugendrichter können ein Lied von der Wirksamkeit von Sozialstunden singen. Hier genügte offensichtlich ein Blick aufs Elend. Liebe Grüße, Bernd

      Liken

      • fundevogelnest schreibt:

        Ich gehe aber davon aus, dass die Opfer hoffentlich mit dieser Konfontration einverstanden sind.
        Schwerkranke und Sterbende sind keine Anschauungsobjekte.
        Wenn jemand der das überlebt später Fotos von sich mit Beatmung zur Warnung ins Netz stellt , ist das z.B. etwas ganz anderes.
        Liebe Grüße
        Natalie

        Gefällt 1 Person

  3. Werner Kastens schreibt:

    Information ist nicht immer gleich Verstehen und erst recht nicht angemessen Handeln. Ein Lernprozess, der bei manchen wohl länger dauert und bezüglich der Begründung zumindest bei den schulpflichtigen Jugendlichen im letzten Unterricht nicht nachdrücklich genug hingewiesen wurde.

    Gefällt 2 Personen

  4. Christiane schreibt:

    Eben. Man kann auch schwer erkranken oder sterben, wenn man nicht zur Risikogruppe gehört.
    Liebe Grüße, bleib auch du gesund
    Christiane 😀☕🍪👍🌞

    Gefällt 1 Person

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