– XII.IV.MMXX –

Ein sehr hörenswerter Beitrag mit dem Ästhetik-Professor Bazon Brock. U.a. meint er:

Eine vernünftige Prophetie rechne mit der Möglichkeit; rechne damit, dass es eine solche geben kann. Sie rechne mit den anderen Möglichkeiten, die man geglaubt habe, sich mit der einen Entscheidung vom Halse gehalten zu haben. Aber in der Geschichte sei es so, dass nichts ausscheide durch die Wahl, die man getroffen habe. Dies sei eine Zufallsentscheidung über bestimmte Aspekte, dessen was man gerade im Kopf habe, und das reiche nicht hin, um sich auf die Gesamtheit der Möglichkeiten, die in einer Zeit gegeben seien, zu orientieren. Also: rechnet auch mit den anderen Möglichkeiten!

Es gehe immer darum, Alternativen zu haben. Wenn die Kanzlerin sagt, es gebe keine Alternative, dann sei sie keine Politikerin. Denn Politik heißt, dafür zu sorgen, dass es immer auch andere Möglichkeiten gibt. Wenn es keine Alternativen gäbe, bräuchte man keine Regierung.

Es sei das menschlich Wichtige, in der Organisation des Überlebens Alternativen zu haben. Man nenne das Optionen.

Das sei das Zeichen der Dummheit (am Beispiel von fehlender Schutzkleidung und fehlenden Atemmasken in einer Pandemie): Wer mit den Möglichkeiten nicht rechne, sei prinzipiell dumm und kein Politiker und auch kein Unternehmer und kein Entscheider. Man müsse damit rechnen; man müsse Vorratshaltung betreiben (Hinweis auf die biblische Geschichte, in sieben fetten Jahren Vorrat anzulegen für die mageren Jahre).

Immer denken mit den Möglichkeiten, die scheinbar ausgeschlossen, die aber als Möglichkeiten immer existent seien. Wir seien gezwungen, immer auch mit den Möglichkeiten zu rechnen, für die wir uns nicht entschieden haben.

Geschichtlich werde immer der Sünder hofiert.

»Weniger Umweltverschmutzung, mehr Solidarität und Miteinander: Dass die Welt nach Corona eine bessere sein wird – davon sind viele überzeugt. Unsinn, meint Ästhetik-Professor Bazon Brock. Bisher habe die Menschheit noch aus keiner Katastrophe gelernt.«

»„Das sind völlig unsinnige Aussagen. Empirisch ist es so, dass nach allen Katastrophen sich nichts geändert hat. Es wurden nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs die Uno und die Unesco eingerichtet. Haben sie was bewirkt? Nein. Gab es weniger Kriege? Nein, im Gegenteil. Es gab latent über die Zeit jeweils 40 Kriege, die in der Welt stattgefunden haben. Hat man aus der Bankenkrise 2008/09 irgendwas gelernt? Nein. 2010 ging die Spekulationswelle, das Hasardeurspiel der Banken in noch viel extremerer Weise weiter.“«

»Man habe aus der Geschichte niemals gelernt, sagt Brock – „außer in den Fällen, in denen man durch die Beschneidung des Machtwahnsinns bei Bankern oder Adolf Hitler oder Stalin oder was immer eine bestimmte Zeit Ruhe hatte vor den Irrtümern, die immer aus Allmachtswahnsinn entstehen.“ Zu sagen, alles werde sich ändern, sei „Augenwischerei“ und reine Ideologie.«

»Die Katastrophe sei nichts anderes als eine zeitweise Stillstellung der Allmachtsfantasien von Bankern, Diktatoren, Popen, Religionsstiftern und Begründern irgendwelcher Weltanschauungen: „Mehr kommt nicht heraus.“«

Ästhetik-Professor Bazon Brock, Vera Linß  |  Deutschlandfunk Kultur  |  11.04.2020  |  Bazon Brock über die Coronakrise: „Optimisten sind Volksverdummer“  |  Hören


»die Politik hat jetzt eine sehr einseitige Ausrichtung auf die Intensivbehandlung, auf das Kaufen neuer Beatmungsgeräte, auf Ausloben von Intensivbetten. Und wir müssen ja bedenken, dass es sich bei den schwer erkrankten COVID-19-Betroffenen, so nennt man ja die Erkrankung, meistens um hochaltrige, vielfach erkrankte Menschen handelt, 40 Prozent von denen kommen schwerstpflegebedürftig aus Pflegeheimen, und in Italien sind von 2.003 Todesfällen nur drei Patienten ohne schwere Vorerkrankungen gewesen. Also es ist eine Gruppe, die üblicherweise und bislang immer mehr Palliativmedizin bekommen hat als Intensivmedizin, und jetzt wird so eine neue Erkrankung diagnostiziert und da macht man aus diesen ganzen Patienten Intensivpatienten.«

