„Das Problem ist der Fleischhunger in der sich ausweitenden Gesellschaft.“

» […] Die Gefahr für mehr Seuchen bezeichneten Sie früher bereits als „sehr wahrscheinlich“. Als Auslöser vermuteten Sie Erreger über Nutztiere in der intensiven Landwirtschaft in den nächsten 100 bis 200 Jahren. Jetzt heißt es aber, dass die Übertragung des Virus auf einem Markt in China erfolgt sei, nicht durch Massentierhaltung von Rindern und Schweinen. Lagen Sie hier falsch?

Zunächst einmal würde ich schätzen, dass der Markt in Wuhan nicht die Quelle war, sondern ein Verbreitungspunkt. Da wurde das Virus wahrscheinlich hineingetragen und zwar über einen Menschen. Das ist mein Bauchgefühl, ich habe keine Daten – erstaunlicherweise gibt es auch aus China noch keine. Das Virus verbreitet sich dort, wo Tiere gezüchtet werden. Und Händler gehen an solche Orte.

Was hat das mit Massentierhaltung zu tun?

Ich glaube schon, dass Massentierhaltung eine Rolle spielt, allerdings nicht, wie wir uns das im Westen vorstellen. Massentierhaltung – das ist im arabischen Raum auch das Kamel und in China der Marderhund für das Fell an der Kapuze. 2003 wurde eine Studie publiziert, die besagt, dass auf Märkten nicht nur in Schleichkatzen SARS gefunden wurde, sondern auch in Marderhunden. Ich vermute seit einiger Zeit, dass da ein Problem schlummert. Marderhunde werden massenhaft gezüchtet, daran hängt eine große Textilindustrie. Aber bislang kenne ich keine neue Studie aus China, die gezielt nach Viren in diesen Tieren gesucht hätte.

Also sollte China seine Massentierhaltung überdenken?

So einfach ist das nicht. Bei einem der vier Erkältungs-Corona-Viren, die wir bislang beim Menschen kannten, kann man fast mit Sicherheit sagen, dass es vor etwa 150 Jahren aus dem Rind zum Menschen kam. Als MERS ausbrach (Anm. der Red.: eine durch Coronaviren verursachte schwere Atemwegserkrankung, die 2012 wahrscheinlich auf der Arabischen Halbinsel ihren Ursprung hatte), kam das Virus von Kamelen. Die wiederum tragen auch ein Rinder-Corona-Virus in sich, wie wir bei Untersuchungen festgestellt haben. Und zudem einen engen Vorfahren eines menschlichen Coronavirus.

Fakt ist, dass bei SARS, MERS und SARS CoV-2 die Schranke vom Tier zum Menschen übersprungen wurde. Gibt es unabhängig von Massentierhaltung noch Ideen, wie man da eine Art Riegel einschieben kann?

Durch Management von Beständen (Anm. der Red.: Verbesserung der Nutztierhaltung, z.B.: weniger Vieh pro Fläche, kein Zusammentreffen von ganz verschiedenen Arten usw. ).

Gilt das auch für die Tierhaltung in westlichen Ländern?

Der aktuelle Grund sollte jetzt sehr überzeugend sein, notwendige Veränderungen in Angriff zu nehmen. Das Problem ist der Fleischhunger in der sich ausweitenden Gesellschaft. […] «

Christian Drosten, Anika Geisler, Mathias Schneider | stern | Virologe Christian Drosten: „Wir haben in Deutschland einige Vorteile gegenüber anderen Ländern“ | https://www.stern.de/gesundheit/virologe-christian-drosten—wir-haben-in-deutschland-einige-vorteile-gegenueber-anderen-laendern–9190450.html


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