Grundlegene tierliche Interessen dürfen nicht niedriger gewertet werden als menschliche Interessen; es hülfe uns, unsere schwindenden Lebensgrundlagen zu bewahren.

» […] dass es keine empirische Grundlage dafür gibt, zwischen Menschen auf der einen und allen anderen Tieren auf der anderen Seite kategorisch zu unterscheiden. Wir Menschen sind den anderen Tieren in vielerlei Hinsicht ähnlich, vor allem den Säugetieren und hier vor allem den Primaten. Gleichzeitig unterscheiden wir uns natürlich auch auf vielfältigste Weise von ihnen. […] Gerade unsere Besonderheit teilen wir doch mit allen anderen Lebewesen, die diese Erde bevölkern.
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Auch der Klimawandel oder die Gefahr von Pandemien, die wir im Moment sehr eindrücklich zu spüren bekommen, stellen Bereiche dar, die eng mit Fragen der Mensch-Tier-Verhältnisse verbunden sind. […]

So ist es etwa keineswegs unwahrscheinlich, dass die multiresistenten Keime, die hauptsächlich in der Intensivtierhaltung entstehen, die nächste große Gesundheitskrise auslösen werden. Und wie eng der Klimawandel etwa mit der Nutztierhaltung verbunden ist, die einen enormen CO2- und Methan-Fußabdruck hat, wissen wir eigentlich alle.
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In Deutschland legitimiert die Tierschutzgesetzgebung Verhältnisse, bei denen die Bodenhaltung von mehreren hunderttausend Hühnern bei einem Platzangebot von 9 Hennen pro m2 die Norm darstellt. Auch die Haltung von Säuen in fast vollständiger Bewegungsunfähigkeit mehrere Monate im Jahr – zunächst in Kastenständen und später dann in sogenannten Abferkelbuchten – ist übliche und gesetzeskonforme Praxis. […]

Zusätzlich zur unzureichenden Gesetzgebung kommt jedoch noch das Problem, dass die ohnehin schon mangelhaften Bestimmungen kaum überprüft werden, Veterinärämter wegschauen, ein ganzes System daran beteiligt ist, Verstöße gegen das Tierschutzgesetz zu ignorieren und zu verschleiern. In Deutschland haben wir die Situation, dass beinahe alle Anklagen gegen Nutztierhalter*innen im Sande verlaufen, selbst wenn einwandfreies Beweismaterial gegen diese vorliegt.
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In der Schweiz und in der EU fließen diese [Agrarsubventionen] bislang vor allem an flächenstarke, intensiv wirtschaftende Betriebe, die nicht nur Tiere auf krasseste Weise ausbeuten, sondern deren Wirtschaftsweise auch die Lebensgrundlagen dieses Planeten zerstört. […]

Wir brauchen Anreize für mehr Ökologie, mehr Vielfalt, mehr Pflanzenkost – und diese müssen auch finanzieller Natur sein. Dass die Politik hier vielfach mit dem Finger auf die Verbraucher*innen zeigt, ist daher Augenwischerei. Denn parallel fördert sie aus ökonomischen Gründen die Produktion von Billig-Produkten. […]

Ändert sich also der Konsum, nicht aber die Politik, würde sich der Export-Anteil einfach entsprechend vergrößern. […]

Auch über den individuellen Konsum hinaus müssen wir als Gesellschaft klar machen, dass das System sich ändern muss und dass wir die derzeit bestehenden Verhältnisse so nicht mehr hinnehmen werden.
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Die Tierschutzgesetze werden maßgeblich von der Agrarlobby mitbestimmt; ethologische Forschung zu Kühen oder Schweinen wird an Agrarinstituten durchgeführt, für die die Erwirtschaftung von Gewinnen mit den Tieren eine zentrale Grundlage ihres Selbstverständnisses darstellt.
Dass da Interessenskonflikte bestehen, ist unvermeidbar.

Diese Verhältnisse führen dann dazu, dass etwa die Haltung in dunklen Ställen mit Spaltenböden zu „Tierwohl“ umdeklariert wird – wie es zumindest in Deutschland mit dem neuen „Tierwohl-Label“ derzeit der Fall ist – oder eine Haltungsform als „artgerecht“ bezeichnet wird, weil es einen kleinen Außenbereich gibt, der angesichts der Masse an gehaltenen Tieren für die meisten Tiere gar nicht erreichbar ist.

Hier geht es aber darum, Produkte zu verkaufen, indem man den Konsument*innen ein reineres Gewissen verspricht. Von tiefstem Herzen glauben, dass solche Haltungsformen für die Tiere gut sind, tut sicher kaum jemand.
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wenn man denjenigen die Beantwortung der Frage nach den tierlichen Bedürfnissen überlassen würde, die nicht von der Ausbeutung dieser Tiere profitieren, dann bestünde in den grundlegenden Fragen sicher weitestgehende Einigkeit.
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Es dürfen dann eben nicht mehr in fast allen Fällen die menschlichen Interessen – und seien sie noch so trivial – höher gewertet werden als grundlegende Interessen nichtmenschlicher Tiere, wie etwa deren Interesse an Leben und körperlicher Unversehrtheit. […] «

Aiyana Rosen | philosophie.ch | 20.05.2020 | Human-Animal Studies, Tierrechte und die Notwendigkeit eines Wandels in den Verhältnissen zwischen ‚Mensch und Tier‘ – Ein Interview mit der Politikwissenschaftlerin und Philosophin Aiyana Rosen | https://www.philosophie.ch/artikel/human-animal-studies-tierrechte-und-die-notwendigkeit-eines-wandels-in-den-verhaeltnissen-zwischen-mensch-und-tier

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