»wir sollen als Ärzte ja mehr nutzen als schaden. Da fragt man sich natürlich bei einer Erkrankung, wenn die schlimm verläuft, also zum Atemversagen führt, dann können wir tatsächlich nach einer chinesischen Studie nur drei Prozent der Betroffenen retten, 97 Prozent versterben trotz Maximaltherapie – so eine Intensivtherapie ist leidvoll, da stimmt ja schon das Verhältnis zwischen Nutzen und Schaden kaum.«

»der Nutzen ist so, dass man nur ganz minimal wenige Patienten rettet, von denen kommen nur wenige dann auch zurück in ihr altes Leben, eine große Zahl von denen, die man rettet, nach zwei bis drei Wochen Beatmung, verbleiben schwerstbehindert. Und das sind Zustände, die lehnen die meisten älteren Menschen für sich ab. Also Eingriffe, die mit dem hohen Risiko einer bleibenden Schwerbehinderung einhergehen, die lehnen ältere Menschen eigentlich ab. Deshalb erreicht man eigentlich Therapieziele für diese Patienten nicht, das heißt, die Indikation ist schon fraglich.«

»Geld spielt bei der Intensivmedizin eine Rolle« »in der Vergangenheit hat sich schon gezeigt, dass sich die hochpreisige Intensivmedizin in einen Bereich ausgedehnt hat, wo das die meisten Menschen für sich nicht wollen, und wir wissen aus Befragungen, dass Patientenverfügungen, die das relativ eindeutig ausschließen, oftmals nicht beachtet wurden. Also von daher gibt es schon deutliche Hinweise, dass da Geld eine Rolle spielt, und wir wissen ja alle, dass Beatmungsmedizin extrem gut vergütet wird, da wird ein Tag zum Beispiel über 24 Stunden Beatmung teilweise mit über 20.000 Euro vergütet.«

»man sollte die Patienten tatsächlich ehrlich aufklären, dass Intensivmedizin nur mit minimalen Rettungschancen bei hoher Leidenslast durch die Intensivmedizin einhergeht, und fragen, möchten Sie das so, möchten Sie isoliert von Ihrer Familie, getrennt, die nicht mehr sehen, am Lebensende beatmet auf einer Intensivstation liegen, oder möchten Sie vielleicht doch lieber mit dem Risiko, dass Sie das nicht überleben, zu Hause bleiben, gut leidensgelindert? Und ich sage Ihnen, die meisten alten Menschen werden diesen zweiten Weg gehen, wenn man denen das ehrlich sagt.«

Matthias Thöns (Facharzt für Notfall- und Palliativmedizin in Witten in Nordrhein-Westfalen), Peter Sawicki  |  Deutschlandfunk  |  11.04.2020  | Palliativmediziner zu COVID-19-Behandlungen: „Sehr falsche Prioritäten gesetzt und alle ethischen Prinzipien verletzt“ Hören :: Lesen


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2 Antworten zu – XII.IV.MMXX –

  1. mikesch1234 schreibt:

    Hat dies auf ilseluise rebloggt und kommentierte:
    Mut ist, wenn die Schranke im Kopf zerbricht

    Das ist so richtig und wichtig:
    »man sollte die Patienten tatsächlich ehrlich aufklären, dass Intensivmedizin nur mit minimalen Rettungschancen bei hoher Leidenslast durch die Intensivmedizin einhergeht, und fragen, möchten Sie das so, möchten Sie isoliert von Ihrer Familie, getrennt, die nicht mehr sehen, am Lebensende beatmet auf einer Intensivstation liegen, oder möchten Sie vielleicht doch lieber mit dem Risiko, dass Sie das nicht überleben, zu Hause bleiben, gut leidensgelindert? Und ich sage Ihnen, die meisten alten Menschen werden diesen zweiten Weg gehen, wenn man denen das ehrlich sagt.«

    Gefällt 2 Personen

  2. rotewelt schreibt:

    Bazon Brook hat schon viele intelligente Dinge gesagt, er ist ein guter Beobachter und Analytiker dessen, was geschieht und denkt weiter als die meisten Menschen. Die Alternativlosigkeit, die die Kanzlerin sieht oder vielleicht auch nur so verkündet, ist in der Tat ein Armutszeugnis. Auch dass wir von einem Bankkaufmann, einem Tierarzt und einem Virologen mitregiert werden, ist ein Trauerspiel und ein Zeichen des politischen Versagens.
    Auch das in diesen Zeiten die alten Menschen geschützt werden sollen, ist nur vorgeschoben. Sie wurden schon vor Corona nicht geschützt (siehe das Kaputtsparen in den Pflegeheimen) und nun werden sie gänzlich alleingelassen, dürfen ihre lieben Menschen nicht mehr empfangen und viele werden daran sterben. Das einzige, was geschützt werden soll, sind die noch freien Intensivbetten. Um Menschen geht es zuletzt.

    Gefällt 2 Personen

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